«Mehrheit der Opfer des Terrors sind Muslime»

Ausschnitt Artikel «Zürich West»: «‹Mehrheit der Opfer des Terrors sind Muslime›»
Interview in «Zürich West» mit dem ehemaligen Auslandskorrespondenten Ulrich Tilgner.

Zuerst veröffentlicht in «Zürich West» vom 19. Januar 2017.
Interview als PDF lesen.

Welchen Einfluss hat der Islam auf die Schweiz? Der Nahost-Experte Ulrich Tilgner sprach über Flüchtlinge, Terror und was in Zukunft auf Europa zukommt.

Ulrich Tilgner, ist die Angst vor dem Islam berechtigt?
Die Angst vor dem Islam halte ich für völlig unberechtigt. Das wäre, wie wenn im Orient gefragt würde, ob die Angst vor dem Christentum berechtigt ist. Es gab historisch die Kreuzzüge, es gab den Vormarsch der Osmanen bis fast nach Wien. Gegenseitige Ereignisse in der Geschichte, die Traumata ausgelöst haben, die bis heute wirken. Das, was dem Islam angelastet wird, widerfährt ihm meiner Meinung nach weitgehend zu Unrecht. Das sind alte Ängste, die jetzt nach aussen projiziert werden, weil gerade viele Muslime kommen.

Wir müssen uns also nicht fürchten?
Nein, vor dem Islam nicht. Ich glaube, dass Terrorismus und Islam niemals gleichgesetzt werden dürfen. Es ist eine bestimmte Spielart des Islams, den sich Terroristen zunutze machen können.

Was meinen Sie mit Spielart?
Mein einfachstes Beispiel ist immer, dass der Islam, genau wie das Christentum oder das Judentum, den Täter bestrafen will. Das Beduinenrecht, also das orientalische Recht der Wüste und der Stämme, ist das Recht, dass man Vergeltung übt am anderen Stamm. Entweder an der Täterin oder dem Täter oder an einem anderen Mitglied des anderen Stammes. Stichwort Blutrache. Aber das sind alte Rechtsformen, die mit dem Islam wenig zu tun haben.

Wie reagieren die geistlichen Führer des Islams auf den Terrorismus?
Viele der Prediger sind entsetzt über das, was passiert, und sie distanzieren sich. Nur einige wenige tun dies nicht. Das sind die von Saudi Arabien beeinflussten Wahhabiten oder die Salafisten, bestimmte Rechtsschulen, die eine Vermischung zwischen Islam und Stammesrecht gemacht haben.

Dieses Rechtsverständnis hat also nichts Grundsätzliches mit dem Islam zu tun, sondern mit einer Art Splittergruppe.
Ja, das kann man so sagen. Das ist genauso, wie wenn man bestimmte christliche Sekten mit dem gesamten Christentum gleichsetzen würde. Sobald einer beansprucht, dass er ein Muslim ist, dann wird gesagt, die Muslime denken so. Wenn irgendeine christliche Sekte etwas sagt, dann würde man nicht darauf schliessen, dass alle Christen so denken.

Welchen Einfluss hat der Islam auf die Schweiz?
Es wird zunehmend Muslime in der Schweiz geben. Ich glaube jedoch, der Islam wird bei den Gläubigen eine abnehmende Rolle spielen. Genauso wie auch das Christentum immer stärker zur Privatsache wird. Beim Islam wird das ähnlich verlaufen. Die westliche Lebensart führt dazu, dass die Leute aufgenommen werden, sich in den Alltag einfügen und die Religion an Wichtigkeit verliert.

«Die Schweiz muss natürlich fürchten, dass ihr Reichtum irgendwann nicht mehr wachsen wird.»

Weshalb nimmt die Wichtigkeit der Religion ab?
Das liegt an der westlichen Lebensweise. Sie stellt das Individuum in den Mittelpunkt und dieses ist nicht mehr religiös geprägt. Meine Urgrossmutter hat noch Kopftuch getragen, meine Grossmutter manchmal – das waren Bäuerinnen. Das Kopftuchtragen kommt ja nicht aus dem Orient, das haben viele gemacht und heute ist es einfach nicht mehr üblich. Warum soll also der Wandel im Islam in die andere Richtung führen?

Man hat aber den Eindruck eines stärker werdenden Islams.
Der Islam ist bei vielen Muslimen ein Symbol gegen die Verwestlichung, gegen die Überfremdung aus dem Westen. Der Westen tritt ja im Orient nicht mit einem wirtschaftlichen Erfolg auf, sondern mit bestimmten kulturzersetzenden Formen. Die Leute suchen in der Flucht zum Islam eine Alternative. Sie werden sehr schnell feststellen, dass es nicht funktioniert.

Woher kommt die Angst vor dem Islam?
Die Schweiz muss natürlich fürchten, dass ihr Reichtum irgendwann nicht mehr wachsen wird. Deshalb sucht man sich einen Sündenbock. Am einfachsten sind das die Leute, die von aussen kommen und einem das, was man hat, streitig machen. Aber die Probleme liegen ganz woanders.

Wo liegen denn die Probleme?
Die Franzosen haben begriffen, dass es auch ein gutes Stück ihr eigenes Problem ist. Die ersten Anschläge waren direkt aus Syrien organisiert, jetzt sind die Täter eher die in Frankreich geborenen Muslime, die nicht integriert sind.

Der Terror ist also hausgemacht.
Richtig. Bei zunehmender Verarmung auf der einen Seite und sehr konzentriertem Reichtum auf der anderen Seite werden Kleinkriminelle zu Terroristen. Die Ursachen liegen in der westlichen Gesellschaft. Wenn das begriffen wird, dann gibt es auch die Hetze gegen den Islam nicht mehr.

Wie hoch ist die Chance auf einen Anschlag in der Schweiz?
Die Terrororganisation IS hat auf die Schweiz praktisch keinen Einfluss. Von den Schweizern, die zum IS gegangen sind, wurde mindestens die Hälfte getötet. Die meisten sehen, dass es kein Weg ist. Wenn drei bis vier Überzeugungstäter zurückkehren und vom Nachrichtendienst nicht erfasst werden, dann wird es ein oder zwei Anschläge geben. Damit muss man rechnen. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Falschfahrer auf der Autobahn getötet zu werden, ist trotzdem viel höher, als durch einen Anschlag. Es ist falsch, wenn man so tut, als würde der IS bald mit grossen Aktionen in Bern, Basel und Zürich auftreten. Es kann sein, ich halte es aber für unwahrscheinlich.

Weshalb wurden Frankreich und Deutschland zum Ziel des IS?
Diese Länder führen Krieg gegen den IS. Die Schweiz führt keinen Krieg. Wenn Franzosen oder Deutsche gegen den IS kämpfen, sind sie Helden, wenn sie für den IS kämpfen, sind sie Kriminelle. In der Schweiz ist das nicht so.

Der Anschlag in Berlin zu Weihnachten hat auch die Schweiz stark erschüttert. Wie konnte es dazu kommen?
Deutschland hat mehr attentatsbereite Individuen als die Schweiz. Das liegt daran, dass die Deutschen sich am Krieg gegen den IS mit Aufklärungsflugzeugen beteiligen. Die Gefährdungslage der Schweiz ist eine andere als die der anderen europäischen Staaten.

Steckt wirklich immer der IS hinter den Anschlägen?
Ich glaube, dass die Steuerung durch den IS da ist. Er ist die Bezugsorganisation. Aber man kann ja heute im Internet sehr schnell Anleitungen für Attentate finden. Wer dann einen Anschlag verübt, wird sich auf den IS beziehen. Die Bedeutung, die man einzelnen Attentaten beimisst, ist viel grösser, als sie selbst eigentlich haben. Jeden Tag gibt es in Deutschland drei Anschläge auf Asylunterkünfte, nur redet man nicht darüber. Aber wenn es einen Terroranschlag gibt, dann redet man Wochen.

Hat diese Wahrnehmung auch mit der Nähe der Anschläge zu tun?
Das ist ja das Traurige. In Bagdad gibt es dauernd Anschläge. Die Mehrheit der Opfer des Terrors sind Muslime. Jeder, der nicht gemeinsame Sache mit den Terroristen macht, ist in deren Augen ein legitimes Ziel.

«Die Menschen in Afghanistan, Pakistan, Syrien und Afrika müssen wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie losziehen.»

Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die Flüchtlinge?
Das Asylproblem hat mit dem Terrorismus gar nichts zu tun. Leute, die ihr Land aus Angst und Not verlassen, hat es schon immer gegeben. Früher konnte man nach Amerika einreisen und war willkommen, heute wird man abgelehnt. So haben sich die Zeiten geändert. Dass Terror und Flüchtlinge zusammengemengt werden, ist eine neue Erscheinung. Das hat auch mit dem Stand unserer Gesellschaft zu tun.

Das heisst, man möchte vor allem den Wohlstand erhalten und keine Flüchtlinge.
Man möchte einfach die guten Flüchtlinge. Den Professor aus Damaskus, mit zwei schönen Töchtern, die beide Universitätsabschlüsse haben. Das ist der ideale politische Flüchtling. Doch es fliehen auch viele Menschen vor dem Terror, die nicht Professoren sind. Es laufen ja nicht die Terroristen weg.

Die meisten Flüchtlinge sind also keine Terroristen.
Nein, nicht die meisten, sondern 99 Prozent. Der Flüchtlingsstrom ist nur das Vehikel, mit dem einzelne Terroristen nach Europa gelangen. Die Terroristen würden auch andere Wege finden. Die Flüchtlinge kommen nach Europa, denken, hier ist es besser, und werden wie Terroristen behandelt. Die verstehen ja die Welt nicht mehr.

Wie könnte man das ändern?
Mit einer klaren Regelung für Einwanderung und für politisches Asyl. Die Menschen in Afghanistan, Pakistan, Syrien und Afrika müssen wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie losziehen. Die Staaten müssen sehr viel tun, dass sie die Aufnahme und die Verfahren transparent machen. Menschen aus dem Orient, die nach Kanada, Australien, Neuseeland oder in die USA emigrieren wollen, wissen genau, wen die Behörden akzeptieren und wen nicht.

Wo liegt der Unterschied zu Europa?
Die Länder, die ich erwähnt habe, sind Einwanderungsländer. Nach Europa flieht man, weil es dort besser ist, aber man weiss gar nicht, worauf man sich einlässt. Die Europäer müssen eine klare Einwanderungspolitik entwickeln.

Eine Politik, die für alle in Europa gilt?
Wenn die Europäische Union das im Gleichschritt schafft, dann wäre das ja toll, aber ich sehe das nicht. Deutschland müsste da vorangehen. Die Asylpolitik wird offiziell nicht geändert. Trotzdem werden die Flüchtlinge nicht mehr durchgelassen und hängen in Italien oder der Türkei fest. Deutschland will nicht aufhören mit der Willkommens-Kultur, weil das so schön ankam auf der Welt, gleichzeitig aber zeigen, dass es nicht mehr klappt. Beides geht nicht.

Müsste man das mit Kampagnen im Internet und Fernsehen machen?
Das wäre eine Möglichkeit. Wenn die Regeln klar sind, wird die Magnetwirkung von Deutschland schwächer werden. Und die Schweiz liegt eben auf dem Weg. Wenn man dann schon mal nach Zürich gekommen ist, bleibt man eben dort.

Wird sich die Lage in den nächsten Jahren wieder entspannen?
Nein. Jetzt ist Europa mit den politischen Flüchtlingen und den Folgen von fehlgeschlagenen militärischen Interventionen in Afghanistan, Irak und Syrien konfrontiert. Künftig werden die Menschen aus Afrika kommen – wegen des gewaltigen Bevölkerungswachstums und des Klimawandels, also auch Klimaflüchtlinge. Am Südrand der Sahara gibt es jetzt schon neun Millionen Flüchtlinge. Völkerwanderungen gab es immer. So lange es Europa so gut geht und anderen Staaten schlecht, wird es einen Bevölkerungstransfer geben.

Zur Person
Der deutsche Journalist Ulrich Tilgner berichtete bis 2014 über 30 Jahre lang als Korrespondent unter anderem für ZDF und das Schweizer Radio und Fernsehen aus dem Nahen und Mittleren Osten. Seit 2015 ist der 69-jährige Nahostexperte pensioniert. 2003 erhielt er den Hanns-Joachim- Friedrich-Preis für Fernsehjournalismus. (pw.)

31. 1., 20 Uhr, Podium mit Ulrich Tilgner und Reinhard Schulze: Ist die Angst vor dem Islam berechtigt?. Normales Ticket 27 Franken, Studenten/AHV 16 Franken. Erhältlich bei Ticketino.com, Réception Hotel Spirgarten oder Abendkasse. Theater Spirgarten, Lindenplatz 5, 8048 Zürich.

Schokolade zum Frühstück?

Obwohl der Film «Bridget Jones’s Diary» schon etwas Staub angesetzt hat: Der Zusatz des deutschen Titels – Schokolade zum Frühstück – passt fast perfekt zum morgigen Katerfrühstück. Doch ob 2017 so bitter weitergeht, wie das vergangene Jahr geendet hat, oder vielleicht doch etwas süsser wird, hängt von jedem Einzelnen ab.

2016 brachte uns President-elect Donald Trump, Flüchtlinge, die humanitäre Katastrophe im Syrien-Krieg, die Anschläge in Nizza und Berlin, der Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union, grosse Wahlerfolge der Alternative für Deutschland (AfD) und das Desaster um die österreichischen Präsidentschaftswahlen. Nur einige Höhepunkte, die uns 2016 serviert hat. Alles in allem war es ein Jahr geprägt von Populismus, Angst, Verunsicherung und Einigelung. Beinahe kein Land der westlichen Welt, welches sich nicht einigeln möchte. Gerade in Europa ist eine starke Tendenz zur Abschottung festzustellen. Ein Blick in die Geschichte zeigt aber, dass Emigration für die Bevölkerung des Kontinents früher die einzige Möglichkeit war. Auch die Grenzen in Europa waren lange Zeit nicht fest, wurden immer wieder durch Kriege verändert und künstlich gezogen.

1291 wird von der Schweiz als Geburtsjahr gefeiert, dabei gab es damals nur ein paar Gebiete, die sich zusammentaten und sich langsam mehr Freiheiten erarbeiteten – weiterhin unter fremden Herrschern. 1499 verteidigte man im Schwabenkrieg zwar die Ansprüche auf faktische Unabhängigkeit gegen die Habsburger Herrscher, verstand sich aber weiter als Teil des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Erst im Westfälischen Frieden 1648 sei der Schweiz die Exemtion vom Reich, also die Freistellung von Lasten und Pflichten, zugestanden worden, so das «Historische Lexikon der Schweiz». Von Schweizer Identität konnte trotzdem noch lange nicht die Rede sein. Und auch in anderen Ländern Europas veränderten sich die Grenzen häufig. Man darf also nicht davon ausgehen, dass in den nächsten hundert Jahren alles so bleiben wird, wie es aktuell ist.

Europa ist längest mehr als ein Kontinent mit einzelnen Staaten. Nationalstolz ist gut und recht, wenn man im Fussballstadion sitzt und «seine» Mannschaft anfeuert oder den Nationalfeiertag feiert. In einer globalisierten Welt interessieren Grenzen aber nur auf dem Papier. Mit oder ohne EU: Unsere Gesellschaft funktioniert durch ein Miteinander aller Bürger – egal in welchem Land. «Wo Europa – wie im globalen Wettbewerb, beim Schutz unserer Aussengrenzen oder bei der Migration – als Ganzes herausgefordert wird, muss es auch als Ganzes die Antwort finden – egal wie mühsam und zäh das ist», sagte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel heute Abend in ihrer Neujahrsansprache.

Statt uns über Flüchtlinge aufzuregen, wenn sie vor unseren Toren stehen, müssen Lösungen gesucht werden, damit diese Menschen keinen Grund mehr zur Flucht haben. Das funktioniert nicht, wenn ein Land einen Alleingang macht oder ein anderes die Grenzen schliesst. Alleine können wir keine Krisen lösen. Und diese bringt uns 2017 ebenso wie 2016. Das nächste Jahr wird nicht süss wie Schokolade. Dafür haben wir zu viele offene Baustellen. Bei den Präsidentschaftswahlen in den USA verlor Hillary Clinton unter anderem, weil viele «Demokraten» sie nicht wählten. «Trump did not win because he was more attractive to this base of white voters. He won because Hillary Clinton was less attractive to the traditional Democratic base of urban, minorities, and more educated voters», schreibt «Forbes». Hinzukommt, dass beispielsweise die Mehrheit der Anti-Trump-Demonstranten in Portland gar nicht an die Urne ging.

Jeder einzelne hat in einer Demokratie eine Stimme, doch wir jammern lieber über unser Schicksal, statt es selbst in die Hand zu nehmen. In Westeuropa haben wir glücklicherweise die Freiheit, wählen und abzustimmen zu dürfen. Die Frage ist wie lange noch, wenn die Gleichgültigkeit weiter zunimmt. Wir alle können dafür sorgen, dass 2017 zumindest nicht so bitter wird, wie Schokolade auch schmecken kann.

Das Landesmuseum nimmt Anpassungen vor

22_z2_belvoirpark_3
Diese Rampe ist nur für Eltern mit Kinderwagen und zur Anlieferung beim Museumsshop gedacht. Für Menschen im Rollstuhl und Gehbehinderte ist sie zu steil. Foto: Pascal Wiederkehr

Zuerst veröffentlicht in «Züriberg» vom 13. Oktober 2016.

Beim Eingang des neuen Erweiterungsbaus fehlen die Rampen für Rollstühle. Der Denkmalschutz wurde von der Stadt höher gewichtet. Das Landesmuseum prüft jetzt bauliche Massnahmen.

Die Rampen beim neuen Eingang des Landesmuseums-Erweiterungsbaus sind für Menschen im Rollstuhl zu steil. Das Behindertengleichstellungsgesetz verlangt bei öffentlichen Bauten und Anlagen, dass Menschen mit einer Behinderung der Zugang ohne bauliche Hindernisse ermöglicht wird. Behinderte im Rollstuhl gelangen entweder über eine Hebebühne oder über einen Nebeneingang in das Museum, der sich allerdings etwas versteckt beim Restaurant befindet.

Gegenüber der «NZZ» hatte der Umwelt- und Gesundheitsschutz (UGZ) der Stadt Zürich argumentiert, man habe eine Abwägung zwischen den Anforderungen des Denkmalschutzes und der Behinderten-Gesetzgebung gemacht. Bärbel Zierl, Mediensprecherin beim UGZ, ordnete die Aussage auf Anfrage für den «Züriberg» ein: Die Vertreterin des UGZ habe darauf hingewiesen, dass bei bestehenden Bauten gemäss Behindertengesetzgebung abgewogen werde, welche Massnahmen verhältnismässig seien und auf welche man allenfalls verzichten könne oder müsse. «Der hindernisfreie Zugang konnte über den Nebeneingang direkt beim Haupteingang gewährleistet werden und ermöglicht einen witterungsgeschützten Zugang via Aufzug», sagt Zierl. Die nach Fertigstellung vorhandenen Mängel in der Beschilderung und dem Gebäudeleitsystem seien gerügt worden und Gegenstand der Mängelbehebung.

Im ersten Bauentscheid 2008 lehnte der UGZ eine Erschliessung mittels Hebebühne jedoch noch ab und verlangte eine reine Rampenlösung. «In einer Wiedererwägung legten die Architekten 2009 nochmals diverse bauliche Inhalte zur Stellungnahme vor, unter anderem eine Rampenlösung beim Hauptzugang des Museums», so Zierl. Der Denkmalschutz habe sich jedoch dagegen ausgesprochen. Es habe deswegen eine Begehung aller Beteiligten, inklusive Behindertenkonferenz, UGZ, kantonaler Denkmalpflege und Architekten, vor Ort stattgefunden. «Dabei wurden die Ansprüche aller diskutiert und analysiert», erklärt Zierl. Der Entscheid, den Denkmalschutz und die Architektur stärker zu gewichten, sei nicht vom UGZ, sondern von allen Beteiligten gemeinsam bei der Begehung vor Ort gefällt worden. «Aus denkmalpflegerischen und architektonischen Gründen entschied man sich schliesslich für die Hebebühne als behindertengerechten Zugang», so Zierl.

«Denkmalschutz vorgeschoben»
Da die Fassade des Landesmuseums an dieser Stelle vorher aber geschlossen war, stellt der Eingang mit der Treppe für SP-Gemeinderat Joe Manser ein neues Gestaltungselement dar: «Der Denkmalschutz wird vorgeschoben, weil man gestalterisch keine Variante gefunden hat.» Für Menschen im Rollstuhl und auch für Gehbehinderte seien die Rampen nicht benutzbar, sagt Architekt Manser, der selbst im Rollstuhl sitzt.
Im Idealfall haben Rollstuhlrampen eine maximale Steigung von sechs Prozent. «In der ursprünglichen Baubewilligung war dies auch vorgesehen», so der Geschäftsführer der Schweizerischen Fachstelle für behindertengerechtes Bauen. «Danach hat man wohl aus Gestaltungsgründen darauf verzichtet», glaubt Manser. Er fügt jedoch an, bei beengten Verhältnissen käme eine etwas steilere Rampe infrage. «In solchen Fällen wäre auch eine Steigung von sieben oder acht Prozent besser als nichts.»

Bei repräsentativen Gebäuden wolle man die Bedeutung architektonisch unterstreichen und baue ausladende Treppen, sagt Manser. So auch im Inneren des Landesmuseums. «Sobald man mit dem Rollstuhl im Museum ist, steht man vor einer langen Treppe zu den Ausstellungsräumen.» Es bleibe einem nichts anderes übrig, als einen Aufzug zu suchen. Manser: «Auch für ältere Menschen mit dem Rollator ist das ungünstig.»

Optimierungen notwendig 
Dass die aktuelle Situation nicht optimal ist, weiss auch das Landesmuseum: «Es gab einige wenige Reklamationen. Diese nehmen wir sehr ernst», erklärt Andrej Abplanalp, Leiter Kommunikation des Landesmuseums Zürich. Die Kritikpunkte lasse man in die Optimierungsmassnahmen einfliessen. «Schnell und einfach umsetzbare Massnahmen, wie beispielsweise die Beschriftungen, werden in der nächsten Zeit realisiert», so Abplanalp. Bauliche Massnahmen würden zusammen mit der Bauherrschaft, den Architekten sowie den Interessen- und Nutzervertretern diskutiert und wo möglich umgesetzt. Seit der Eröffnung prüfe und optimiere das Landesmuseum laufend Abläufe und Wege. «Unser Ziel ist es, allen Personen einen befriedigenden Zugang zu unserem Haus zu gewährleisten.» In diesen Prozess hat das Landesmuseum Pro Infirmis als beratenden und begleitenden Partner eingeladen. Abplanalp gibt jedoch zu bedenken, dass die Rampen beim Haupteingang nicht für Rollstühle vorgesehen sind und auch nie als solche konzipiert wurden. «Menschen im Rollstuhl benützen den Hublift beim Haupteingang oder den Personenlift beim Bistro-Eingang», sagt Abplanalp. Die Situation mit den Hebebühnen entspreche der Planung, die zusammen mit den Interessenvertretern, darunter auch der Behindertenkonferenz des Kantons Zürich, beschlossen worden sei.

Dies bestätigt Bärbel Zierl vom UGZ: «Die beiden steilen Rampen rechts und links neben der Treppenanlage hatten nie den Zweck, das Museum hindernisfrei zu erschliessen.» Sie seien als solche nicht beurteilt worden und würden der Anlieferung des Museumsshops oder dem Zugang mit Kinderwagen dienen.
Susanne Stahel, Mediensprecherin von Pro Infirmis gibt sich zurückhaltend und verweist auf Anfrage auf den Artikel in der «NZZ». Die Berichterstattung sei nach wie vor aktuell. «Sie können ihr alle Informationen entnehmen», so Stahel. Gesetzlich verlangt ist ein «gleichwertiger Zugang» für Behinderte, so Rita Roos, Direktorin von Pro Infirmis, in der «NZZ». Sie sehe in diesem Fall «massive Barrieren».

Medienqualität: Man feiert sich halt doch gerne selbst

«Qualität im Journalismus definieren zu wollen, gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln» (Russ-Mohl, 1992, p. 85). Die Aussage von Russ-Mohl (1992) ist Sinnbild für die Problematik des Qualitätsdiskurses und wird deshalb häufig in der entsprechenden Literatur zitiert (see Engesser, 2013, pp. 42-43; Meier, 2013, p. 234; Rau, 2007, p. 92; Wyss, 2002, p. 95). Die Diskussion darüber geht deshalb auch schon sehr weit zurück. «Dass es schon in der frühen zeitungskundlichen Literatur um Qualitätsfragen ging, das hatte mit einer in der abendländischen Tradition stark normativ geprägten Grundhaltung zu tun» (Wilke, 2003, p. 35). Nun wurde vor zwei Tagen ein Medienqualitätsrating herausgegeben. Aus Sicht der Initianten soll die Bestenliste dazu beitragen, die Medienqualität in der Schweiz zu fördern und das Qualitätsbewusstsein bei den Medien selbst sowie bei den Mediennutzern zu stärken. So weit so gut. Ob der Stifterverein Medienqualität Schweiz sein hehres Ziel jemals erreichen wird, bleibt abzuwarten. Ein Blick in die Resultate zeigt jedoch, dass sich vor allem die alte Garde auf die Schultern klopfen darf.

Die Holzmedien liegen vorne
In der Vergleichsgruppe «Tages- und Onlinezeitungen» schwingen die «NZZ» und die Online-Ausgabe «nzz.ch» obenaus. Qualitativ nur knapp mithalten kann hingegen «Watson.ch». Im Oktober vor einem Jahr hatte das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich zum qualitativ drittbesten Onlineportal der Schweiz gekürt. «Watson.ch» titelt damals selbstironisch: «Jetzt wissenschaftlich bewiesen: watson doch nicht so scheisse wie angenommen». Heute könnte man das «nicht» wohl streichen, sofern man dem neuen Qualitätsrating Glauben schenken will. Wäre die Onlinezeitung jedoch in der Vergleichsgruppe «Boulevard- und Pendlerzeitungen» gelandet, stände es nicht so düster um die Platzierung. Dies bestätigen auch die Studienverfasser: «Das mobile Newsportal watson.ch ist im Jahr 2014 mit hohen Ansprüchen gestartet.» Die Onlinezeitung werde denn Ansprüchen jedoch noch nicht gerecht. «Dies ist allerdings auch dem Umstand geschuldet, dass watson.ch im Vergleich mit den anderen Titeln der Vergleichsgruppe stärker auf einen Mix zwischen Information / Hintergrund und Unterhaltung / leichter Kost setzt.» Im Segment der Pendler- und Boulevardzeitungen hätte «Watson.ch» eine Spitzenplatzierung erreicht.

«Blick» weit abgeschlagen
Regula Stämpfli, Politikwissenschaftlerin, kritisierte auf «Klein Report», dass das Medienqualitätsrating speziell von den Medien unkritisch aufgenommen worden sei. Ehemalige, gegenwärtige und durch Auftragsstudien mit der SRG, NZZ und Tamedia verflochtene Personen hätten hier die Medienqualität der Schweiz bewertet und seien zum Ergebnis gekommen: «Die SRG gewinnt mit ‹Echo der Zeit› unter den Informationsmedien, die NZZ brilliert unter den Zeitungen, knapp gefolgt von Tagi und ‹SonntagsZeitung›.» Es bleibt jedoch anzumerken, dass Stämpfli als Kolumnistin für die Gratiszeitung «Blick am Abend» arbeitet. Und die Blick-Titel sind in der Gruppe Boulevard- und Pendlerzeitungen weit abgeschlagen. Trotzdem lässt sich der Vorwurf nicht ganz von der Hand weisen. Mark Eisenegger, Präsident des Fög, zeichnete sich gemeinsam mit Vinzenz Wyss von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Diana Ingenhoff, vom Departement für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Fribourg, für die wissenschaftliche Seite der Studie verantwortlich. Eisenegger und Wyss gelten beide als Verfechter des öffentlichen Rundfunks, also namentlich der SRG. Sowieso war es für die SRG ein Leichtes, die Konkurrenz in der Vergleichsgruppe «Radio- und Fernsehsendungen» hinter sich zu lassen. Acht der zehn untersuchten Angebote waren SRG-Sendungen. Schlusslichter sind die Nicht-SRG-Sendungen «Léman Bleu – Le Journal» und «TeleZüri – ZüriNews». Die SRG erhält mit Abstand am meisten Geld aus dem Gebührentopf.

Die goldene Ananas
Trotzdem ist das neue Medienqualitätsrating eine interessante Ergänzung zum «Jahrbuch Qualität der Medien», welches das Fög jährlich herausgibt. Erstmals wurde auch die Qualitätswahrnehmung des Publikums miteinbezogen. Das kann gerade bei «Watson.ch» einen grossen Einfluss haben, weil viele qualitative Artikel immer noch in den vielen Listicles und Katzenbilder untergehen. Für die Ausgabe 2016 des Medienqualitätsratings wurden 43 Medientitel (Presse, Radio, Fernsehen sowie Online) untersucht. Für das Sample seien nur Medientitel berücksichtigt worden, «die zumindest wöchentlich über ein breites, universelles Themenspektrum unter Einschluss von Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft berichten». Die Berichterstattungsqualität hat man mit einer Inhaltsanalyse gemessen, die Qualitätswahrnehmung mittels zweier Online-Befragungen.

Das goldene «Q» ist eine Art goldene Ananas der Medienqualität. Nur wenn die Schweizer Medien das Qualitätsrating auch ernst nehmen, hat die Auszeichnung mehr als nur ideellen Wert. Dieses Jahr wurde die «NZZ» in der Gruppe «Tages- und Onlinezeitungen», die «NZZ am Sonntag» (Vergleichsgruppe «Sonntagszeitungen und Magazine»), die Online-Ausgabe von «20 Minuten», «20minuten.ch», in der Gruppe «Boulevard- und Pendlerzeitungen» und die Informationssendung «SRF Echo der Zeit» bei den Radio- und Fernsehsendungen ausgezeichnet. Es ist geplant, das Ranking im Zwei-Jahres-Rhythmus vorlegen zu können. Die Schlusslichter haben also theoretisch noch Zeit, um in Sachen Qualität aufzuholen.

  • Engesser, S. (2013). Die Qualität des Partizipativen Journalismus im Web: Bausteine für ein integratives theoretisches Konzept und eine explanative empirische Analyse. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Meier, K. (2013). Journalistik (3rd ed.). Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.
    Rau, H. (2007). Qualität in einer Ökonomie der Publizistik: Betriebswirtschaftliche Lösungen für die Redaktion. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Ruß-Mohl (1992). Am eigenen Schopfe…: Qualitätssicherung im Journalismus – Grundfragen, Ansätze, Näherungsversuche. Publizistik, 37(1), 83-96.
  • Wilke, J. (2003). Zur Geschichte der journalistischen Qualität. In Hans-Jürgen Bucher, Klaus-Dieter Altmeppen (Eds.): Qualität im Journalismus: Grundlagen – Dimensionen – Praxismodelle (pp. 35-54). Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
  • Wyss, V. (2002). Redaktionelles Qualitätsmanagement: Ziele, Normen, Ressourcen. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.

Selbst die Stadtpolizei gab Verhaltenstipps

08_zb_pokemon_1
Dank der Handykamera sieht man die Realität: Hier ein Arena-Kampf zwischen einem Aquana (blau) und einem Pixi (rosa). Mittels Tippen auf den Bildschirm löst man die Attacken aus. Foto: Pascal Wiederkehr

Zuerst veröffentlicht in «Zürich West» vom 15. September 2016.

Es war der Sommer-Hit: Pokémon Go. Unzählige Fans begaben sich auf die Jagd durch die Stadt. Doch nun ist der Hype in Zürich vorbei. Eine Einschätzung.

Was einige Spiele-Experten schon am Anfang prophezeiten, ist wahr geworden: Der ganz grosse Pokémon-Hype ist vorbei. So berichtete der amerikanische Finanzdatenspezialist Bloomberg Ende August, dass das Handy-Spiel Pokémon Go etwa 15 Millionen, also ein Drittel, der täglich aktiven Nutzer verloren habe. Das deutsche Branchenmagazin «Meedia» schrieb dazu: «Das Internet-Phänomen des Sommers kühlt ab.» Bloomberg schätzt, dass dem Spiel rund 30 Millionen Nutzer geblieben sind. Wie an der Apple-Präsentation letzter Woche bekannt wurde, sei Pokémon Go seit der Veröffentlichung vor rund zwei Monaten über 500 Millionen Mal heruntergeladen worden. Angaben über die Anzahl aktiver Nutzer blieb John Hanke, CEO der Entwicklerfirma Niantic Labs, jedoch schuldig. Die Spieler hätten 4,6 Milliarden Kilometer mit eingeschalteter App zurückgelegt.

Übermässige Berichterstattung
Unter den 15 Millionen Spielern, die aus Pokémon Go ausgestiegen sind, scheinen einige Zürcher zu sein. Die zahlreichen Gruppen, die beim Treffpunkt am Hauptbahnhof Pokémons gejagt haben, sind deutlich geschrumpft. Trotzdem ist das Smartphone-Spiel weiterhin im Strassenbild der Limmatstadt präsent. «Die übermässige allgegenwärtige Berichterstattung hat auch viele Leute dazu gebracht, das Spiel zu spielen, obwohl sie sich nicht wirklich dafür interessieren», erklärt Matthias Sala, Präsident der Swiss Game Developers Association (SGDA), also des Schweizer Game-Entwickler-Verbands. Diese würden nun abspringen. «Das ist ganz normal.» Sala rechnet vorläufig nicht mit einem grossen Einbruch. «Die Spielerzahl wird sich auf einem hohen Niveau einpendeln», so Sala. Das heisst, einige Spieler dürften sich zwar wieder vermehrt auf Facebook oder Instagram tummeln, andere aber trotzdem der Pokémon-Jagd treu bleiben.

Mobile Spiele sind ja kein neues Phänomen, wegen Pokémon Go haben sich die Spieler aber erstmals an sehr zentralen Orten in der Stadt zusammengerottet. Grund dafür: die Pokéstops. Diese sind überall auf der Karte im Spiel verteilt und repräsentieren in vielen Fällen Sehenswürdigkeiten oder was man für eine solche hält. Ob Paradeplatz, Bellevue oder die Haupthalle des Hauptbahnhofs, überall fand man Pokéstops. Werden diese mit einem Lockmittel ausgestattet, wovon alle Spieler in einem gewissen Radius profitieren, locken sie mehr Pokémons an. Besonders lukrativ, wenn gleich mehrere Pokéstops im näheren Umkreis zu finden sind. Wer draussen vor der Atrio Pizzeria & Bar im Hauptbahnhof sass, hatte bequem Zugriff auf die Pokéstops und konnte nebenbei konsumieren. Dies führte dazu, dass teilweise fast jeder Tisch von Pokémon-Jägern besetzt war. Sicherlich auch zur Freude der Restaurantbetreiber.

Die Mehrheit der Sammler jeden Alters stand jedoch gewöhnlich zwischen der grossen Uhr und dem Gruppentreffpunkt – tagsüber gegen 200 Spieler, und auch nach Mitternacht waren es noch etwa zwei Dutzend. Immer wieder hörte man entweder Jubelschreie, wenn jemand ein besonders starkes oder seltenes Exemplar gefangen hatte, oder lautstarke Fachsimpeleien unter den Pokémon-Fans. Die Profis brachten zudem gleich ihre eigenen Camping-Stühle mit. Ausgerüstet mit Verlängerungskabeln und Mehrfachsteckdosen, um die Ladegeräte anstecken zu können, oder mit externen Akkus, sorgten sie dafür, dass der Saft nicht ausging. Eine Katastrophe, wenn man ein heiss ersehntes Pokémon verpasst, weil das Smartphone gerade den Geist aufgibt. Doch die Jäger und Sammler sassen keineswegs nur am Hauptbahnhof herum. Trotz Abklingen des Hypes: Wer «der Allerbeste» sein möchte, wie es die berühmte Titelmusik der Pokémon-TV-Serie propagiert, muss sich auf die Strasse wagen, um alle fangen zu können. So wie an der Ecke Marktplatz und Franklinstrasse in Oerlikon, wo auf jeder Strassenseite Menschen an die Wände gelehnt standen und auf ihre Handys tippten. Kein Wunder also, fanden aussenstehende Personen dieses Verhalten suspekt.

Verhaltenstipps der Polizei
In der kleinen Gemeinde Birr wurde sogar die Kantonspolizei Aargau aufgeboten, weil es eine «verdächtigte Menschenansammlung» gegeben habe. Und die Stadtpolizei Zürich liess es sich nicht nehmen, in einem Video augenzwinkernd Tipps zum richtigen Umgang mit dem Spiel zu geben. «Aufpassen, die Augen nicht nur auf dem Handy, sondern auch auf der Strasse», erklärte Social-Media-Polizist Patrick Jean. Im Ausland haben Spieler gar lange vermisste Leichen gefunden. So soll ein 49-Jähriger in einem Abwasserkanal auf der Insel Fünen in Dänemark statt auf ein Pokémon auf einen Toten gestossen sein. Ebenso erging es einer 19-Jährigen aus Riverton im US-Bundesstaat Wyoming. Vielleicht hat die Aufklärung der Stadtpolizei Früchte getragen, denn zu bekannten Zwischenfällen war es während der vergangenen Wochen nicht gekommen.

Dann, wenn es im Spiel mehr Pokémons als die verfügbaren 151 gibt, werden wohl einige Spieler zurückkehren. Mit 721 Monstern im Pokémon-Universum gibt es viel zu tun. «Wenn sich das Spiel entsprechend weiterentwickelt, werden die Spielerzahlen auch stabil bleiben», sagt SGDA-Präsident Sala. Pokémon Go habe dazu beigetragen, in der Schweiz das Bewusstsein zu steigern, «dass Games ein ausdrucksstarkes Medium, technologisch innovativ und als globaler Wirtschaftsfaktor relevant sind».

Saure-Gurken-Zeit: Aber nicht (unbedingt) im Lokaljournalismus

Saure-Gurken-Zeit, Sommerloch, Silly season – man kann sie nennen wie man will, die Zeit im Sommer, in der so wenig los ist, dass in den Redaktionen jede Medienmitteilung sehnlichst erwartet und auch wirklich gelesen wird. Dies im Unterschied zur sonst überquellenden Mailbox, in der man vor lauter Nachrichten von Behörden, kulturelle Einrichtungen, Parteien und Unternehmen leicht den Überblick verliert. Clevere Organisation, Künstler oder Lobbyisten nutzen die Zeit, um sich ins Gespräch zu bringen, auf die Gefahr hin, weniger Publikum zu erreichen, weil dieses im Urlaub weilt.

Glücklicherweise gab es diesen Sommer den Mega-Hype um Pokémon Go, der viele Redaktionen dank teilweise übertriebener Berichterstattung durch die Sommerflaute gebracht hat. Auch an der Lokalinfo, dem Verlagshaus für Zürcher Quartier- und Lokalzeitungen, bei dem ich arbeite, ging das Pokémon-Fieber nicht gänzlich vorbei. Was teilweise auch dem Umstand geschuldet war, dass ich die App gerne ausprobiert habe und selbst heute noch zwischendurch spiele. Doch daneben gab es einige  Highlights aus unserer kleinen Redaktion – trotz Sommerloch. Darunter der Artikel über den angedachten Velotunnel am Bellevue, den auch unsere Kollegen von der Gratiszeitung «20 Minuten» übernommen haben. Oder den Artikel über einen falschen «Kapitän», der sich als Mitarbeiter der Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft ausgibt. Auch diese Geschichte wurde von «20 Minuten» und selbst dem «Tages-Anzeiger» gerne aufgenommen.

Auf vermeintliche Sensationsmeldungen ohne Nachrichtenwert konnten wir verzichten. Man muss jedoch fairerweise hinzufügen, dass man als Wochenzeitung schon grundsätzlich den Vorteil hat, nicht über alles und mit deutlich weniger Zeitdruck berichten zu müssen. Zudem erscheinen die Stadtzürcher Titel der Lokalinfo im August nur zweiwöchentlich. Trotzdem waren wir teilweise froh über vorbereitete, relativ zeitlose Artikel wie beispielsweise Künstlerporträts, die in unseren verschiedenen Titeln Verwendung fanden, wenn wegen dem Sommerloch genügend aktuelle Themen fehlten. Gerade das Internet hat das Problem der nachrichtenarmen Zeit im Sommer noch verstärkt. Immerhin fanden dieses Jahr die Fussball-Europameisterschaften und die Olympischen Sommerspiele statt. Man stelle sich vor, über was die Medien sonst hätten berichten müssen.

Die Wappen könnten bald verschwinden

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 28. Juli 2016.

Nur Affoltern und Leimbach haben kein Tram 2000 mit Wappen. Bald verlieren auch die restlichen Stadtteile ihre Quartiertrams, weil die VBZ neue Fahrzeuge kaufen. Ob es wieder Trams mit Wappen geben wird, ist offen.

Die VBZ wollen neue Trams kaufen. Im Mai haben sie den Zuschlag an Bombardier für 70 Flexity-Trams bekannt gegeben. Geplant ist, dass diese das Tram 2000 ersetzen – je nachdem, wie das Verwaltungsgericht entscheiden wird. Denn Stadler Rail und Siemens haben Beschwerde gegen die Vergabe eingereicht. Doch unabhängig davon wird die Tramgeneration aus dem Jahr 1976 aus dem Strassenbild Zürichs verschwinden. «Wir müssen sie leider ersetzen, weil wir die gesetzlichen Anforderungen damit nicht mehr erfüllen können», sagt Andreas Uhl, Mediensprecher der VBZ. Das Behindertengleichstellungsgesetz verlange bis 2023 niederflurige Fahrzeuge.

Verbundenheit mit Stadtteilen
Durch die Ausrangierung verlieren viele Zürcher Quartiere auch ihre eigenen Trams. Mit den Wappen sollte in den 70er-Jahren die Verbundenheit der VBZ zu den Stadtteilen demonstriert werden, so Bruno Gisler, Tram-Profi und VBZ-Mitarbeiter. «Die Präsidenten der Quartiervereine wurden angeschrieben, mit der Offerte, gegen eine Kostenbeteiligung ein Fahrzeug mit dem Wappen ihres Quartiers zu versehen», erklärt Gisler. Während sogar das tramlose Witikon ein Tram «besitzt», hätten sich die ebenfalls tramlosen Quartiere Affoltern und Leimbach als Einzige nicht zu einer Teilnahme entschliessen können. «Intern hatte die Namensgebung kaum Konsequenzen», so VBZ-Sprecher Uhl. Sie sei auch bei der Beschickung der Linien nicht berücksichtigt worden. Will heissen: Die Trams werden unabhängig vom Wappen in verschiedenen Stadtteilen eingesetzt.

Danach verzichtete man bis auf eine Ausnahme auf weitere Tramtaufen. Uhl: «Bei den Cobra-Trams wurde das Fahrzeug 3001 im Jahr 2001 auf den Namen Stadt Zürich getauft.» Es habe keine weiteren solche Taufakte bei den Cobras gegeben, erklärt Uhl, «und die Tatsache, dass das Fahrzeug 3001 diesen Namen trägt, ist in Vergessenheit geraten».
Möglicherweise wird die Tradition der Namensgebung bei den neuen Flexity-Trams fortgesetzt. In einer ersten Tranche werden 70 neue Fahrzeuge beschafft. «Dies lässt mindestens theoretisch eine grössere Zahl von Widmungen, seien es Persönlichkeiten, Quartiere, Strasse oder was auch immer, zu», sagt Uhl. Die VBZ würden das zu gegebener Zeit gerne prüfen. Uhl: «Im Moment sind wir damit beschäftigt, den Rekurs gegen unseren Vergabeentscheid abzuwehren.»

Verschrottung nicht geplant
Doch was passiert mit den alten Trams, werden sie verschrottet? «Die Fahrzeuge sind sehr robust und irgendwie auch zeitlos elegant», so Uhl. Es könne durchaus sein, dass sich Interessenten aus anderen Städten melden. Die Vorgängerserie (Mirage-Trams) fährt in grosser Zahl in der Ukraine. «Es würde mir persönlich das Herz zerreissen, wenn ich zusehen müsste, wie ein Tram 2000 verschrottet wird», fügt Uhl an.

Der Apfel sieht besser aus, als er schmeckt

Wochenspiegel: «Der Apfel sieht besser aus, als er schmeckt»
Wochenspiegel: «Der Apfel sieht besser aus, als er schmeckt»

Zuerst veröffentlicht im «Wochenspiegel» vom 20. Juli 2016.

In Höri bewahrt Fructus alte Obstsorten vor dem Aussterben. Der Star unter den rund 250 Sorten ist der Sternapi. Zum Essen ist er von geringer Qualität, sieht aber immerhin gut aus.

Wenn «Frau Rotacher», die sich eigentlich Fraurotacher schreibt, gerade keine Lust hat, dann geht es dem Sternapi schlecht. Denn zur Bestäubung braucht es bei den Äpfeln immer zwei. Der Sternapi wäre ohne Bienen, Hummeln oder andere Insekten ziemlich hilflos. Die Insekten fliegen von Fraurotacher zum Sternapi – natürlich auch umgekehrt – und erledigen ihren Job.

Fraurotacher und Sternapi sind Apfelsorten. Die zwei Bäume stehen sich in Höri direkt gegenüber. «Natürlich werden die Blüten des Sternapi nicht nur mit Blütenstaub von Fraurotacher bestäubt», erklärt Klaus Gersbach. Insekten würden einfach von Apfelbaum zu Apfelbaum fliegen und den Blütenstaub mitbringen. Sofern es sich um die Pollenkörner der Blüte einer geeigneten Sorte handle, werde die Blüte befruchtet, sodass wieder neue Früchte entstehen. «Windbestäubung hat bei den Äpfeln eine geringe Bedeutung», so Gersbach.

230 Obstsorten in Höri
Der Obstsortengarten von Fructus in Höri beherbergt auf mehr als 350 Obststammbäumen 230 alte Obstsorten, darunter 152 verschiedene Äpfel, 53 Birnen, 17 Kirschen und 10 Zwetschgen. «Unser Ziel ist es, die genetische Vielfalt einheimischer, krankheitsrobuster Sorten mit möglichst geringem Bedarf von Pflanzenschutzmitteln zu erhalten», sagt Gersbach, der 16 Jahre Präsident von Fructus war. 2015 gab der 69- Jährige, der schon als «Apfelflüsterer» bezeichnet wurde, sein Amt ab und führt nun in seiner Freizeit durch die «Live-Genbank».

Der wohl berühmteste Bewohner des Obstgartens ist der Sternapi. Gersbach: «Die Sorte ist seit der Römerzeit bekannt und mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Original aus Kasachstan, der Urheimat der Äpfel.» Sie zähle zu den seltensten Apfelsorten der Schweiz. «Originale, alte Bäume existieren kaum mehr», führt Gersbach weiter aus. 1995 wurde in Höri deshalb ein einzelner Baum dieser Sorte gepflanzt. Ein Risiko, falls der Sternapi-Baum durch höhere Gewalt Schaden nehmen sollte. Was wäre, wenn ein Blitz einschlagen, der Baum in Flammen aufgehen würde? Doch Gersbach beruhigt: Die Wahrscheinlichkeit dafür sei zum Glück gering, zudem würden auch im waadtländischen Arboretum in Aubonne Sternapi-Bäume stehen. «Der Bund fördert den Erhalt alter Obstsorten, doch die Auflage ist, dass sie in mindestens zwei Sammlungen in verschiedenen Regionen vorkommen müssen, damit sie nicht ganz aussterben.»

Der Sternapi ist nicht nur deshalb berühmt, weil er ein alter Hase unter den Apfelsorten ist. Seine spezielle Form fiel schon dem Pomologen Jean Bauhin auf, der von 1541 bis 1613 lebte und den Apfel wegen seiner besonderen Form Fünfsternapfel (Pomum Pentagonum) nannte. Er habe ihn auch ein erstes Mal gezeichnet, erklärt Gersbach. Der Sternapi ist also auch wegen seiner Sternform ein Star. In der Schweiz ist der Apfel im Februar 1981 erstmals wieder in den Radar von Fructus geraten. «Damals hat eine Frau aus Corsier bei Genf im Winter einen grossen Baum ohne Blätter, aber dafür voller Äpfel entdeckt», so Gersbach. Sie rief einen der Gründerväter von Fructus, Roger Corbaz, an und nannte die Äpfel «Pommes Fleur», also Blumenäpfel. «Es stellte sich heraus, dass es sich tatsächlich um die lange vergessene Sorte Sternapi handelte», erzählt Gersbach.

Der Sternapi fällt nicht
Die Früchte seien Ende Oktober pflückreif, würden aber nicht selbst vom Baum fallen. Wenn es zutrifft, dass Isaac Newton einst ein Apfel auf den Kopf gefallen ist und er dadurch zum Gravitationsgesetz inspiriert wurde, wäre ihm dies unter einem Sternapi-Baum wohl nie passiert. Ein Glück also, ist die Sorte nicht weiter verbreitet, könnte man meinen, sofern man der Geschichte denn Glauben schenkt.
Der Sternapi hat zudem einen kleinen Makel: Er ist zum Essen von eher geringer Qualität. Gersbach: «Er ist aber sehr fest und lagerfähig, und wenn er im März vollständig gereift ist, dann schmeckt er nicht schlecht.» Auch wenn die uralte Sorte aus der Römerzeit vielleicht nicht die leckersten Äpfel gebe, «sie ist umso attraktiver in ihrer Form».

11 Gründe, heute Abend der Schweiz die Daumen zu drücken

Heute Abend spielt die Schweiz gegen Rumänien. Also eigentlich müsste es ja Rumänien gegen die Schweiz lauten, aber das ist ja egal. Die mit den weissen Trikots sind die Schweizer. Die anderen tragen Gelb.

  1. Der ehemalige GC-Profi Viorel Moldovan steht als Co-Trainer der Rumänen am Spielfeld.
  2. Haris Seferović trifft dieses Mal wirklich. Vielleicht. Ach Haris…
  3. Der Match findet um 18 Uhr statt. Zumindest die Affoltemer dürften dann noch im 32er feststecken.
  4. Die Public Viewings in Zürich sind leer (nicht wegen dem Wetter), weil alle die «Scheisse» an der Manifesta 11 ansehen («The Zurich Load» – ein Kunstwerk aus 80 Tonnen Zürcher Fäkalien, ausgestellt im Löwenbräu-Areal).
  5. Der Austragungsort Parc des Princes in Paris ist auch ein Rugby-Stadion. Und die Schweiz ist kürzlich in die europäische Division 1B aufgestiegen. Wenn das kein gutes Omen ist.
  6. Bukarest gilt bei Tourismus-Werbern als Paris des Ostens.
  7. Unvergessliche Alain-Sutter-Anekdoten garantiert: An der WM 1994 in den USA gewann die Schweiz 4:1 gegen Rumänien. Trotz Zehenbruch Alain Sutters.
  8. Der Marktwert der Schweizer ist drei Mal höher als derjenige der Rumänen. Ein 3:1 liegt drin.
  9. Kabarettist Ralf Schlatter und Stimmen-Imitator Michael Wernli kommentieren die Schweizer Vorrundenspiele: Coming Soon, Rolandstrasse 9, 8004 Zürich. www.comingsoon.ch (hinter dem Sex-Kino).
  10. Rumänien ist das Partnerland des Schweizer Erweiterungsbeitrags. Die Schweiz hat wohlwissend schon 181 Millionen Franken überwiesen. Das spricht für einen Schweizer Sieg.
  11. Wenn die Rumänen ihre Torchancen um 100 Prozent erhöhen wollen, müssen sie einfach auf Johan Djourou spielen.

Ursprünglich erschienen auf Lokalinfo.ch. (pw./aj./ls.)

Guinea ist seit heute Ebola-frei. Hä? Ist das nicht schon 2000-and-late?

Jetzt ist es offiziell: Das westafrikanische Land Guinea ist Ebola-frei. Dies teilte heute die World Health Organization (WHO) mit. «Today the World Health Organization (WHO) declares the end of Ebola virus transmission in the Republic of Guinea. Forty-two days have passed since the last person confirmed to have Ebola virus disease tested negative for the second time», schreibt die WHO. Übrigens: Schon im Januar hatte die WHO Westafrika für Ebola-frei erklärt, aber wirklich mitgekriegt hat das niemand. Nachdem die Epidemie 2014 ständig in den Medien war, reichte es in der letzten Zeit nicht mehr für die grosse Medienbühne. Andere Themen wie die Terroranschläge in Europa, der Krieg in Syrien oder noch viel wichtiger der Erdogan-Streit, hatten sich in den Vordergrund gedrängt. Passend dazu schrieb «Die Zeit» im letzten August: «Ebola ist in Afrika nicht besiegt. Doch die Welt hat keine Lust mehr, sich damit zu beschäftigen.»

Ich möchte hier aber eigentlich kein Gejammer über die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Medienwelt beginnen. Dafür möchte ich euch einen Artikel präsentieren, den ich im Herbst 2014 als Semesterarbeit verfassen musste und der nie veröffentlicht wurde. Ich bin kürzlich wieder auf ihn gestossen und die WHO hat mir heute passenderweise den Aufhänger geliefert. Zum Artikel gehört auch eine Infografik:

Continue reading “Guinea ist seit heute Ebola-frei. Hä? Ist das nicht schon 2000-and-late?”