Genossenschaft sucht nach Besonderem

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 28. November 2019.

Das Mysterium Neubühl zieht noch immer: Das bewies die Vernissage eines neuen Buchs über die einst visionäre Genossenschaft.

Die Werkbundsiedlung Neubühl in Wollishofen galt einst wegen ihrer Architektur als visionär, und dieser Ruf hallt bis heute nach. Das hat die Vernissage zum Buch «Im Dorf vor der Stadt» von Emanuel La Roche deutlich gezeigt. Nicht nur Genossenschafterinnen und Genossenschafter wollten in alten Erinnerungen an die Siedlung am Rande der Stadt schwelgen, auch Prominente waren kürzlich im blauen Saal des Volkshauses zahlreich anzutreffen.

So etwa die Journalistin Isolde Schaad, der Schriftsteller Franz Hohler, Altstadtrat Hans Wehrli und Jazzmusiker Bruno Spoerri mit seiner Lebensgefährtin und Journalistin Dorine Abegg.

Eine isolierte Insel
Die Genossenschaft muss also nicht nur für ihre Bewohnerinnen und Bewohner etwas Besonderes sein. Immer wieder war an diesem Abend vom Neubühl-Geist die Rede, der die visionäre Überbauung durchdrang und auf dessen Spuren sich der Autor und Journalist in seiner Chronik begeben hatte. Die anwesenden Genossenschafterinnen und Genossenschafter, viele bereits ergraut, schienen sich dadurch bestätigt zu sehen.

Publizist Benedikt Loderer, der sich als Architekturkritiker schweizweit einen Namen gemacht hat, nahm den exemplarischen Gründergeist denn auch ein bisschen aufs Korn in seiner eigens verfassten Kurzgeschichte, in der er in Anlehnung an grosse literarische Vorbilder Aufnahmerituale und Wehrhaftigkeit der Stammesgemeinschaft vor Eindringlingen analysierte. Das erinnerte etwas an das gallische Dorf von Asterix und Obelix. Im Laufe der Zeit sei die Stadt immer weiter herangekrochen, sagte Loderer. Die einst abgelegene Insel war umzingelt.

Trotz aller Besonderheiten kommt es immer wieder zu banalen Alltagskonflikten. So führten die Benutzung der Waschmaschine, der Kinderlärm und geliebte oder weniger beliebte Haustiere gestern wie heute zu den gleichen Diskussionen wie in vielen anderen Orten. Und doch warteten «sehr viele Leute darauf, hier wohnen zu können», so Genossenschaftspräsidentin Rebecca Omoregie.

Ob das am Geist liegt oder an den mittlerweile tiefen Mietzinsen, musste sie offenlassen. Klar ist: In der Erinnerung lebt der Neubühl-Geist auf jeden Fall fort.

Emanuel La Roche, Im Dorf vor der Stadt. Die Baugenossenschaft Neubühl, 1929 bis 2000. Chronos Verlag 2019, 392 Seiten, 115 Abb. ISBN 978-3-0340-1543-1. 48 Fr. www.neubuehl.ch

Kirchen sind mehr als historische Gebäude

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 7. November 2019.

Aus dem Zürcher Altstadtpanorama nicht wegzudenken: Die Kirche St. Peter mit der grössten Turmuhr Europas. Foto: Lisa Maire

Sie prägten lange Zeit das Wachstum Zürichs: Ein neues Buch beleuchtet die Geschichte der Stadt anhand der Altstadtkirchen.

Heute sind sie schon rein aus touristischer Sicht nicht mehr wegzudenken: die Altstadtkirchen. Doch schon im Hochmittelalter – Mitte 11. Jahrhunderts bis Mitte 13. Jahrhunderts – war Zürich ein Pilgerort. Seine Kirchen und Klöster prägten die Entwicklung der Limmatstadt.

Das neue Buch «Die Zürcher Altstadtkirchen. Eine Stadtgeschichte entlang der Sakralbauten» ähnelt einem Reiseführer. Im Mittelpunkt stehen die Wasserkirche, das Fraumünster, die Predigerkirche, das Grossmünster, der St. Peter, die Augustinerkirche sowie die Liebfrauenkirche. Geschrieben hat es das Vater-Sohn-Autorenduo François Baer und Yves Baer.

Gefoltert in der Kapelle
Die erste Kirche Zürichs war keine der heute berühmten Altstadtkirchen. In mittelalterlichen Chroniken wird die Kapelle St. Stephan als älteste Pfarrkirche bezeichnet. Sie stand südlich der Bahnhofstrasse in der Gegend um den Pelikanplatz. Hier sollen die Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula gefoltert worden sein.

Enthauptet wurden die Stadtheiligen dann aber auf einer kleinen Insel in der Limmat. Dort bauten die Zürcherinnen und Zürcher später die Wasserkirche. Der Kult um Felix und Regula war Reformator Huldrych Zwingli ein Dorn im Auge. Er bezeichnete die Wasserkirche als «rechte Götzenkirche», weshalb sie fast am meisten Änderungen erfuhr. Beim Bildersturm 1524 entfernte man die Altäre und die Orgel. Zwingli liess Bilder, Statuen sowie Wandschmuck abhängen. «Als Folge der Umnutzungen nach der Reformation wurde die Wasserkirche mehrmals umgebaut», so die Autoren. Sie diente zeitweise als Warenlager, danach ab 1634 als erste öffentliche Bibliothek.

Das Grossmünster brennt 1763 nach einem Blitzeinschlag. Erst 1781 bis 1787 erhalten die Türme Kuppeln. Zeichnung: Paul Usteri, Baugeschichtliches Archiv

Karl der Grosse jagte einen Hirsch
Das Grossmünster hat ebenfalls einen starken Bezug zu Felix, Regula und ihrem Diener Exuperantius. So sollen die Stadtheiligen nach ihrer Enthauptung ihre Köpfe ergriffen haben und bis zu ihrer Grabstätte gegangen sein, wo heute die Kirche mit den zwei markanten Türmen steht.

Das Grossmünster ist das historische Wahrzeichen der Stadt Zürich. Und um die Kirche rankt eine weitere Legende: Karl der Grosse habe einen Hirsch von seiner Residenz in Aachen bis nach Zürich verfolgt. Der Hirsch führte ihn an die Grabstätte von Felix und Regula und sei in die Knie gesunken. Karl der Grosse befahl deshalb, eine Kirche zu errichten. «Zwischen 952 und 1055 residierten zwölf Mal die Kaiser in Zürich», schreiben François und Yves Baer. So sei es durchaus denkbar, dass die Gründungslegenden des Grossmünsters und der Wasserkirche einen wahren Kern hätten und Karl der Grosse in Zürich residiert habe. Das lässt sich aber nicht beweisen.

Klar ist hingegen, dass das Grossmünster Ausgangspunkt der Reformation in Zürich war. Zwingli predigte hier, er trat sein Amt am 1. Januar 1519, also vor 500 Jahren, an. Auch architektonisch hat sich die Kirche verändert. «Am 24. August 1763 brannte das Dach des Nordturms aufgrund eines Blitzeinschlages ab, die Glocken wurden mit nassen Kuhhäuten vor dem Schmelzen gerettet», schreiben die Autoren. Ein kompletter Neubau stand zur Diskussion. 1770 erhielten die Türme Balustraden und glichen damit der Notre-Dame in Paris. Zwischen 1781 und 1787 entstanden die Kuppeln.

Das Buch von François Baer und Yves Baer ist mit über 500 Abbildungen reich illustriert. Einige Fotos sind allerdings etwas klein geraten. Neben einer Einführung zur Geschichte der Stadt von der Spätantike bis heute werden die sieben Altstadtkirchen mit je einem Kapitel gewürdigt. Das Buch zeigt Ereignisse entlang der Gotteshäuser auf und stellt wichtige Persönlichkeiten vor. «Die Zürcher Altstadtkirchen. Eine Stadtgeschichte entlang der Sakralbauten» zeichnet die Baugeschichte der Kirchen nach, erzählt, welche Schätze im Verlauf der Jahrhunderte verloren gingen.

Die römisch-katholische Liebfrauenkirche steht geografisch ausserhalb der Altstadt. Sie wurde im Jahr 1894 eingeweiht. Foto: Pascal Wiederkehr

Langer Weg zur eigenen Kirche
Um 1850 war laut Statistik Stadt Zürich über neunzig Prozent der Wohnbevölkerung evangelisch-reformiert. 2017 lebten in Zürich noch rund 21 Prozent Reformierte. Konfessionslose und römisch-katholische Personen sind häufiger vertreten – dies vor allem durch Zuwanderung.

Nur etwa 0,2 Prozent der Bevölkerung ist hingegen christkatholisch. Die Christkatholiken haben ihre Heimstätte in der Augustinerkirche in der Nähe der Bahnhofstrasse. Im Zuge der Reformation wurde die Kirche zur Münzstätte umfunktioniert. Erst 1840 übernahmen die Katholiken die Kirche. Der Streit um die Unfehlbarkeit des Papstes nach dem Ersten Vatikanischen Konzil von 1870 spaltete die Gemeinde in Christkatholiken und romtreue Katholiken. Die Romtreuen waren die Minderheit und verloren die Augustinerkirche. In der damals eigenständigen Gemeinde Aussersihl wurde deshalb die Kirche St. Peter und Paul gebaut. Unter anderem wegen ihrer schlichten Ausstattung und ihrer Lage bezeichnete man sie als Armeleutekirche. Weil die katholische Bevölkerung im 19. Jahrhundert stark wuchs, wurde der Bau weiterer Kirchen nötig. Ab 1893 entstand die Liebfrauenkirche im Stil einer christlichen Basilika. Die Anlehnung an italienische Vorbilder soll die Verbundenheit mit Rom ausdrücken.

Yves Baer, François G. Baer – Die Zürcher Altstadtkirchen. Eine Stadtgeschichte entlang der Sakralbauten. NZZ Libro, 2019. 256 Seiten, über 500 Abbildungen.

Der Kaiser trägt nur edelsten Zwirn

Dort ist die Tür: Der Kaiser (r.) entlässt seinen Weber, weil der lieber Guetzli isst, statt zu arbeiten. Foto: Pascal Wiederkehr
Dort ist die Tür: Der Kaiser (r.) entlässt seinen Weber, weil der lieber Guetzli isst, statt zu arbeiten. Foto: Pascal Wiederkehr

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 25. Juli 2019.

Ein Sommermärchen im Sihlwald: Das Stück «Em Kaiser sini neue Chleider» bringt Kinder und Erwachsene zum Lachen.

«Ab und zu mache ich eine Pause und esse ein paar Guetzli», erzählt Weber Sämi (Yves Ulrich) mit einem Grinsen. Er entspannt sich gerade auf dem kaiserlichen Thron. Auch ein Weber brauche einmal ein bisschen Ruhe. So ein fleissiger Kerl, wie er es sei. Ganz anderer Meinung ist hingegen der Kaiser von Latzhosonien (Beat Gärtner). «Mit seinen ungehobelten Händen bringt er nicht einmal eine Sofadecke fertig», schimpft er.

Im Märchen «Em Kaiser sini neue Chleider» dreht sich alles um die Garderobe von Ihrer Majestät. Der elegante Hofmarschall Helmhuet (Frank Bakker) und der schusslige Oberhofschneider Rümpfli (Nico Jacomet) sorgen sich Tag und Nacht darum, dass der Kaiser bestens gekleidet ist. Vor allem das jüngere Publikum hat viel zu lachen, als dem Kaiser eine Nadel im Allerwertesten stecken bleibt. Weber Sämi, der sie auf dem Thron vergessen hat, wird entlassen.

Das kommt bei der emanzipierten Prinzessin Sidefädeli (Ramona Fattini) schlecht an. Sie hat sich in Sämi verliebt, wie sie ihren Kammerzofen Broschett (Mareen Beutler) und Brischitt (Pascale Sauteur) gesteht. Gut, taucht plötzlich ein neuer Weber auf, der dem Kaiser den edelsten aller Stoffe verspricht. Menschen, die ihres Amtes nicht würdig oder dumm seien, würden ihn nicht einmal sehen. Weil niemand zugeben will, die Kleider nicht sehen zu können, spielt der ganze Hofstaat mit. Es wird fleissig am unsichtbaren Stoff gearbeitet, damit des Kaisers neue Kleider rechtzeitig dem Volk präsentiert werden können.

Nico Jacomet, bekannt als Gründer des Adliswiler «Theaters NI&CO», hat das Dialektmärchen geschrieben. Die Geschichte des Stücks basiert auf dem Märchen des dänischen Autors Hans Christian Andersen. «Em Kaiser sini neue Chleider» ist die erste Produktion des «Theaters im Märliwald».

Die Aufführungen finden auf der Bühne des Freilichttheaters Sihlwald beim Wildnispark Zürich statt. Besonders schön ist, wenn sich die Bühnenwände Richtung Sihl öffnen und der Sihlwald zum Märchenwald wird. Gespielt wird bei jedem Wetter, das Publikum sitzt im Trockenen. Regisseur Jacomet und sein Team überzeugen mit «Em Kaiser sini neue Chleider» nicht nur Kinder. Das Stück hat für Erwachsene einige lustige Anspielungen zu bieten. Gezeigt wird das Märchen noch bis zum 4. August.

«Em Kaiser sini neue Chleider» im Freilichttheater Sihlwald. Aufführungen: 31. Juli, 3. August, 4. August, jeweils 14 Uhr. Tickets: www.turbinetheater.ch

René Fasel: «Ich bin ein grosser Tomaten-Fan»

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 4. April 2019.

Er ist seit 1994 Chef des Internationalen Eishockeyverbandes (IIHF). Nächstes Jahr tritt René Fasel zurück. Im Interview spricht er über die WM 2020 in Zürich und Lausanne, warum er als Präsident aufhört – und seine Passion als Tomatenzüchter.

Von Lorenz Steinmann und Pascal Wiederkehr

Der Internationale Eishockeyverband (IIHF) hat seinen Sitz in der prächtig gelegenen Villa Freigut im Zürcher Enge-Quartier. Im Freigut kam 1895 der langjährige Zürcher Stadtpräsident «Stapi» Emil Landolt zur Welt. Nach dem Kauf der Villa im Jahr 2002 konnte Stararchitektin Tilla Theus einen sehr modernen Anbau erstellen.

Schon 25 Jahre steht der Freiburger René Fasel dem Weltverband vor. Nächstes Jahr tritt er zurück. Fasel ist auch Mitglied des Olympischen Komitees. Der ehemalige Eishockeyschiedsrichter und promovierte Zahnarzt empfängt allein und gut gelaunt im getäferten Sitzungszimmer mit herrlichem Blick auf den Uetliberg. Er wohnt mit seiner Familie in Wädenswil und ist laut eigenen Angaben innert 17 Minuten im Büro – wenn es keinen Verkehr hat. Rund 200 Tage pro Jahr ist er auf der ganzen Welt unterwegs. Gestern war der 69-Jährige noch in Japan.

René Fasel, am 10. Mai startet die WM in der Slowakei. Wird die Schweiz Weltmeister?
Lacht. Eine gute Frage. Das Schöne im Sport ist doch, dass man nie weiss, wie es rauskommt. Das Abschneiden der Schweiz ist sicher abhängig davon, ob NHL-Spieler wie Josi, Fiala, Niederreiter und Andrighetto teilnehmen können oder nicht.

Tut es Ihnen nicht weh, wenn die besten NHL-Spieler meist gar nicht teilnehmen an der WM, weil die NHL-Meisterschaft dann noch andauert?
Nein, man muss es akzeptieren, wie es ist. Bis 1976 nahmen NHL-Spieler überhaupt nicht teil an der WM. Nun sind die NHL-Spieler das Salz in der Suppe. Ich reklamiere nicht, ich sehe das Glas halb voll. 2018 war immerhin Connor McDavid dabei, Sidney Crosby spielte auch schon mit. Ein Star ist also immer dabei.

Ist die Schweiz nur darum so gut, weil viele NHL-Profis fehlen?
Seufzt. Nein, die Schweiz ist so gut, weil sie so stark ist, nicht weil die Gegner so schwach sind. Die Schweiz hat schon Tschechien und Kanada geschlagen und gegen Schweden im Final 2018 nur mit ein bisschen Pech im Penaltyschiessen verloren.

Wird die WM in der Schweiz mit den Standorten Zürich und Lausanne dem Eishockey noch mehr Schub geben?
Für die Fans ist es eine gute Möglichkeit, die Spieler live, von nahe, zu sehen.

Am Spatenstich zum ZSC-Stadion in Altstetten kündigten Sie eine weitere WM in Zürich für 2027 an. Was ist da dran?
Ja, das ist ungefähr der Turnus, es kann aber auch 2030 werden. USA und Kanada sind ja ausgeschlossen für die WM-Organisation. 2008 haben wir es probiert, es war aber wegen der Zeitverschiebung keine gute Erfahrung. Dänemark hingegen war ein Erfolg. Ob dies aber wieder so sein wird, ist offen. So bleiben gar nicht so viele Länder. Zürich ist wegen dem Flughafen, den Hotels und dem Einzugsgebiet der Fans ein Must. Die Kapazitäten für acht Teams müssen vorhanden sein. Mit der neuen ZSC-Halle werden die Voraussetzungen noch besser.

Wieso denn nicht Bern?
Die Post-Finance-Arena bietet nicht mehr ideale Infrastrukturen. Es fehlen genügend VIP-Logen, und es müssten Sitz- anstatt Stehplätze eingebaut werden. Das kostet unglaublich viel. Eigentlich ist aber auch das Hallenstadion kein ideales Stadion. Die Garderoben müssen in der Messehalle eingebaut werden.

In der Fussball-Champions-League fliessen pro Jahr 1,2 Milliarden Euro, in der Europaliga des Eishockeys sind es lediglich 5 bis 6 Millionen Euro. Wir müssen also gar nicht mehr darüber reden, die Antwort ist schon da.

René Fasel, Präsident IIHF

Wie lange geht es noch, bis China vorne mitspielt? Eishockey-Legende Jakob Kölliker macht ja im Reich der Mitte Entwicklungshilfe als Trainer.
Die Ausbildung eines Hockeyspielers dauert gut 15 Jahre, wenn er mit etwa 4 Jahren beginnt. China unternimmt momentan viel wegen den Olympischen Spielen 2022 in Peking. Ich würde sagen, dass China ab 2030 eine WM organisieren kann. Es geht also noch gut zehn Jahre. Bei den Frauen geht es aber viel schneller.

Dort ist aber die Spitze schmaler, oder?
Das würde ich nicht sagen. Frauen sind viel zielstrebiger, haben mehr Disziplin.

Wie sehe Sie die Zukunft des Fraueneishockeys?
Junioren- und Frauensport hat es fast in jeder Sportart schwierig. Handball, Fussball, Basketball. Sie werden nie an die Zuschauerzahlen der Männer herankommen. Trotzdem sind Frauen wichtig, weil sie ihre Kinder an den Eishockeysport heranbringen. Sie haben eine ganz andere Leidenschaft als Männer.

Aber an Olympia hat sich Fraueneishockey etabliert, oder?
Ja. In Amerika hat das Fraueneishockey oft mehr TV-Zuschauer als die Männer. Aber der Rest ist, wie gesagt, schwierig.

Auch die Eishockey-Champions-League ist noch keine Erfolgsstory. Macht der Vorstandsvorsitzende und ZSC-Lions-CEO Peter Zahner einen schlechten Job?
Nein, nein, überhaupt nicht. Aber in jeder Liga liegt das Hauptinteresse an der eigenen Meisterschaft. Jeder will Landesmeister sein, bevor er Europameister wird.

Im Fussball ist das aber anders.
René Fasel reibt die Fingerspitzen der rechten Hand.

Aber die Fifa war bis etwa 1985 nicht grösser als der Eishockeyverband.
Wir sind halt ein Sport der nördlichen Hemisphäre. Wir sind nicht präsent in Afrika und nicht in Südamerika. Und beim Kuchen USA und Kanada sind wir wegen der NHL nicht dabei. In den grossen Fussballmärkten Spanien, Italien, Frankreich und England sind wir sportlich nicht einmal die Nummer 2. Dort sind Rugby oder Handball beliebter.

Also das Geld. Wieso sind die Welten so unterschiedlich?
In der Fussball-Champions-League fliessen pro Jahr 1,2 Milliarden Euro, in der Europaliga des Eishockeys sind es lediglich 5 bis 6 Millionen Euro. Wir müssen also gar nicht mehr darüber reden, die Antwort ist schon da.

Suchen Sie die Zusammenarbeit mit anderen «kleinen» Sportverbänden?
Also klein sind wir nicht.

Aber in Deutschland haben Sie auch durch Handball Konkurrenz.
Wir hatten eine gute Eishockey-WM 2017 mit regelmässig 18 000 Zuschauern in Köln. Aber damit komme ich auf ein Hauptproblem zu sprechen.

Welches Problem?
Unser Sport ist zu schnell fürs Fernsehen. Meine Mutter sagte mir immer: Ich sehe den Puck nicht am TV. Fussball aber kann jeder gucken (zeigt mit den Händen den Grössenunterschied zwischen Fussball und Puck). Und dann sind noch die Stadien unterschiedlich gross. 80 000, 60 000 im Fussball. Jeder hat irgendwann mal einen Fussball berührt, ist Experte.

Sind Sie nicht manchmal froh, dass so wenig Geld fliesst? So ist doch die Korruption tiefer.
Das ist schon so. Wir haben bei der IIHF ein Budget von 35 Millionen Franken. Somit ist keine Versuchung da. Wir sind «gäbig». Wir sind eine gute Familie im Eishockey.

Bleibt der Sitz des Verbandes überhaupt in der Enge, wenn Sie ab 2020 nicht mehr Präsident sind?
Wahrscheinlich schon. Ich sehe keine Gründe dagegen. Der Kauf der Liegenschaft war eine sehr gute Investition. Wir sind für Europa sehr gut gelegen, man ist schnell hier. Die Sicherheit und Qualität ist gut in Zürich, dafür ist es relativ teuer. Aber die Vorteile in der Schweiz überwiegen. Die Schweiz ist traditionell Sitz von Sportverbänden. Das olympische Komitee ist da, die Fifa auch. Ich sehe keinen Grund, dass ein zukünftiger Präsident aus Zürich wegziehen würde.

Es ist besser, zu gehen, wenn die Leute es noch bedauern, als zu warten, bis sie sagen «uff, jetzt geht er endlich».

René Fasel, IIHF-Präsident

Ziehen Sie nun die Strippen, wer Ihr Nachfolger werden könnte?
Zuckt mit den Schultern. Der Kongress wird den Entscheid fällen. Nach 26 Jahren ist es schwierig, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Viele Leute sagen mir, mach noch weiter, aber ich habe meinen Entscheid getroffen.

Verglichen mit anderen Sportfunktionären sind Sie mit 69 Jahren noch jung.
Es ist besser, zu gehen, wenn die Leute es noch bedauern, als zu warten, bis sie sagen «uff, jetzt geht er endlich». Der arme Sepp Blatter als Beispiel, hätte er den Rücktritt bei der Fifa doch nur vier oder acht Jahre früher gegeben … Jeder kann ersetzt werden, jeder.

Bleiben Sie im Olympischen Komitee?
Nein, wenn ich nicht mehr IIHF-Präsident bin, ist das auch zu Ende.

Haben Sie also schon andere Pläne, was Sie nachher wollen?
Ich möchte eigentlich nicht im Bett sterben. Ich werde sicher aktiv
bleiben.

Dann werden Sie nicht einfach Schrebergärtner?
Lacht. Nein, aber ich bin ein grosser Tomatenfan. Ich züchte jedes Jahr etwa 100 Kilogramm Tomaten in meinem Garten. Das ist mein grosses Hobby. Strahlt und zeigt auf dem Handy Bilder. Ochsenherzen und Cherry-Tomaten habe ich am liebsten. Gelernt habe ich die Tomatenpflege von meiner Grossmutter. Manchmal kommt mir die WM terminlich in die Quere beim Pflanzen der Setzlinge. Lacht wieder.

Ihre Familie könnte ja helfen …
Bei den Tomaten lasse ich mir nicht dreinreden, das ist mein Gebiet. 

Anonym im Netz: Darknet ist nicht nur böse

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 28. Februar 2019.

Darknet ist der verborgene Teil des Internets und geniesst einen schlechten Ruf. Für Informatik-Experte Hernâni Marques ist jedoch klar, dass es jeder Internetnutzer kennen sollte. Und der Zugang dazu ist nur einen Klick entfernt.

Es ist der verborgene Teil des Internets – das Darknet. Ist es in den Medien, dann selten als positives Beispiel. Wer das Darknet betreten will, braucht ein Programm. Am einfachsten gehts mit dem sogenannten Tor-Browser. Darknet-Seiten tragen nicht die bekannten Endungen wie .ch oder .com, sondern sind über .onion (Englisch für Zwiebel) erreichbar. Eine viel besuchte Darknet-Seite wird von Facebook betrieben, damit die Social-Media-Plattform von Menschen genutzt werden kann, die in autoritären Staaten wie Iran oder Türkei mit Internetzensur leben.

Weil man im Darknet aber viel anonymer unterwegs ist als im öffentlichen Teil des Internets, nutzen es auch Kriminelle. So werden auf elektronischen Marktplätzen beispielsweise Drogen und Waffen angeboten, oder es wird Kinderpornografie ausgetauscht. Darum ermittelt unter anderem die Kantonspolizei Zürich oder das Bundesamt für Polizei im Darknet.

Im Darknet surfen ist legal
Trotzdem ist das Surfen im Darknet keineswegs illegal. Genutzt wird es beispielsweise von Journalisten, Bloggern, Aktivisten, die ihre Privatsphäre wahren müssen oder wollen. Es werden im Darknet ganz gewöhnliche Dienste wie Chats oder E-Mail angeboten.
Einer, der sich mit dem Darknet auskennt, ist Hernâni Marques. Der Informatik-Experte ist Pressesprecher beim Chaos Computer Club Schweiz. Das ist eine Hackerorganisation, die sich politisch gegen Überwachung und Zensur im Internet wehrt und in Zürich einen Treffpunkt hat. Marques plädiert für vollverschlüsselte Netzwerke, bei denen Computern untereinander so verbunden sind, dass eine Abhörung und damit Zensur stark erschwert wird – wie beim Darknet. Heute wickeln die grossen Internetkonzerne ihre Dienste über zentrale Server ab, jede Suchanfrage, jedes E-Mail wird potenziell gespeichert.

«Der Staat darf hierzulande beispielsweise unsere Briefe nicht flächendeckend öffnen, die elektronische Kommunikation darf er jedoch kontrollieren.»

Hernâni Marques, Chaos Computer Club Schweiz

Den Begriff «Darknet» findet Marques nicht gelungen. «Er wird von Überwachungskreisen verbreitet, um es als etwas Schlechtes darzustellen», so der 34-Jährige, der Computerlinguistik an der Universität Zürich studiert hat. Finanziert wurde das Tor-Netzwerk stark von der US-Navy. Tor ist ein Teil des Darknet. Das US-Militär nutzt es auch heute. Denn wer im Internet surft, hinterlässt Spuren, die rückverfolgbar sind. «Das Schweizer Überwachungsgesetz erlaubt es den Behörden, die elektronische Kommunikation zentral zu sammeln.» Mit anderen Worten: Jede Kommunikation im Internet oder mit dem Mobiltelefon kann überwacht werden. «Der Staat darf hierzulande beispielsweise unsere Briefe nicht flächendeckend öffnen, die elektronische Kommunikation darf er jedoch kontrollieren», gibt Marques zu bedenken.

Überwachung ist Normalität
Der Chaos Computer Club Schweiz hatte sich erfolglos gegen das Überwachungs- (BÜPF) und das Nachrichtendienstgesetz (NDG) gewehrt. Noch in den 80er Jahren sei der Aufschrei gross gewesen, als der Bundesrat wissen wollte, wie die Bürgerinnen und Bürger ihren Weg zur Arbeit zurücklegen würden. «Heute ist es normal geworden, dass uns die Behörden überwachen können», bedauert der IT-Experte. Und das hauptsächlich, weil es technisch möglich sei. Dabei ist das in den Augen von Marques für die Behörden kontraproduktiv. «Je mehr Überwachung es gibt, je schneller entstehen alternative Netzwerke, die schwieriger zu überwachen sind.»

Wer deshalb seine Privatsphäre im Internet wahren möchte, kann den Tor-Browser verwenden. Dieser basiert auf Mozilla Firefox und leitet das Surfverhalten über drei zufällige Knotenpunkte des Tor-Netzwerks durch das Internet. Angeboten werden die Server von Freiwilligen, aber auch von Regierungen. Die Verbindung zwischen dem persönlichen Computer und den einzelnen Knotenpunkten irgendwo auf der Welt, also Stationen, ist mehrfach verschlüsselt. Damit wird Zensur und Überwachung umgangen. Die Nutzer können wie gewohnt im Internet surfen. Zudem schützen sie sich vor personalisierter Werbung. Gleichzeitig ist der Tor-Browser die einfachste Möglichkeit, die versteckten Seiten des Darknet aufzurufen oder Internetsperren zu umgehen. Der Browser ist mit wenigen Klicks installiert und für jeden benutzbar.

Marques empfiehlt aber auch etwas Grundsätzliches: «Datensparsamkeit ist wichtig.» Je weniger eine Person im Internet preisgebe, desto weniger Daten könnten in die falschen Hände geraten.


So schützt man seine Privatsphäre

Der Chaos Computer Club Schweiz hat mit der Digitalen Gesellschaft Schweiz, der Stiftung für Konsumentenschutz und der «Wochenzeitung WOZ» die Broschüre «Eine kurze Anleitung zur digitalen Selbstverteidigung» herausgegeben. Der Ratgeber kann unter www.woz.ch/-7fb9 als PDF kostenlos heruntergeladen werden.

Datensparsamkeit: Weniger ist mehr. Daten, die nicht ins Netz gelangen, brauchen erst gar nicht geschützt zu werden.

Passwörter: Ein hinreichend sicheres Passwort sollte möglichst lang sein: Am besten bestehend aus einer zufälligen Folge von Wörtern, die man nirgends findet und sich gut merken kann.

Sicherheitsupdates: Betriebssysteme sollten stets auf dem aktuellsten Stand gehalten werden.

Surfen im Netz: 
Tor ist der sicherste Browser im Internet. Er basiert auf Mozilla Firefox und kann unter www.torproject.org heruntergeladen werden. Er ist für Windows, Mac und Linux verfügbar. Da die Verbindung zwischen Nutzer und aufgerufener Seite über drei zufällige Knotenpunkte (Server), quasi Stationen im Netz, hergestellt wird, lässt sich kaum zurückverfolgen, wer auf die Website zugreift. Wer sich dann allerdings bei Youtube, Facebook und Co. anmeldet, verliert diese Anonymität wieder.

Suchen: «Duck Duck Go» ist eine eigenständige amerikanische Suchmaschine, die das Suchverhalten nicht speichert. Finanziert wird der Dienst über Spenden und nichtpersonalisierte Werbung. (pw.)