Ich, der Apfelkenner

Legen wir die Fakten auf den Tisch: Diese Seite könnte deutlich mehr Besucherinnen und Besucher vertragen. Allerdings ist es ja nicht gerade so, als würde ich mit meinen selten gewordenen Beiträgen überhaupt den Versuch wagen, mehr Leserinnen und Leser anzulocken. Nun denn, umso schöner, wenn man plötzlich seit einigen Tagen Referrals von völlig ungeahnter Herkunft erhält – nämlich vom deutschen Wikipedia.

Trommelwirbel… Hintergrund ist ein Artikel, den ich 2016 für den leider eingestellten Schweizer «Wochenspiegel» geschrieben habe, nämlich über die Apfelsorte Sternapi. Während der Text zu seiner Zeit nicht einmal für einen bösen Anruf gesorgt hat, scheint er zwei Jahre später nun dafür umso beliebter zu sein.

Screenshot Wikipedia-Seite zur Apfelsorte Sternapi

Ich weiss nicht, wem ich diese Ehre zu verdanken habe – aber danke an Unbekannt. Und übrigens: Schon vor ein paar Wochen hat mich jemand netterweise auf seinem Blog wegen des Sternapi-Artikels verlinkt. Auch dafür nachträglich danke.

Fazit: Ich sollte mehr über (alte) Apfelsorten schreiben.

Saure-Gurken-Zeit: Aber nicht (unbedingt) im Lokaljournalismus

Saure-Gurken-Zeit, Sommerloch, Silly season – man kann sie nennen wie man will, die Zeit im Sommer, in der so wenig los ist, dass in den Redaktionen jede Medienmitteilung sehnlichst erwartet und auch wirklich gelesen wird. Dies im Unterschied zur sonst überquellenden Mailbox, in der man vor lauter Nachrichten von Behörden, kulturelle Einrichtungen, Parteien und Unternehmen leicht den Überblick verliert. Clevere Organisation, Künstler oder Lobbyisten nutzen die Zeit, um sich ins Gespräch zu bringen, auf die Gefahr hin, weniger Publikum zu erreichen, weil dieses im Urlaub weilt.

Glücklicherweise gab es diesen Sommer den Mega-Hype um Pokémon Go, der viele Redaktionen dank teilweise übertriebener Berichterstattung durch die Sommerflaute gebracht hat. Auch an der Lokalinfo, dem Verlagshaus für Zürcher Quartier- und Lokalzeitungen, bei dem ich arbeite, ging das Pokémon-Fieber nicht gänzlich vorbei. Was teilweise auch dem Umstand geschuldet war, dass ich die App gerne ausprobiert habe und selbst heute noch zwischendurch spiele. Doch daneben gab es einige  Highlights aus unserer kleinen Redaktion – trotz Sommerloch. Darunter der Artikel über den angedachten Velotunnel am Bellevue, den auch unsere Kollegen von der Gratiszeitung «20 Minuten» übernommen haben. Oder den Artikel über einen falschen «Kapitän», der sich als Mitarbeiter der Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft ausgibt. Auch diese Geschichte wurde von «20 Minuten» und selbst dem «Tages-Anzeiger» gerne aufgenommen.

Auf vermeintliche Sensationsmeldungen ohne Nachrichtenwert konnten wir verzichten. Man muss jedoch fairerweise hinzufügen, dass man als Wochenzeitung schon grundsätzlich den Vorteil hat, nicht über alles und mit deutlich weniger Zeitdruck berichten zu müssen. Zudem erscheinen die Stadtzürcher Titel der Lokalinfo im August nur zweiwöchentlich. Trotzdem waren wir teilweise froh über vorbereitete, relativ zeitlose Artikel wie beispielsweise Künstlerporträts, die in unseren verschiedenen Titeln Verwendung fanden, wenn wegen dem Sommerloch genügend aktuelle Themen fehlten. Gerade das Internet hat das Problem der nachrichtenarmen Zeit im Sommer noch verstärkt. Immerhin fanden dieses Jahr die Fussball-Europameisterschaften und die Olympischen Sommerspiele statt. Man stelle sich vor, über was die Medien sonst hätten berichten müssen.

Der Apfel sieht besser aus, als er schmeckt

Wochenspiegel: «Der Apfel sieht besser aus, als er schmeckt»
Wochenspiegel: «Der Apfel sieht besser aus, als er schmeckt»

Zuerst veröffentlicht im «Wochenspiegel» vom 20. Juli 2016.

In Höri bewahrt Fructus alte Obstsorten vor dem Aussterben. Der Star unter den rund 250 Sorten ist der Sternapi. Zum Essen ist er von geringer Qualität, sieht aber immerhin gut aus.

Wenn «Frau Rotacher», die sich eigentlich Fraurotacher schreibt, gerade keine Lust hat, dann geht es dem Sternapi schlecht. Denn zur Bestäubung braucht es bei den Äpfeln immer zwei. Der Sternapi wäre ohne Bienen, Hummeln oder andere Insekten ziemlich hilflos. Die Insekten fliegen von Fraurotacher zum Sternapi – natürlich auch umgekehrt – und erledigen ihren Job.

Fraurotacher und Sternapi sind Apfelsorten. Die zwei Bäume stehen sich in Höri direkt gegenüber. «Natürlich werden die Blüten des Sternapi nicht nur mit Blütenstaub von Fraurotacher bestäubt», erklärt Klaus Gersbach. Insekten würden einfach von Apfelbaum zu Apfelbaum fliegen und den Blütenstaub mitbringen. Sofern es sich um die Pollenkörner der Blüte einer geeigneten Sorte handle, werde die Blüte befruchtet, sodass wieder neue Früchte entstehen. «Windbestäubung hat bei den Äpfeln eine geringe Bedeutung», so Gersbach.

230 Obstsorten in Höri
Der Obstsortengarten von Fructus in Höri beherbergt auf mehr als 350 Obststammbäumen 230 alte Obstsorten, darunter 152 verschiedene Äpfel, 53 Birnen, 17 Kirschen und 10 Zwetschgen. «Unser Ziel ist es, die genetische Vielfalt einheimischer, krankheitsrobuster Sorten mit möglichst geringem Bedarf von Pflanzenschutzmitteln zu erhalten», sagt Gersbach, der 16 Jahre Präsident von Fructus war. 2015 gab der 69- Jährige, der schon als «Apfelflüsterer» bezeichnet wurde, sein Amt ab und führt nun in seiner Freizeit durch die «Live-Genbank».

Der wohl berühmteste Bewohner des Obstgartens ist der Sternapi. Gersbach: «Die Sorte ist seit der Römerzeit bekannt und mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Original aus Kasachstan, der Urheimat der Äpfel.» Sie zähle zu den seltensten Apfelsorten der Schweiz. «Originale, alte Bäume existieren kaum mehr», führt Gersbach weiter aus. 1995 wurde in Höri deshalb ein einzelner Baum dieser Sorte gepflanzt. Ein Risiko, falls der Sternapi-Baum durch höhere Gewalt Schaden nehmen sollte. Was wäre, wenn ein Blitz einschlagen, der Baum in Flammen aufgehen würde? Doch Gersbach beruhigt: Die Wahrscheinlichkeit dafür sei zum Glück gering, zudem würden auch im waadtländischen Arboretum in Aubonne Sternapi-Bäume stehen. «Der Bund fördert den Erhalt alter Obstsorten, doch die Auflage ist, dass sie in mindestens zwei Sammlungen in verschiedenen Regionen vorkommen müssen, damit sie nicht ganz aussterben.»

Der Sternapi ist nicht nur deshalb berühmt, weil er ein alter Hase unter den Apfelsorten ist. Seine spezielle Form fiel schon dem Pomologen Jean Bauhin auf, der von 1541 bis 1613 lebte und den Apfel wegen seiner besonderen Form Fünfsternapfel (Pomum Pentagonum) nannte. Er habe ihn auch ein erstes Mal gezeichnet, erklärt Gersbach. Der Sternapi ist also auch wegen seiner Sternform ein Star. In der Schweiz ist der Apfel im Februar 1981 erstmals wieder in den Radar von Fructus geraten. «Damals hat eine Frau aus Corsier bei Genf im Winter einen grossen Baum ohne Blätter, aber dafür voller Äpfel entdeckt», so Gersbach. Sie rief einen der Gründerväter von Fructus, Roger Corbaz, an und nannte die Äpfel «Pommes Fleur», also Blumenäpfel. «Es stellte sich heraus, dass es sich tatsächlich um die lange vergessene Sorte Sternapi handelte», erzählt Gersbach.

Der Sternapi fällt nicht
Die Früchte seien Ende Oktober pflückreif, würden aber nicht selbst vom Baum fallen. Wenn es zutrifft, dass Isaac Newton einst ein Apfel auf den Kopf gefallen ist und er dadurch zum Gravitationsgesetz inspiriert wurde, wäre ihm dies unter einem Sternapi-Baum wohl nie passiert. Ein Glück also, ist die Sorte nicht weiter verbreitet, könnte man meinen, sofern man der Geschichte denn Glauben schenkt.
Der Sternapi hat zudem einen kleinen Makel: Er ist zum Essen von eher geringer Qualität. Gersbach: «Er ist aber sehr fest und lagerfähig, und wenn er im März vollständig gereift ist, dann schmeckt er nicht schlecht.» Auch wenn die uralte Sorte aus der Römerzeit vielleicht nicht die leckersten Äpfel gebe, «sie ist umso attraktiver in ihrer Form».