«Bei der Depotplanung musste ich eingreifen»

«Bei der Depotplanung musste ich eingreifen»

Zuerst veröffentlicht in den Lokalinfo-Zeitungen vom 29. Juli 2021.

Seit gut 100 Tagen ist Marco Lüthi Direktor der Verkehrsbetriebe Zürich. Im Interview erzählt der 44-Jährige, wo er eingreifen musste im Betrieb mit über 2500 Mitarbeitenden, was er dem Tempo-30-Regime Gutes abgewinnen kann und wie er die Mitarbeiterzufriedenheit verbessern will.

Von Lorenz Steinmann und Pascal Turin

Marco Lüthi, Sie waren knapp zwei Jahre Direktor der Sihltal-Zürich-Uetliberg- Bahn (SZU). Wollen Sie länger bleiben bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ)?
Definitiv. Der Wechsel war nicht geplant. Ich hatte ein supertolles Team und spannende Aufgaben.

Trotzdem wechselten Sie. Warum?
Hier kann ich grössere Themen angehen, auch nationale, verkehrspolitische Anliegen. Das war bei der SZU nicht der Fall.

Ihre beruflichen Sporen abverdient haben Sie sich bei der Rhätischen Bahn (RhB) im Kanton Graubünden. Keine Sehnsucht mehr nach dieser beliebten Gebirgsbahn?
Ich war Leiter Unternehmensentwicklung und damit Stellvertreter des Stabs- und Personalchefs auf Stufe Geschäftsleitung. Meine Aufgabe als rechte Hand des Direktors war vor allem, den Modernisierungsprozess des alten Rollmaterials der RhB voranzutreiben sowie als Verkehrsingenieur die Vielzahl von Doppelspurabschnitten zu planen. Ich durfte in Chur meine heutige Frau kennen lernen, sie ist mir sogar ins Unterland gefolgt (lacht).

Und nun wohnen Sie in Zürich?
Wir mussten schnell etwas finden. Fündig wurden wir in Birmensdorf. Ähnlich wie in Chur ist man in Birmensdorf schnell in der Natur.

Wie kommen Sie denn zur Arbeit nach Altstetten?
Natürlich mit dem ÖV. Bis ins Triemli nehme ich die «Konkurrenz», das Postauto. Von dort fahre ich mit dem Bus von uns nach Altstetten, oder dann mit dem Tram via Kalkbreite. Ich benutze den ÖV täglich.

Sie haben Abschlüsse der Universität St. Gallen und der ETH. Können Sie auch Bus fahren oder ein Tram lenken?
Nein, das kann und will ich nicht. Dafür braucht es Profis und ich würde es fast ein wenig despektierlich finden. Ich hatte früher den Pilotenausweis. Wenn man etwas richtig machen will, dann muss man es seriös machen. Ein bisschen Tram oder Bus fahren wäre gefährlich.

Dann fliegen Sie auch nicht mehr?
Nein, das habe ich während meiner Studienzeit gemacht. Man muss viel fliegen, um es seriös und sicher zu machen. Mein Motto: Entweder mache ich es richtig oder ich lasse es sein.

Sind Sie denn neben einem Flugplatz aufgewachsen, oder wie kamen Sie zur Fliegerei?
Ich bin neben dem Verkehrshaus in ­Luzern aufgewachsen. Dadurch habe ich multimodale Verkehrserziehung erfahren (lacht). Dazu war mein Vater Eisenbähnler. Eigentlich war ich also näher bei den Bahnen. Ich kam aber bei der militärischen Pilotenvorschulung relativ weit und das konnte ich dann zivil nutzen.

Ihr Vorgänger Guido Schoch verstand sich nicht so gut mit dem Zürcher Verkehrs­verbund (ZVV). Wie ist Ihr Verhältnis zum ZVV, der ja fast alle finanziellen Entscheidungen der VBZ absegnen muss?
Das ist tatsächlich eine spezielle Kombination mit oft unterschiedlichen Haltungen zwischen Stadt und Kanton. Diese wirken sich dann auf den ZVV und die VBZ aus. Wir müssen Lösungen suchen, obwohl wir wissen, dass die Rahmenbedingungen oft kaum Lösungen zulassen. Ich versuche, mit Zahlen und Fakten unsere Situation aufzuzeigen.

Beim ZVV hat, wie auch bei den VBZ, ein Wechsel bei der Führung stattgefunden. 
Persönlich kenne ich den neuen ZVV-Direktor Dominik Brühwiler gut. Wir haben an der ETH im gleichen Institut gearbeitet, zeitlich aber nicht zusammen. Uns ist bewusst, dass ein Konsens wegen übergeordneter Vorgaben schwierig ist. Menschlich streiten wir sicher nicht, inhaltlich werden wir in den Diskurs gehen müssen.

Haben Sie da Beispiele?
Die Tempo-30-Geschichte ist eine ganz schwierige Thematik. Der Stadtrat hat eine Haltung und der Kanton hat eine Haltung. Da ist die Schnittmenge sehr gering.

Müssten nicht Stadtrat Michael Baumer und Regierungsrätin Carmen Walker Späh (beide FDP) zusammensitzen?
Es ist eigentlich eine Ebene höher. Zuständig sind der Gesamtstadtrat und der Gemeinderat sowie der Kantonsrat auf der anderen Seite. Somit müssen sich die übergeordneten Parlamente einig werden, die uns die Rahmenbedingungen vorgeben.

Ist die Umsetzung von Tempo 30 im grossen Stil überhaupt möglich?
Der Stadtrat will dazu flankierende Massnahmen umsetzen, zum Beispiel vermehrt Eigentrassees für Tram und Bus. Doch auch das wird etwas kosten.

Glauben Sie wirklich, dass der Kanton die geforderten 70 Millionen bezahlt?
Es sind grobe Schätzungen. Und eben, über mögliche flankierende Massnahmen hat man noch nicht diskutiert. So könnten die Mehrkosten auch tiefer liegen. ­Einen Masterplan haben wir noch nicht. Die Mehrkosten beruhen darauf, wo ­Linien kippen, sprich, wo es mehr Fahrzeuge und Personal braucht. Wenn wir auf gewissen Strecken mit dem Tram weiter 50 fahren könnten, würde uns das ­helfen. Wenn wir dank Eigentrassees nicht im Stau stehen, hilft das zudem, ­Verlustzeiten zu minimieren.

Dann wünschen Sie sich also beispielsweise, dass auf der Hardturmstrasse, wo heute Tempo 30 gilt, das Tram weiter 50 fahren darf?
Das ist ein schwieriges Thema. Es würde ­sicher zusätzliche bauliche Massnahmen brauchen. Da sind wir momentan daran, das konkret zu erarbeiten.

Wie viele Strecken sind von den VBZ be­troffen, wenn Tempo 30 flächendeckend eingeführt wird? 
Der Stadtrat spricht davon, dass auf dem grössten Teil der Strassen Tempo 30 gelten soll. Dazu soll es aber spezielle Gutachten geben. Die Gesamtplanung macht das Tiefbauamt, wir kommen relativ weit hinten. Wir können einfach aufzeigen, was der Mehrwert ist, wenn weiterhin Tempo 50 gilt auf VBZ-Trassees. Entscheiden muss schlussendlich aber der Stadtrat.

Ihr politischer Chef, Stadtrat Baumer, nannte die Forchstrasse als Knackpunkt. 
Die Forchstrasse ist eine typische Ein­fallsachse. Dort ist ein Abwägen wichtig. Soll Tempo 50 für alle weiterhin gelten oder soll man dank flankierender Massnahmen dafür sorgen, dass die Forchbahn und wir weiterhin 50 fahren können als ÖV? Die dritte Variante wäre, dass alle nur noch 30 fahren dürfen. Was bedeutet dies finanziell, was bedeutet das für die Anwohner? Da muss man abwägen. Für jedes dieser Projekte gibt es jeweils eine Auslegeordnung.

Also schaut zuerst das Tiefbauamt die Strecken mit Ihnen an, erst dann werden sie ausgeschrieben?
Ja, so verstehe ich den Stadtrat.

Aber das kann Jahre dauern …
Ja, deshalb will man auch etappiert vorgehen. Zuerst kommen die einfachen Strassenzüge, wo weniger Verkehrsteilnehmende betroffen sind und es weniger bauliche Massnahmen braucht.

Die Mehrkosten wegen Tempo 30 will man in Höngg einsparen, indem man die Buslinie 38 aufhebt. Könnte es wegen Tempo 30 einen weiteren Abbau geben? 
Bei der Buslinie 38 wurden wir mit Tempo 30 vor vollendete Tatsachen gestellt. Dann wollte uns der ZVV die Mehrausgaben nicht finanzieren, weil die Linie 38 einen sehr tiefen Kostendeckungsgrad hat. Sehr schön finde ich nun, dass sich der Stadtrat zur Linie 38 bekannt hat. Er hat zumindest einen Überbrückungskredit in Aussicht gestellt, bis die Finanzierung geklärt ist.

Dann ist die Linie 38 also gerettet?
Wir gehen davon aus, dass die Linie 38 weiter bestehen bleibt. Schlussendlich entscheidet aber der Stadtrat. Immerhin hat der ZVV betont, dass er grundsätzlich keine Angebotsreduktion will. Angebotsabbau bedeutet immer auch einen ­Ertragsrückgang, und das will man nicht.

Der neue VBZ-Direktor Marco Lüthi vor einem Flexity-Tram. Foto: Pascal Turin

Wegen Corona sind die Einnahmen aber massiv zurückgegangen.
Corona bedeutet eine Zwischendelle. Wir gehen davon aus, dass wir 2024 wieder dort stehen, wo wir vor Corona waren. Dazu kommen prognostiziertes Bevölkerungs- und Arbeitsplatzwachstum in und um Zürich. Das Mobilitätsbedürfnis wird also nach all den Modellen steigen.

Hand aufs Herz: Wie teuer ist eigentlich das tägliche Im-Stau-Stehen? Das wäre doch eine Vollkostenrechnung analog der Diskussion um Thema 30, oder?
Die Frage ist berechtigt. Wir kennen zwar die Punkte mit Verspätungen, aber die Mehrkosten haben wir noch nicht untersucht. Der Verkehr ist historisch gewachsen. Stolz können wir auf unser weltweit bekanntes System mit der Lichtsignalbevorzugung für Trams und Busse sein. Das hat viele Verluste reduziert.

Die Rosengarten-Abstimmung inklusive Tramlinie ging verloren. Wie wollen Sie jetzt den Flaschenhals Central und Hauptbahnhof entlasten?
Wir arbeiten an einer Mobilitätsvision 2050. Es soll einen ÖV-Doppelring in und um Zürich geben. Mehr dazu sagen wir im Herbst. Später werden wir auf der Basis dieser Vision dann die Netzentwicklung ausarbeiten.

Und ein wenig konkreter?
Es sind oberirdische wie auch unterirdische Linien geplant. Und: Das Ganze ist abgestimmt mit der Stadt wie auch mit dem ZVV. Wichtig ist uns der multimodale Ansatz mit Bahn, Tram, Bus, Trottinett und Velo, damit die Quartiererschliessung noch besser wird. Das soll unser Beitrag für ein attraktives Zürich sein.

Am Central und am Bellevue stehen sich die VBZ oft selber im Weg.
Tatsächlich müssen wir die Peripherie stärken. Heute führen ganz viele Linien ins Zentrum und von da wieder weg. Künftig wollen wir Stadelhofen, Oerlikon und Altstetten besser einbinden. Dazu arbeiten wir eben an einem modularen Ringsystem. So muss man nicht mehr immer ins Zentrum kommen.

Bei einer neuen Umfrage der «Handelszeitung» («Beste Arbeitgeber Verkehr und Logistik») kam die RhB auf Rang 1, die VBZ lediglich auf Rang 14, noch hinter Eurobus. Was halten Sie von dieser Umfrage?
Ich weiss nicht, wie die Umfrage zu Stande gekommen ist. Wir möchten aber nahe bei den Mitarbeitern sein und schauen, dass die Zufriedenheit wächst. Das Thema Kommunikation zu den Mitarbeitern ist für mich sehr wichtig ebenso wie die Transparenz. Das habe ich schon bei der RhB und der SZU gesehen. So können die Mitarbeitenden Entscheide besser nachvollziehen.

Mussten Sie in Ihren ersten Wochen als neuer Chef bei den VBZ bereits irgendwo die Notbremse ziehen?
Normalerweise führe ich so, dass ich Verantwortung delegiere. So macht das Arbeiten für die Mitarbeitenden mehr Spass. Ich sehe das als Wertschätzung. Nur wenn es aus dem Ruder läuft, ziehe ich die Notbremse. Der erste Hemdknopf muss einfach sitzen.

Wo wurde mit falschem Zuknöpfen ­begonnen?
Wir müssen vermehrt schauen, dass die Fahrgäste wieder zurückkommen, sonst passt es finanziell nicht mehr. Und: Wir müssen in nächster Zeit viele Depots und auch die Zentralwerkstatt erneuern. So braucht es viel Abstellflächen für die Trams. Das ist noch nicht optimal aufeinander abgestimmt. Sonst gibt es Zusatzaufwand und zu viele Leerfahrten. Ein Knackpunkt sind auch die neuen Trams, die sich nicht mehr wie die alten auseinander koppeln lassen in den Depots. Zudem brauchen wir für immer mehr Elektrobusse Ladeeinrichtungen. Das braucht viel Vorlaufzeit.

Von der Gewerkschaft VPOD wird kritisiert, dass der Kanton die Einhaltung der Gesamtarbeitsverträge (GAV) zu wenig kontrolliert. So haben die VBZ auch schon Ausschreibungen verloren, etwa gegen die Limmat Bus AG, welche schlechtere Arbeitsverträge hat.
Die Limmat Bus AG hat auch einen Gesamtarbeitsvertrag. Wichtig ist das Bench­markmodell des ZVV, das die besonderen Gegebenheiten, etwa in der Stadt Zürich, berücksichtigt. Heute und morgen sind keine Ausschreibungen geplant, bei der Limmattalbahn sind die VBZ leider unterlegen. Uns ist wichtig, dass für unsere ­Mitarbeitenden gewisse Rahmenbedingungen eingehalten werden. Wir möchten dem Kanton die Vorteile eines GAV aufzeigen, damit wir bei einer künftigen Ausschreibung gleich lange Spiesse ­haben wie die Mitbewerber. Das wäre aber ein politischer Prozess, wir können da als VBZ keinen Einfluss nehmen. Uns ist wichtig, dass wir mit den Sozialpartnern gut ­auskommen.

So könnte Zürich nachhaltiger bauen

So könnte Zürich nachhaltiger bauen

Zuerst veröffentlicht in den Lokalinfo-Zeitungen vom 14. Mai 2021.

Foto: Pascal Turin

Kaum ein Neubau kommt ohne Beton aus, dessen Produktion weltweit Milliarden Tonnen CO2 verursacht. Doch darüber, ob abgerissen oder saniert wird, entscheiden ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte. Und der Baustoff Beton ist gar nicht das Hauptproblem.

Für viele ist es ein Schock. Sie leben teilweise schon jahrelang in ihrer Siedlung, wenn die Hiobsbotschaft eintrifft: Die Besitzerinnen und Besitzer planen einen Neubau, das Haus wird abgerissen. Oft wehren sich die Bewohner, versuchen mit Interessensgemeinschaften die Eigentümerinnen von der Abkehr zu überzeugen. Die Politik wird eingespannt, die Stadt um Hilfe gebeten. Häufig bringt der ganze Widerstand wenig. So etwa bei der Hofacker-Siedlung in Hirslanden, wo die Bagger längst aufgefahren sind.

Mediale Aufmerksamkeit erhielt der geplante Neubau der Siedlung Brunaupark in Wiedikon. Kritisiert wurde insbesondere der Abriss von Gebäuden, die noch über eine gute Bausubstanz verfügen. Die Grossüberbauung verzögert sich nun, aber hauptsächlich, weil die Gerichte den Lärmschutz seit einiger Zeit höher gewichten als früher. Das Projekt wird überarbeitet und vorerst das Ladenzentrum der Migros renoviert.

Grosse Investitionen nötig
Die Stadt Zürich muss verschiedene Aspekte berücksichtigen. Es wird Bevölkerungswachstum prognostiziert, weshalb es mehr Wohnraum braucht. Schlagwort: Verdichtung. Ebenso hat die Stadt den Auftrag, gemeinnützigen Wohnungsbau zu fördern. Gleichzeitig soll der Grünraum erhalten bleiben. Nicht zu vergessen wäre der Denkmalschutz, die Erreichung der 2000-Watt-Ziele und die selbst auferlegte Klimaneutralität bis 2040.

Wie die «Republik» kürzlich berichtete, hat die Stadt vergangenes Jahr eine Studie veröffentlicht, die aufzeigt, wie sie Netto-Null erreichen könnte. Netto-Null bedeutet, dass alle Treibhausgasemissionen durch Ausgleichsmassnahmen der Atmosphäre entzogen werden müssen.

Im Sinne einer klimaneutralen Limmatstadt sollten eigentlich die 2020 bestehenden Gebäude praktisch auch 2050 noch alle stehen, heisst es in der Studie. Jedoch mit energetischen Erneuerungen, wie angefügt wird. Doch das bedingt grosse Investitionen der Eigentümerinnen und Eigentümer und wohl finanzielle Förderung durch den Staat.

Holz und Beton nicht ausspielen
Gemäss einem Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen macht der Bau- und Gebäudesektor 38 Prozent der globalen CO2-Emissionen aus. Mitverantwortlich ist der Baustoff Beton, dessen Produktion Milliarden Tonnen CO2 verursacht. Ausserdem verursachen Gebäude im Betrieb Treibhausgase, fürs Heizen oder Kühlen. Zusätzlich steckt die beim Bauen verbrauchte Energie als sogenannte «graue Energie» in den Wänden. Bei einem Abriss eines Gebäudes mit guter Bausubstanz wird die graue Energie verschwendet.

Ein Ausspielen von Beton mit anderen Materialien wie Holz wäre aber falsch. Dieser Meinung ist Guillaume Habert. Er ist Professor für Nachhaltiges Bauen an der ETH Zürich. Wenn Brettschichtholz, auch Leimholz genannt, verbaut wird, sei die Klimabilanz nicht so viel besser als Beton. «Es gibt keine guten oder schlechten Materialien, sondern das richtige Material am richtigen Ort», erklärt Habert.

Hinzu kommt, dass in Nordamerika und Europa verhältnismässig wenig Neubauten entstehen. Im Gegensatz dazu im globalen Süden, vor allem in Südostasien, Indien und Afrika, wo immer mehr ­Menschen bezahlbaren Wohnraum benötigen. Ersetzt man Beton nun einfach ­generell mit Holz, würde dies zu einer massiven Abholzung der Wälder führen.

Darum ist es wichtig, Strategien zu entwickeln, damit die CO2-Emissionen bei Betonbauten möglichst reduziert werden. In diese Richtung wird viel geforscht, darunter beim Zement, der neben Kies, Sand und Wasser der entscheidende Bestandteil von Beton ist. Die ETH Lausanne hat einen «grünen» Zement namens LC3 entwickelt, die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt arbeitet ebenfalls an alternativem Zement.

Beim Sanieren gibts Widersprüche
«In der Schweiz sind nicht Neubauten das Hauptproblem, sondern die nötige energetische Sanierung bestehender Gebäude», sagt Habert. Für die Dämmung werde oft Expandierter Polystyrol-Hartschaum (EPS), auch als «Styropor» bekannt, verwendet. Für die Herstellung von EPS-Dämmstoffen wird Erdöl benötigt. «Wir stossen CO2 für die Herstellung von Dämmmaterialien aus – um dann damit den Energieverbrauch von Gebäuden zu reduzieren», bringt der ETH-Professor den Widerspruch auf den Punkt. Doch selbst EPS-Dämmstoffe seien nicht grundsätzlich schlecht.

Egal ob für Neubauten oder Renovationen, es ist eine Berücksichtigung verschiedener Materialien nötig. Etwa Beton und Zement, der mit weniger CO2-Ausstoss produziert werden kann, oder Holz. Auch Lehm wäre eine Möglichkeit, weil dieser bei der Verarbeitung nur einen Bruchteil der Energie anderer Materialien benötigt. Für die Dämmung eignet sich Stroh, Hanf oder Flachs. Gleichzeitig müssten die alten Heizungen ausgewechselt werden. «Wichtig ist, dass man diese Aspekte kombiniert», sagt ETH-Professor Habert.

Handlungsspielraum beschränkt
Doch in welchen Fällen setzt sich die Stadt Zürich für Sanierungen ein – und in welchen eher für Neubauten? «Es lässt sich keine allgemeingültige Antwort geben», sagt dazu Lukas Wigger, Mediensprecher des Präsidialdepartements. Es gibt Fälle, in denen durch einen Ersatzneubau deutlich mehr Wohnraum als vorher entstehen kann, allenfalls preisgünstige Wohnungen oder solche zur Kostenmiete gebaut werden. Idealerweise wird früh kommuniziert, die Mieterschaft erhält Ersatzangebote und wird auch durch ein «MieterInnen-Büro» oder eine ähnliche Institution unterstützt. «In Fällen, wo alle oder viele dieser Voraussetzungen gegeben sind, sind Ersatzneubauten oftmals sinnvoll», erklärt Wigger.

Die Stadt wirkt laut eigener Aussage bei privaten Bauträgerschaften sensibilisierend auf ein sozialverträgliches Vorgehen hin. Das Amt für Städtebau bietet ­zudem Beratungsgespräche für Bauherrschaften an. Das kann sich positiv auswirken. Doch wenn ein Gebäude nicht im Inventar der Denkmalpflege aufgeführt ist, hat die Stadt rechtlich keine Möglichkeit, einen Abbruch zu verhindern – ihr sind die Hände gebunden.

Es sei denn, es handelt sich ganz offensichtlich um ein «übersehenes» hochwertiges Schutzobjekt. In diesem Fall müsste der Stadtrat ein Veränderungsverbot mit anschliessender formeller Schutzabklärung verfügen. «Dies geschieht in der Stadt Zürich sehr selten, weil mit dem Denkmalinventar die überwiegende Zahl der schutzwürdigen Bauten in der Stadt bereits klar und transparent definiert sind», erklärt Wigger.

Ab und an entlässt die Stadt aber Gebäude aus dem Denkmalschutz, etwa das Haus zum Falken mit dem ehemaligen Café Mandarin direkt neben dem Bahnhof Stadelhofen. Dort soll ein Neubau des Stararchitekten Santiago Calatrava entstehen.

Manchmal funkt jedoch die Justiz dazwischen. So entschied das Bundesgericht zum Beispiel, dass die Gründersiedlung der Familienheim-Genossenschaft im Quartier Friesenberg nicht abgerissen werden darf. Damit wurde dort die bauliche Verdichtung eingeschränkt.

Stadt baut auch mit Lehm
Eine Vorbildfunktion fällt der Stadtverwaltung zu. Anfang 2000er-Jahre wurden die Gerätehäuser der Sportanlage Sihlhölzli unter anderem mit Stampflehm gebaut. Auch die Erweiterung des Schul­pavillons Allenmoos II in Unterstrass oder der Bettenhausneubau des Triemlispitals sind Beispiele für Bauten mit substanziellem Lehmanteil. «Die Stadt Zürich setzt bei ihren Bauten grundsätzlich ökologisch nachhaltige Baumaterialien ein», so Lucas Bally vom Hochbaudepartement. Sie spiele seit 20 Jahren eine Pionierrolle in der Nutzung von Recyclingbeton. «Damit sind ganz wesentliche Beiträge zum Schliessen von Stoffkreisläufen und zum Landschaftsschutz gelungen», sagt Bally. Der Kunsthauserweiterungsbau bestehe zu 98 Prozent aus Recyclingbeton.

Als Pionierprojekt gilt die Wohnsiedlung Kronenwiese oberhalb des Limmatplatzes. Sie besteht zwar auch aus viel ­Beton, dafür wird der Energiebedarf der Öko-Überbauung für Raumwärme, Warmwasser und Lüftung lokal und aus erneuerbarer Energie gewonnen. Dies geschieht in Form von 21 Erdsonden und einer Solaranlage. Für die Siedlung war kein Abriss nötig, da das Areal unbebaut war. Hier musste die Stadt weder zwischen Sanierung oder Neubau entscheiden noch Mietverträge kündigen.

Es war Millimeterarbeit gefragt

Es war Millimeterarbeit gefragt

Zuerst veröffentlicht im «Züriberg» vom 29. April 2021.

Die geotechnische Zentrifuge der ETH wird langsam in den Untergrund hinabgesenkt. Sie wurde ursprünglich in Bochum verwendet und für die ETH Zürich aufgerüstet. Foto: Pascal Turin

In Zukunft können ETH-Forscherinnen und ETH-Forscher Erdbeben oder Bodenverschiebungen realistisch simulieren. Auf dem Campus Hönggerberg wurde eine der weltgrössten Zentrifugen installiert.

Ganz langsam senkten die Bauarbeiter das knapp zehn Meter lange Objekt von einem mobilen Kran in den Untergrund hinab. Millimetergenau musste es an die richtige Stelle gesetzt und in einen Betonzylinder eingefügt werden. Die riesige Zentrifuge, die kürzlich auf dem Campus Hönggerberg der ETH Zürich installiert wurde, ist laut der Hochschule die fünftgrösste der Welt.

Mit dieser geotechnischen Zentrifuge wollen Forscherinnen und Forscher zukünftig Erdbeben oder Bodenverschiebungen realistisch simulieren, wie Ioannis Anastasopoulos erklärte. Er ist Professor für Geotechnik an der ETH. Dieses Fachgebiet beschäftigt sich unter anderem mit Baugrunduntersuchungen. Dank der Zentrifuge können Modelle erstellt und Risiken beim Bauen besser eingeschätzt werden – darunter die Stabilität von Hochhausfundamenten.

Federn dämpfen Vibrationen
Durch die Rotation der Zentrifuge entsteht Beschleunigung. «Die Kraft, die auf den Untergrund wirkt, kann dadurch mit einer viel kleineren Menge der entsprechenden Erde simuliert werden», sagte Anastasopoulos. Die geotechnische Zen­trifuge kann G-Kräfte erzeugen, die dem 250-Fachen der Erdbeschleunigung entsprechen, und dabei bis zu zwei Tonnen Last tragen.

Zum Vergleich: Kampfjetpilotinnen und Kampfjetpiloten müssen in Tests für kurze Zeit 9 g aushalten. Zum Glück war es James Bond im Film «Moonraker» also möglich, die Zentrifuge fürs Astronautentraining in letzter Sekunde zu stoppen. In dieser wollte ihn ein Bösewicht skrupellos um die Ecke bringen.

Die Zentrifuge der ETH steht auf einem Betonzylinder. Darunter befinden sich Stahlfedern. «Durch die speziell angefertigten Federn werden die Schwingungen gedämpft, welche durch die Zentrifuge entstehen», erklärte Bauprojektleiter Rainer Brandstätter. Damit soll verhindert werden, dass sich Vibrationen auf dem Hönggerberg ausbreiten. Das ist besonders wichtig, weil überall auf dem Campus Messungen stattfinden, die nicht gestört werden dürfen.

Die Zentrifuge ist übrigens aus zweiter Hand. Sie stand bei der Ruhr-Universität in Bochum und wurde dort nicht mehr gebraucht. «Sie war eine grossartige Kaufgelegenheit, viel billiger als eine neue Zentrifuge», sagte Brandstätter. Für die ETH Zürich wurde die Zentrifuge jedoch aufgerüstet, darunter mit einem Schütteltisch zur Simulation von Erdbeben.

Das ganze Projekt ist Teil der Sanierung und Erweiterung des Gebäudes HIF.  Dieses stammt aus dem Jahr 1976. Dort forscht und lehrt das Departement Bau, Umwelt und Geomatik. Aktuell wird fleissig gearbeitet, Anfang 2023 soll der gesamte Bau fertig sein. Teile des Gebäudes werden aber schon vorher bezogen.

Sie sind Gesundheitspolizisten

Sie sind Gesundheitspolizisten

Zuerst veröffentlicht im «Züriberg» vom 25. Februar 2021.

Sie gehören zu den Alligatoren: Der Zoo Zürich hält nun Breit­schnauzen­kaimane. Foto: Zoo Zürich, Manuel Bachmann

Im Alten Ägypten wurden Krokodile verehrt, insgesamt ist ihr Ruf aber heutzutage eher durchzogen. Dabei haben sie eine wichtige Rolle im Ökosystem inne. Die Zoologische Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz hat das Krokodil darum zum Zootier des Jahres ernannt.

Der Zoo Zürich hält seit vergangenem Jahr Breitschnauzenkaimane. Diese sind in die Anlage gezogen, in der früher ein Philippinen-Krokodil lebte. Im Dezember 2019 war es im Krokodilgehege zu einem Arbeitsunfall gekommen. Das Philippinen-Krokodil hatte eine Tierpflegerin schwer an der Hand verletzt. Das Tier musste geschossen werden, weil alle Versuche, es zum Loslassen der Hand zu bewegen, scheiterten.

Vor Kurzem wurden die neuen Bewohner der Krokodilanlage vorgestellt. Das Breitschnauzenkaiman-Pärchen stammt aus dem Krokodille Zoo in Dänemark. Beide sind sieben Jahre alt und könnten bald Nachwuchs zeugen. Der Zoo hatte sich unter anderem für Breitschnauzenkaimane entschieden, weil es eine relativ klein bleibende Art sei und sie sich gut untereinander vertragen würden, erklärte Zoodirektor Severin Dressen vor den Medien. In der Regel messen die Tiere um die 2 Meter. Es gibt aber auch Ausnahmen, die 3,5 Meter lang werden können.

Philippinen-Krokodile sind dagegen  Einzelgänger. «Bei den Philippinen-Krokodilen ist es leider so, dass sie eigentlich ausserhalb der Paarungszeit immer getrennt gehalten werden müssen», führte Dressen aus. In der Anlage des Zürcher Zoos wäre das nicht gut möglich, da es nur einen Wasserbereich gebe und man so gar nicht dauerhaft mehrere Philippinen-Krokodile halten könnte.

Der Mensch ist eine Gefahr für sie
Die Zoologische Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz hat das Krokodil zum Zootier des Jahres 2021 ernannt. Die Nichtregierungs-organisation will damit auf die Bedeutung der Tiere im Ökosystem hinweisen. «Krokodile haben auch einen sehr engen Bezug zur Menschheitsgeschichte», sagte Dressen. Im Alten Ägypten wurden diese Tiere verehrt. Sobek galt als Herrscher über das Wasser und Fruchtbarkeitsgott. Er taucht in den Darstellungen mit Krokodilkopf auf. Krokodile bevölkern die Welt seit 200 Millionen Jahren. Doch die Menschen drangen immer mehr in ihren Lebensraum ein. Anfänglich wurden die Tiere als Schädlinge betrachtet oder für ihr Fleisch gejagt, später wurden sie als Lederlieferant entdeckt. Viele Krokodilarten gelten als gefährdet. Die International Union for Conservation of Nature stuft sieben Arten als von der Ausrottung bedroht ein. Dabei sind Krokodile als Aasfresser wichtige Gesundheitspolizisten. Die meisten fressen  alles, was ihnen entgegenkommt. Gaviale sind hingegen auf Fische spezialisiert.

Krokodile fokussieren sich auf kranke und schwache Tiere. So bleiben andere Tierpopulationen gesund. Verschwinden Krokodile aus einem Gebiet, etwa wegen Überjagung oder Zerstörung der Umwelt, dann gerät das ökologische Gleichgewicht durcheinander. Dressen nannte die Krokodile eine «spannende und gleichzeitig stark bedrohte Tiergruppe».

Sie fressen gerne Schnecken
Der natürliche Lebensraum von Breitschnauzenkaimanen sind Süsswassersümpfe, Mangroven, Seen und Flüsse. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich in Südamerika über Brasilien, Bolivien, Paraguay, Uruguay und Argentinien. Sie fressen gerne Schnecken, Krebse, Fische, Vögel und kleine Säugetiere.
 


Ein Krokodil, ein Kaiman, ein Alligator oder ein Gavial?

Krokodil ist der Überbegriff für verschiedene Tiere: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterscheiden zwischen rund 25 Arten, die in die drei Familien Echte Krokodile, Alligatoren – inklusive Kaimane – und Gaviale aufgeteilt sind.

Will heissen: Ein Alligator ist eigentlich ein Krokodil. Der Begriff Krokodil wird aber als Synonym für Echte Krokodile verwendet. Die Tiere unterscheiden sich etwa beim Kiefer und bei der Schnauzenform. Die Schnauze eines Echten Krokodils ist V-förmig, diejenige eines Alligators U-förmig. Gaviale haben eine auffällig lange, schmale Schnauze.

Der Lebensraum von Alligatoren befindet sich in Amerika und China. Der Echte Gavial ist in Nepal und Indien zu Hause. Der Falsche Gavial auf der Malaiischen Halbinsel sowie den Inseln Borneo, Sumatra. Echte Krokodile sind die artenreichste Familie. Sie leben in tropischen Regionen
Afrikas, Asiens, Ozeaniens und Amerikas. In Florida sind beispielsweise Spitzkrokodile und Mississippi-Alligatoren zu Hause.

Corona verhindert andere Todesfälle

Corona verhindert andere Todesfälle

Zuerst veröffentlicht in den Lokalinfo-Zeitungen «Anzeiger von Wallisellen», «Klotener-Anzeiger» und «Küsnachter» vom 20. August 2020.

In den letzten Wochen waren die Todeszahlen in der Schweiz trotz Pandemie tiefer als 2019. Das zeigt laut Experten, dass die Hygienekonzepte wirken.

Von Pascal Wiederkehr und Lorenz Steinmann

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus steigt in der Schweiz wieder an. Weltweit dramatisiert sich die Lage sogar. Überraschend ist deshalb auf den ersten Blick, dass die Zahl der gesamthaften Todesfälle in der Schweiz im ersten Halbjahr trotzdem tiefer war als 2019. Dies beschreibt auch ein Artikel in der «Sonntagszeitung». Gemäss den jüngsten verfügbaren Daten (Stand 18. August 2020) wurden vom Bundesamt für Statistik 41 610 Tote gezählt. Vergangenes Jahr waren es im gleichen Zeitraum 416 Personen mehr gewesen.

Weniger Infektionskrankheiten
Nachdem zu Beginn der Corona-Pandemie mehr Menschen starben als im langjährigen Durchschnitt, die sogenannte Übersterblichkeit, haben sich die Todeszahlen relativ rasch normalisiert. Wie das Bundesamt für Statistik gegenüber dieser Zeitung mitteilt, werde oft nach dem Abflachen einer Epidemie oder Pandemie beobachtet, dass die Sterblichkeit abnehme. «Dies ist darauf zurückzuführen, dass einige Hochrisikopersonen während der Epidemie/Pandemie gestorben sind», sagt Corinne Di Loreto.

Gegenwärtig gibt es aber einen zweiten Grund: Die im Zusammenhang mit der Pandemie getroffenen Massnahmen bewirkten, dass weniger Menschen an anderen Krankheiten sterben. Man spricht dann von einem Kollateralnutzen als Gegensatz zum Kollateralschaden. «Viele Infektionskrankheiten sind infolge der Hygiene- und sozialen Distanzierungsmassnahmen zurückgegangen», erklärt Di Loreto. Doch etwas Vorsicht ist geboten, weil die Daten für 2020 provisorisch sind und rückwirkend aktualisiert werden.

«Die Massnahmen von Bund und Kantonen und die gute Umsetzung durch die Bevölkerung haben dazu beigetragen, dass sich die Todesfallzahlen in der Altersgruppe ab 65 Jahren nach der ersten Welle wieder ‹normalisiert› haben.»

Bundesamt für Gesundheit

Trotzdem: Die wegen Corona eingeführten Hygienemassnahmen wie Händewaschen oder Abstandhalten sowie der Lockdown scheinen eine Wirkung zu haben. Das zeigen Modellrechnungen von Epidemiologen, wie Jan Fehr erklärt. Er ist Infektiologe an der Universität Zürich. «Es gelang uns, insbesondere Risikogruppen wie ältere Menschen in Alters- und Pflegeheimen wirksam zu schützen. Ebenso das Spitalpersonal», sagt der Departementsleiter Public Health am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention.

Alle konnten aber nicht geschützt werden. Es gab Ende März und Anfang April eine wahrscheinlich coronabedingte Übersterblichkeit bei der Altersgruppe 65plus. «Wir können aber sagen, dass die Massnahmen sehr wirksam sind. Wären diese nicht getroffen worden, hätten wir womöglich so viele Todesfälle wie in Bergamo oder in den Hotspots der USA und Lateinamerika», sagt Fehr.

Gut möglich, dass durch die Corona-Massnahmen des Bundes etwa die Grippewelle wenigstens zum Teil eingedämmt wurde. Doch sichere Aussagen sind heute kaum möglich. «Wir konnten die Todesfälle in Bezug auf Corona eindämmen, da rasch Massnahmen eingeführt wurden und der Lockdown relativ frühzeitig kam», sagt Fehr. Der Professor spricht in diesem Zusammenhang von einem Präventionsparadox. «Da die Massnahmen wirksam waren, konnten wir viele Todesfälle und schwere Krankheitsverläufe verhindern. Das darf uns aber nicht dazu verleiten, zu meinen, dass die Massnahmen nicht nötig waren, im Gegenteil», betont Fehr.

Virus hat Gefährlichkeit gezeigt

Dieser Ansicht ist auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG). «Das neue Coronavirus hat seine Gefährlichkeit und pandemische Potenz ganz klar gezeigt», ist Mediensprecher Yann Hulmann überzeugt. Wenn keine adäquaten und vor allem raschen Massnahmen ergriffen worden wären, könne es in dieser Pandemie, auch in einem industrialisierten Land, zu vielen Todesfällen kommen. «Die Massnahmen von Bund und Kantonen und die gute Umsetzung durch die Bevölkerung haben dazu beigetragen, dass sich die Todesfallzahlen in der Altersgruppe ab 65 Jahren nach der ersten Welle wieder ‹normalisiert› haben», so Hulmann.

Geholfen hat der Schweiz, dass man sich im Gegensatz etwa zu Italien besser auf die Pandemie vorbereiten konnte. Unklar ist, wie sich die Lage in den kommenden Wochen entwickeln wird und ob die Todeszahlen gerade im Herbst wieder steigen. «Es ist wichtig, dass die Massnahmen von Bund und Kantonen weiterhin gut befolgt werden, um das zu verhindern», heisst es vom BAG. Die aktuelle Lage werde zudem genau beobachtet, um Massnahmen allenfalls anzupassen, damit es nicht zu einem Anstieg der Todesfallzahlen kommt.

«Es gibt einige Entwicklungen, die eine zweite Welle begünstigen.»

Jan Fehr, Infektiologe Universität Zürich

Kollateralnutzen von Corona
Jan Fehr von der Universität Zürich wird konkreter. «Es gibt einige Entwicklungen, die eine zweite Welle begünstigen.» Man habe nun Ferienrückkehrer, die das Virus mitbringen können. Zudem stünden weitere Lockerungen bevor – etwa die geplante Lockerung der 1000er-Grenze bei Veranstaltungen. Und es rücke die kalte Jahreszeit näher. Es ist laut Fehr aber möglich, «dass wir mit den bestehenden Hygiene- und Abstandsmassnahmen sowie einem effizienten Contact Tracing das Virus auch weiterhin unter Kontrolle behalten können, allenfalls auch auf einem relativ hohen Niveau». Ganz verschwinden werde es seiner Meinung nach noch eine Weile nicht. «Wir müssen alle lernen, mit dem Virus zu leben», so Fehr.

Umso wichtiger ist es, dass die Hygienemassnahmen weiterhin konsequent umgesetzt werden. So, dass die Corona-Pandemie trotz aller Kollateralschäden, die sie verursacht, etwas Positives bewirkt. Sprich: Weil sich alle an die Hygienevorgaben halten, gibt es total weniger Infektionskrankheiten und nicht noch mehr Tote.