Diese Ausstellung geht durch die Ohren

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Das erste Studio von Radio Lora an der Mainaustrasse im Zürcher Seefeld im Jahr 1986. Foto: Radio-Lora-Archiv

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 8. November 2018.

Seit 35 Jahren sendet Radio Lora interkulturelle Programme und Musik. Nun wird dem alternativen Lokalradio aus Zürich eine Ausstellung gewidmet.

Noch finden letzte Abbauarbeiten der vergangenen Ausstellung statt, doch bald soll in der Shedhalle, einem Ausstellungsraum der Roten Fabrik, ein nicht-kommerzielles Lokalradio aus Zürich im Mittelpunkt stehen. Radio Lora wurde vor 35 Jahren, 1983, die Sendekonzession erteilt. «Die Idee zur Ausstellung ist letztes Jahr entstanden», erklärt Judith Grosse. Sie ist Kuratorin und zeitgleich PR-Verantwortliche des Radios.

Doch warum gerade jetzt? «Das 25-Jahr-Jubiläum haben wir natürlich damals gross gefeiert, doch seither hat sich viel verändert, und ein runder Geburtstag ist ein guter Anlass für eine Bestandsaufnahme», sagt die Ausstellungsmacherin. Genau diese Veränderungen sollen nun sichtbar gemacht werden.

Keine glatte Erfolgsgeschichte
«Reclaim the Radio!» heisst die Archivausstellung. Sie will einen Bogen spannen von der Entstehung des Senders im Kontext der autonomen Jugendbewegung im Zürich der 70er und 80er Jahre bis in die digitale Ära. «Wir zeigen Dokumente, Lora-Werbematerialien und Presseartikel aus unseren Archiven, aber auch privaten Sammlungen», erklärt Grosse. Dabei werden Rückschläge nicht verheimlicht.
Es gab in der Geschichte des Radios immer wieder Konflikte, die teilweise eskaliert sind. Der «Tages-Anzeiger» berichtete unter anderem 2012, dass es hinter den Kulissen des Radios rumore. «Offenbar gibt es Grabenkämpfe um eine Neuausrichtung des Radios, die nun zum Problem werden», schrieb der «Tagi» damals.

«Auf den ersten Blick ist die Geschichte von Lora keine glatte Erfolgserzählung – immer wieder gab es Auseinandersetzungen, Rückschläge, aber auch Neuanfänge», sagt Grosse. Und genau darum sei Loras Geschichte doch ein Erfolg und eben auch sehr spannend. Heute habe sich das aber alles wieder beruhigt. «Seither haben wir unsere internen Prozesse angepasst, der Vorstand hat sich stark engagiert.»

Radio Lora wird aktuell von einer Stiftung und einem Verein getragen. Die Stiftung hat die Sendekonzession des Bundesamts für Kommunikation (Bakom) inne, der Verein betreibt das Radio mit Sitz an der Militärstrasse im Kreis 4. Um diese Doppelstruktur zu entflechten, plant Radio Lora eine grosse Veränderung: Stiftung und Verein will man im kommenden Jahr in einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft vereinen. Das ist eine Vorgabe des Bakom. Wie dem Jahresbericht zu entnehmen ist, muss bei Lora bis zur Neukonzessionierung im Jahr 2019 die Inhaberin der Sendekonzession sowie die Betreiberin des Radios ein und dieselbe Organisation sein.

Das Radio hat ausserdem ein neues Logo erhalten. Die Entwürfe stammen alle von Grafik-Lernenden an der Schule für Gestaltung Zürich. Ausgewählt haben es die Lora-Mitglieder. «In der Ausstellung zeigen wir auch eine Auswahl derjenigen Entwürfe, die es nicht geschafft haben», verspricht Grosse. Ebenfalls Teil der Ausstellung sind Hörstationen, Live-Talk-Runden und ein Audiokunst-Festival. Die beiden Letzteren werden im Programm des Radios zu hören sein – «für alle, die nicht vorbeikommen können», sagt die Kuratorin.
Ursprünglich war das Lokalradio an der Mainaustrasse in Riesbach beheimatet gewesen. Nach einem Brandanschlag zog es den alternativen Sender aber in den Kreis 4. Radio Lora ist ein Kind der Radiopiratenszene. Während der Jugendunruhen 1981 hatte eine Gruppe von Radiomachenden aus dem Autonomen Jugendzentrum gesendet. Erst am 14. November 1983 erhielt der Sender eine Konzession.

Heute ist Lora eines von 17 Radios, die in der Unikom, dem Verband der nicht-gewinnorientierten Radios, zusammengeschlossen sind. Dazu gehören beispielsweise das Winterthurer Radio Stadtfilter, der Aarauer Kanal K oder Radio 3fach in Luzern. Die eigenen Hörerzahlen misst Radio Lora nicht. Die Marktforschung sei laut Judith Grosse zu teuer und nicht auf Profil sowie Publikum nicht-kommerzieller Sender ausgerichtet. Wie Unikom auf Anfrage sagt, kann aufgrund von vergleichbaren Programmen davon ausgegangen werden, dass «Lora» täglich über 30 000 Zuhörerinnen und Zuhörer erreicht.

Ein Blick hinter die Kulissen
Finanziert wird das werbefreie Radio Lora durch Mitgliederbeiträge und Geld aus dem Billag-Gebührentopf. Würden die Gebühreneinnahmen wegfallen, wäre das ein grosses Problem. «Dann müssten wir uns wie zur Gründungszeit alleine über die Mitgliederbeiträge finanzieren», sagt Grosse. Das sei schwierig gewesen und werde in der Ausstellung ebenfalls thematisiert. Grosse: «Wir wollen das Publikum hinter die Kulissen des Radios blicken lassen, aber auch die Aussenperspektive zeigen.»

«Reclaim the Radio!»: Ausstellung zu 35 Jahren Radio Lora bis 6. Januar 2019. Shedhalle, Rote Fabrik, Seestrasse 395. www.lora.ch

Sie ist die einzige Schweizerin im Weltcup

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 11. Oktober 2018.

Die Wollishofer Skiakrobatin Carol Bouvard bereitet sich gerade auf die nächste Saison vor: Das Ziel ist die Weltmeisterschaft im amerikanischen Park City. «Zürich 2» hat sie beim Sommertraining besucht.

Stufe für Stufe steigt sie die hölzerne Treppe hoch. Auf den Schultern zwei Ski, ihr Anzug noch tropfend von der letzten Landung im Pool. Gegenüber von Feldern, am Rand des Dorfs Mettmenstetten im Säuliamt, steht eine grosse Wasserschanze. «Jumpin» heisst die Trainingsanlage. Dort rackerte sich Carol Bouvard im Sommer fast täglich ab. Noch ein paar Sprünge sind es an diesem Vormittag, bis die Wollishoferin Zeit hat für ein Gespräch. Immer wieder brettert sie die Schanze herunter, steigt in die Höhe, dreht sich spektakulär und landet dann mit einem lauten Platschen im Wasser.

Die 20-Jährige bereitete sich gerade für die nächste Saison vor. Sie ist Skiakrobatin – die einzige Frau auf Welt-Niveau in der Schweiz. Heute nennt sich die Disziplin zwar modern «Aerials», aber es geht immer noch darum, in der Luft in bis zu 15 Meter Höhe Saltos und Schrauben zu drehen.

Das Ziel sind Dreifachsalti

«Im Sommer trainieren wir bis zu 30 Stunden pro Woche», erzählt die Wollishoferin. Wer diesen Sport betreibt, kommt in der Schweiz nach Mettmenstetten. In dieses Dorf im Bezirk Affoltern pilgern alle aus der Freestyle-Ski-Szene. «Hier steht die grösste Wasserschanze, auf der wir den ganzen Sommer trainieren können», so Bouvard. Der Grund dafür heisst Andreas «Sonny» Schönbächler. Der Freestyle-Skispringer gewann an den Olympische Winterspielen im norwegischen Lillehammer 1994 die Goldmedaille. Er initiierte das Projekt. Es kommt sogar vor, dass Sportler aus Weissrussland – laut der Athletin eine der Top-Nationen bei den Skiakrobaten – hier trainieren.

Der Aufstieg zum Turm der Wasserschanze ist für Laien zwar schon Training genug, doch für Bouvard, die letztes Jahr die Matur abgeschlossen hat, selbstredend nur der Weg zum Ziel. Im Sommer macht sie neben Kraft- und Rumpftraining täglich etwa zehn Doppelsalti. «Mein Ziel sind Dreifachsalti», so die Skiakrobatin.

Bouvard, die Leiterin beim Turnverein Wiedikon ist, kam über das Geräteturnen zum Nischensport Skiakrobatik. «Es brauchte schon Überwindung, aber mir hat der Sport sehr gut gefallen.» Vor grösseren Verletzungen ist sie bisher ausser einer Hirnerschütterung und einem Kreuzbandriss verschont geblieben. «Unser Sport ist wahrscheinlich nicht gefährlicher als Fussballspielen», ergänzt sie schmunzelnd.

Olympia hat noch nicht geklappt

Das Schweizer A- und B-Kader besteht aus vier Männern und einer Frau. Aktuell trainiert die Sportlerin in Saas-Fee für ihre zweite Weltcup-Saison, die im Januar startet. Ihr bisher grösster Erfolg war der dritte Rang im Februar an der Junioren-WM im weissrussischen Minsk.

Für den grossen Traum – eine Teilnahme an Olympia 2018 in Pyeongchang in Südkorea – hatte es allerdings knapp nicht gereicht. «Das Niveau für die Qualifikation war hoch», sagt Bouvard. Sie hätte zwei Top-12-Resultate im Weltcup gebraucht, am Ende waren es ein 14. und ein 15. Platz. Die Selektionäre vom Verband zeigten keine Gnade. Der nächste Meilenstein ist nun die Weltmeisterschaft in Park City im amerikanischen Bundesstaat Utah. Und das Fernziel die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking.

Trotz Sponsoren, alleine vom Sport leben könne kein Skiakrobat. In dieser Randsportart sei es grundsätzlich schwierig, Sponsoren zu finden. «Im Vergleich zu anderen Disziplinen geht es uns aber gut», betont die Zürcherin. Sie würden den Mitgliederbeitrag bezahlen, für Unterkünfte, Reisen oder Trainer kommt der Verband auf.

Ganz alles ist jedoch nicht dabei. Einen Physiotherapeuten haben sich Bouvard und ihre Team-Kollegen letztes Jahr erfolgreich über eine Crowdfunding-Plattform finanziert. Eine gern gesehene Geldspritze ist deshalb das Militär: Erst im Juni schloss Bouvard den ersten Teil der Spitzensport-Rekrutenschule ab, der Zweite folgt im kommenden Frühling.

«Auf dem Karrierehöhepunkt ist man bei der Skiakrobatik erst mit etwa 30 Jahren», so die Profi-Sportlerin. Mindestens bis Olympia in Peking in vier Jahren will die Wollishoferin noch springen – was danach kommt, ist allerdings offen. Ab Sommer 2019 lockt der Vorlesungssaal an der Universität Zürich oder ETH – «irgendwas Richtung Naturwissenschaften». Sie möchte Teilzeit studieren, damit sie weiter springen könne. Jemand aus ihrem Team studiere Wirtschaft. «Das ist sicher machbar», ist die 20-Jährige überzeugt.

Doch jetzt freut sie sich erst mal auf den Start in die neue Weltcup-Saison in Lake Placid, USA, – auch wenn ihre Lieblingsanlage aus dem Europacup im finnischen Ruka nicht auf dem Weltcup-Programm steht.

Ein Wahlzürcher leitete den Orientexpress

Zürich 2: «Ein Wahlzürcher leitete den Orientexpress»
Zürich 2: «Ein Wahlzürcher leitete den Orientexpress»

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 14. Juni 2018.

Er ist ein Star in Film und Literatur: Der Orientexpress. Ein neues Buch beleuchtet das Wirken von Jakob Müller, der die Orientbahn durch die Wirren des Ersten Weltkriegs erfolgreich leitete.

Es war eine Zeit des Aufbruchs und der Gotthard-Durchstich das Thema der Epoche. Der «Hype» der Eisenbahnen hatte auch Einfluss auf den jungen Jakob Müller aus dem luzernischen Rain. Kein Wunder also, trat er 1875 bei Alfred Eschers Nordostbahn ein – wohl für eine betriebliche Anlehre, wie es im neuen Buch «Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn» heisst. «Die Schweiz war ein bevorzugter Arbeitsmarkt für Ingenieure und Beamte des Eisenbahnwesens», schreibt Autor Karl Lüönd. Entsprechend konnte es auch passieren, dass die Fachkräfte vom Ausland abgeworben wurden.

Jakob Müller verschlug es 1877, mit 20 Jahren, nach Konstantinopel. Dort nahm er eine Stelle als Stationsvorsteher an. Seit 1883 verkehrte der Orientexpress zwischen Paris und der damaligen Hauptstadt des Osmanischen Reichs und Müller arbeitete quasi an deren Endstation im Orient.

Osmanisches Reich fiel zusammen
Doch der Luzerner, der seinen Ruhestand am Zürichberg verbrachte, stieg rasch auf. Mit 42 Jahren wurde er Subdirektor der Betriebsgesellschaft der Orientalischen Eisenbahnen – kurz Orientbahn. Eben dieser Bahngesellschaft, die den weltberühmten Orientexpress betrieb. Sein Jahresgehalt betrug 32 000 Francs, was für damalige Verhältnisse «ein fürstliches Auskommen» darstellte. Der Vizedirektor einer schweizerischen Grossbank habe maximal 20 000 Franken verdient.
Das Einkommen ermöglichte Müller laut Lüönd einen komfortablen Lebensstil. Im Sommer lebte er mit seiner Familie in einer Villa am Bosporus, nahe der Orientbahn, «sodass der Vater zu Fuss zum Dienst gehen konnte». Im Winter wohnte man im Konstantinopler Ausländerviertel Pera in einer grossen Wohnung. «Wenn die Familie in die Schweiz reiste, wurde ein Extrawagen an den Orientexpress gehängt», so Lüönd.

Doch das Geld musste sich der spätere Wahlzürcher verdienen. Das Osmanische Reich war im Begriff zusammenzubrechen. Die Griechen und Bulgaren sowie Serbien forderten die Unabhängigkeit. Im Buch dokumentiert Karl Lüönd die damalige Zeit unter anderem anhand von Fotografien aus einem von Jakob Müller angelegten Album. Am 5. Juni 1911 reiste Sultan Mehmed V. für drei Wochen durch die europäischen Provinzen seines Reiches. Er wollte dem wachsenden Nationalismus bei seinen Untertanen entgegenwirken. Müller, der dem Sultan freundschaftliche verbunden war, begleitete ihn und fotografierte das Geschehen. Obwohl die Bilder geordnete Verhältnisse zeigen, kam die Friedensmission zu spät. Von 1912 bis 1913 wüteten die Balkankriege. Das Osmanische Reich war gezwungen, sich im europäischen Teil seines Staatsgebiets bis auf die Grenzen der heutigen Türkei zurückzuziehen. Müllers Ziel, ab 1913 als «oberster Manager», war es immer, die Orientbahn weiter zu betreiben – was viel diplomatisches Geschick erforderte. «Der Alltag in diesen unruhigen Zeiten war turbulent», schreibt Lüönd, der bereits über fünfzig Biografien und Sachbücher publiziert hat. Im Sommer 1911 sei keine Woche ohne Zwischenfälle vergangen. Am laufenden Band gab es Bombenattentate auf die Gleise. «Die im Balkankrieg angerichteten Schäden an Strecken und Rollmaterial der Orientbahn waren enorm», so Lüönd. Mehrere Brücken und Viadukte waren gesprengt worden. Auf dem Hauptnetz befanden sich 16 von 79 Lokomotiven in fremden Händen.

Bahn war stets rentabel

Doch selbst als der Erste Weltkrieg folgte, rentierte die Orientbahn weiter. Die Einnahmen aus dem Personenverkehr schwanden zwar massiv dahin, dafür nahmen Waren- und Truppentransporte zu. Zudem betrieb die Gesellschaft den öffentlichen Nahverkehr in Konstantinopel und Saloniki. Neben vielen geschichtlichen Informationen beleuchtet das vom Verein für wirtschaftshistorische Studien herausgegebene Werk die interessanten Hintergründe rund um die Finanzierung der Bahn.

Mit 60 Jahren, am 26. November 1917, gab Müller seinen Rücktritt. 40 Jahre im Dienst der Orientbahn waren wohl genug. «Offenkundig sah Müller das Nachkriegs-Chaos kommen und zog sich rechtzeitig zurück», urteilt Lüönd. Er zog in die Schweiz, nach Zürich. Dort lebte der an Lungenkrebs erkrankte Bahnpionier fünf Jahre an der Germaniastrasse 56. Er wurde am 16. Oktober 1922 auf dem Friedhof Nordheim nahe des Bucheggplatzes beigesetzt.

Karl Lüönd: «Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn». 96 Seiten, 69 Abbildungen. www.pioniere.ch

Reformation bei Daten gefordert

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 31. Mai 2018.

Das Turmgespräch mit dem Thema «Seele in der digitalen Arbeitswelt» lief in eine andere Richtung, als der Titel hätte vermuten lassen. Dafür entwickelte sich mit dem ehemaligen ETH-Präsidenten Ernst Hafen eine lebhafte Diskussion rund um elektronische Daten und Privatsphäre.

Überall werden Daten gesammelt – sei es von Internetkonzernen wie Google oder Facebook, digitalen Lernplattformen oder Gesundheitsapps. Bei vielen kostenlosen Angeboten zahlen die Nutzerinnen und Nutzer indirekt mit ihren Daten, indem sie diese oft unbewusst zur Nutzung freigeben. Verschiedene Anbieter verfügen über persönliche Daten von jeder Person. Doch erst die Zusammenführung all dieser Daten entwickelt ihr wahres Potenzial. So zumindest die Quintessenz aus dem Turmgespräch zum Thema “Seele in der digitalen Arbeitswelt” unter dem Hauptthema “O Seele, wo bist du”.
Jeweils am 20. des Monats diskutieren Gäste im Turm des St. Peters eine Stunde lang. Moderiert wird der Anlass von David Guggenbühl, Vizepräsident der Kirchenpflege St. Peter in Zürich.

“Digitale Leibeigenschaft”
Schnell zeichnete sich an diesem Abend ab, dass das Thema “Seele in der digitalen Arbeitswelt” zu eng gefasst war. St.-Peter-Pfarrer Ueli Greminger sorgte am Anfang für die Einordnung: In der Reformation habe Martin Luther von der babylonischen Gefangenschaft gesprochen. Dabei ging es um die Fremdbestimmung durch Rom. Greminger stellte damit den Bezug zur Gegenwart und zur digitalisierten Welt her.
“Heute sind wir nicht mehr von Rom abhängig, sondern von grossen Datenkonzernen”, urteilte Ernst Hafen. “Wir zahlen mit unseren Daten”, so der ETH-Professor. Früher sei die Kirche das Subjekt und der Mensch das Objekt gewesen. Sie habe gesagt, was man glauben müsse. Heute seien die Menschen das Objekt von Internetkonzernen. “Wir müssen die Kontrolle über unsere Daten zurückverlangen können”, sagte Hafen – quasi eine Reformation 2.0. Er sprach von “digitaler Leibeigenschaft”.

Bank für Daten gegründet
2012 hatte der Biologe den Verein “Daten & Gesundheit” mitgegründet. Der Zweck des Vereins ist, die Debatte über die Sammlung und Verwendung von individuellen medizinischen Daten in der Schweiz voranzubringen. Das Ziel: Schaffung von genossenschaftlichen Datenbanken, also Organisationen, bei denen man seine elektronischen Daten, ähnlich wie bei einem Finanzinstitut, lagern kann. Eine solche baut er aktuell auf, sie nennt sich “midata.coop“. “Das hat nichts mit Coop zu tun”, fügte er augenzwinkernd an.

Recht auf Kopie der Daten
Die Idee dahinter ist, dass die Menschen ihre elektronischen Daten an einem sicheren Ort speichern – und selber darüber verfügen können. Anfänglich soll der Fokus vor allem auf Gesundheitsdaten liegen. Bürgerinnen und Bürger sollen die vorhanden elektronischen Daten über sich zusammenführen. “Google weiss mehr über mich, als mein Hausarzt, aber nie so viel wie ich, weil ich die Daten zusammenführen kann”, erklärt Hafen das System. Der Wert der Daten steige durch die Ansammlung. Je mehr Daten eine solche “Datenbank” hat, je interessanter werden die Inhalte – auch für die Forschung. Kurz gesagt: Wer die Daten hat, hat auch die Macht darüber. Doch dafür muss laut Hafen eine Grundvoraussetzung erfüllt sein: Das Recht, eine Kopie der Daten zu erhalten, die von Organisationen oder Privaten über die eigene Person erhoben wurden. Die neue Datenschutzverordnung der Europäischen Union würde dieses “Recht auf Kopie” ermöglichen. Für eine ähnliche Regelung in der Schweiz will sich Hafen starkmachen – wenn nötig mit einer Volksinitiative.

Laura Greminger, die im Bereich Denkmalpflege arbeitet, zeigte sich skeptisch: “Ist es nicht auch eine Gefahr, wenn alle Daten an einem Ort gespeichert werden?” Das sei die gleiche Argumentation, wie wenn man das Geld im Garten vergrabe, statt zur Bank zu bringen, antwortete Hafen. “Es gibt keine absolute Sicherheit.” Die Reputation der “Datenbank” sei deshalb das A und O.

“Fast etwas Apokalyptisches”
Obwohl die Anwesenden grundsätzlich den Argumenten für das Recht auf Kopie zuzustimmen schienen, sorgten sie sich um etwas grundsätzlicheres: “Was nützt es, wenn man das Recht auf Kopie hat, die Konzerne aber immer noch die Daten?” Doch darauf fand die Runde keine abschliessende Antwort.

Die Eigenverantwortung, was mit diesen Daten passiere, sei ein zentrales Element, so Hafen. “Den Leuten ist nicht bewusst, dass man aus einem kleinen bisschen Daten schon viel herausfinden kann”, warf Kevin Schawinski, Astrophysiker und ETH-Professor, ein. Er erwähnte den Social Score in China, ein auf verschiedene Datenbanken zugreifendes Bewertungssystem, mit dem beispielsweise die Kreditwürdigkeit eingeschätzt oder die Reiseerlaubnis beschränkt wird. “Die Technik können wir nicht aufhalten, aber man kann die Entwicklung steuern”, fand Alex Hansen, Korrektor und Textchef.

www.turmgespraeche.ch

Braucht es bald 11 statt 9 Stadträte?

Zuerst veröffentlicht als Kolumne in «Zürich 2» vom 15. März 2018

Jede Woche tagt der Zürcher Gemeinderat – bald in neuer Zusammensetzung. Doch was sich trotz Parteienrochade nicht ändern dürfte, ist die Flut von schriftlichen Anfragen, Postulaten oder Interpellationen, mit denen die Volksvertreterinnen und Volksvertreter Woche für Woche den Stadtrat eindecken.

SPler Florian Utz wollte mit 35 Mitunterzeichnenden im Januar unter anderem wissen, ob der Stadtrat bereit sei, dafür zu sorgen, dass das Tiefbau- und Entsorgungsdepartement (TED) «inskünftig keine Glasflaschen auf Velowegen mehr zerschlägt». Hintergrund war ein Artikel im «Beobachter» gewesen. Notabene hatte es sich das TED zwar in einer öffentlichen Stellungnahme geäussert, aber die Antwort befriedigte die Wissbegierde der Politiker offenbar nicht.

Noch stärker die Augen reiben musste ich mir wegen einer Anfrage der beiden Grünen-Politiker Gabriele Kisker und Markus Knauss. Sie stellten zehn sehr lange Fragen wegen der Rahmenbewilligung des Formel-E-Rennens. Dies, obwohl der Stadtrat kurz zuvor eine Interpellation der SP-Gemeinderäte Anjushka Früh und Pawel Silberring zum selben Thema detailliert beantwortet hatte.

Doch Fragen ist keineswegs eine linke Spezialität. So reichten FDPler Patrick Albrecht und CVPler Markus Hungerbühler Ende Februar eine schriftliche Anfrage zu Händetrocknern in öffentlichen WC-Anlagen ein. Löblich, dass sich Politiker so um die Handhygiene der Bürgerinnen und Bürger kümmern.

Eins ist klar: Es ist wichtig, dass die Gemeinderäte dem Stadtrat und der Verwaltung auf die Finger schauen. Allerdings sorgt die Beantwortung der ganzen Interpellationen, Postulate und Anfragen für hohen Aufwand. Gerade die Bürgerlichen machen sich aber für eine Reduzierung der Stadträte von 9 auf 7 Personen stark. Über die Initiative «7 statt 9 Stadträte» wird am Ende das Volk entscheiden – im Gemeinderat wurde das Anliegen knapp mit Stichentscheid abgelehnt.

Die Initiative bezweckt eigentlich eine Verwaltungsreform. Gibt es weniger Stadträte, müssen Ämter zusammengelegt werden. Das könnte zur Verschlankung des Verwaltungsapparats führen. Doch wenn der Gemeinderat die Verwaltung mit Zusatzarbeit eindeckt, wird das wohl ein hehres Ziel bleiben. Dann braucht es am Ende gar 11 statt 9 Stadträte.

Übrigens: Wir Journalisten gehen nicht gerade mit gutem Beispiel voran. Für gute Geschichten sind wir auf detaillierte Antworten angewiesen – davon können die Medienstellen ein Liedchen singen. Jedoch: Wenn wir eine Antwort erhalten, wird meist ein Artikel daraus. Viele Antworten des Stadtrats verlassen aber das Rathaus nicht, wenn sie nicht interessant genug für die Medien sind.