Reformation bei Daten gefordert

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 31. Mai 2018.

Das Turmgespräch mit dem Thema «Seele in der digitalen Arbeitswelt» lief in eine andere Richtung, als der Titel hätte vermuten lassen. Dafür entwickelte sich mit dem ehemaligen ETH-Präsidenten Ernst Hafen eine lebhafte Diskussion rund um elektronische Daten und Privatsphäre.

Überall werden Daten gesammelt – sei es von Internetkonzernen wie Google oder Facebook, digitalen Lernplattformen oder Gesundheitsapps. Bei vielen kostenlosen Angeboten zahlen die Nutzerinnen und Nutzer indirekt mit ihren Daten, indem sie diese oft unbewusst zur Nutzung freigeben. Verschiedene Anbieter verfügen über persönliche Daten von jeder Person. Doch erst die Zusammenführung all dieser Daten entwickelt ihr wahres Potenzial. So zumindest die Quintessenz aus dem Turmgespräch zum Thema “Seele in der digitalen Arbeitswelt” unter dem Hauptthema “O Seele, wo bist du”.
Jeweils am 20. des Monats diskutieren Gäste im Turm des St. Peters eine Stunde lang. Moderiert wird der Anlass von David Guggenbühl, Vizepräsident der Kirchenpflege St. Peter in Zürich.

“Digitale Leibeigenschaft”
Schnell zeichnete sich an diesem Abend ab, dass das Thema “Seele in der digitalen Arbeitswelt” zu eng gefasst war. St.-Peter-Pfarrer Ueli Greminger sorgte am Anfang für die Einordnung: In der Reformation habe Martin Luther von der babylonischen Gefangenschaft gesprochen. Dabei ging es um die Fremdbestimmung durch Rom. Greminger stellte damit den Bezug zur Gegenwart und zur digitalisierten Welt her.
“Heute sind wir nicht mehr von Rom abhängig, sondern von grossen Datenkonzernen”, urteilte Ernst Hafen. “Wir zahlen mit unseren Daten”, so der ETH-Professor. Früher sei die Kirche das Subjekt und der Mensch das Objekt gewesen. Sie habe gesagt, was man glauben müsse. Heute seien die Menschen das Objekt von Internetkonzernen. “Wir müssen die Kontrolle über unsere Daten zurückverlangen können”, sagte Hafen – quasi eine Reformation 2.0. Er sprach von “digitaler Leibeigenschaft”.

Bank für Daten gegründet
2012 hatte der Biologe den Verein “Daten & Gesundheit” mitgegründet. Der Zweck des Vereins ist, die Debatte über die Sammlung und Verwendung von individuellen medizinischen Daten in der Schweiz voranzubringen. Das Ziel: Schaffung von genossenschaftlichen Datenbanken, also Organisationen, bei denen man seine elektronischen Daten, ähnlich wie bei einem Finanzinstitut, lagern kann. Eine solche baut er aktuell auf, sie nennt sich “midata.coop“. “Das hat nichts mit Coop zu tun”, fügte er augenzwinkernd an.

Recht auf Kopie der Daten
Die Idee dahinter ist, dass die Menschen ihre elektronischen Daten an einem sicheren Ort speichern – und selber darüber verfügen können. Anfänglich soll der Fokus vor allem auf Gesundheitsdaten liegen. Bürgerinnen und Bürger sollen die vorhanden elektronischen Daten über sich zusammenführen. “Google weiss mehr über mich, als mein Hausarzt, aber nie so viel wie ich, weil ich die Daten zusammenführen kann”, erklärt Hafen das System. Der Wert der Daten steige durch die Ansammlung. Je mehr Daten eine solche “Datenbank” hat, je interessanter werden die Inhalte – auch für die Forschung. Kurz gesagt: Wer die Daten hat, hat auch die Macht darüber. Doch dafür muss laut Hafen eine Grundvoraussetzung erfüllt sein: Das Recht, eine Kopie der Daten zu erhalten, die von Organisationen oder Privaten über die eigene Person erhoben wurden. Die neue Datenschutzverordnung der Europäischen Union würde dieses “Recht auf Kopie” ermöglichen. Für eine ähnliche Regelung in der Schweiz will sich Hafen starkmachen – wenn nötig mit einer Volksinitiative.

Laura Greminger, die im Bereich Denkmalpflege arbeitet, zeigte sich skeptisch: “Ist es nicht auch eine Gefahr, wenn alle Daten an einem Ort gespeichert werden?” Das sei die gleiche Argumentation, wie wenn man das Geld im Garten vergrabe, statt zur Bank zu bringen, antwortete Hafen. “Es gibt keine absolute Sicherheit.” Die Reputation der “Datenbank” sei deshalb das A und O.

“Fast etwas Apokalyptisches”
Obwohl die Anwesenden grundsätzlich den Argumenten für das Recht auf Kopie zuzustimmen schienen, sorgten sie sich um etwas grundsätzlicheres: “Was nützt es, wenn man das Recht auf Kopie hat, die Konzerne aber immer noch die Daten?” Doch darauf fand die Runde keine abschliessende Antwort.

Die Eigenverantwortung, was mit diesen Daten passiere, sei ein zentrales Element, so Hafen. “Den Leuten ist nicht bewusst, dass man aus einem kleinen bisschen Daten schon viel herausfinden kann”, warf Kevin Schawinski, Astrophysiker und ETH-Professor, ein. Er erwähnte den Social Score in China, ein auf verschiedene Datenbanken zugreifendes Bewertungssystem, mit dem beispielsweise die Kreditwürdigkeit eingeschätzt oder die Reiseerlaubnis beschränkt wird. “Die Technik können wir nicht aufhalten, aber man kann die Entwicklung steuern”, fand Alex Hansen, Korrektor und Textchef.

www.turmgespraeche.ch

Ich, der Apfelkenner

Legen wir die Fakten auf den Tisch: Diese Seite könnte deutlich mehr Besucherinnen und Besucher vertragen. Allerdings ist es ja nicht gerade so, als würde ich mit meinen selten gewordenen Beiträgen überhaupt den Versuch wagen, mehr Leserinnen und Leser anzulocken. Nun denn, umso schöner, wenn man plötzlich seit einigen Tagen Referrals von völlig ungeahnter Herkunft erhält – nämlich vom deutschen Wikipedia.

Trommelwirbel… Hintergrund ist ein Artikel, den ich 2016 für den leider eingestellten Schweizer «Wochenspiegel» geschrieben habe, nämlich über die Apfelsorte Sternapi. Während der Text zu seiner Zeit nicht einmal für einen bösen Anruf gesorgt hat, scheint er zwei Jahre später nun dafür umso beliebter zu sein.

Screenshot Wikipedia-Seite zur Apfelsorte Sternapi

Ich weiss nicht, wem ich diese Ehre zu verdanken habe – aber danke an Unbekannt. Und übrigens: Schon vor ein paar Wochen hat mich jemand netterweise auf seinem Blog wegen des Sternapi-Artikels verlinkt. Auch dafür nachträglich danke.

Fazit: Ich sollte mehr über (alte) Apfelsorten schreiben.

Braucht es bald 11 statt 9 Stadträte?

Zuerst veröffentlicht als Kolumne in «Zürich 2» vom 15. März 2018

Jede Woche tagt der Zürcher Gemeinderat – bald in neuer Zusammensetzung. Doch was sich trotz Parteienrochade nicht ändern dürfte, ist die Flut von schriftlichen Anfragen, Postulaten oder Interpellationen, mit denen die Volksvertreterinnen und Volksvertreter Woche für Woche den Stadtrat eindecken.

SPler Florian Utz wollte mit 35 Mitunterzeichnenden im Januar unter anderem wissen, ob der Stadtrat bereit sei, dafür zu sorgen, dass das Tiefbau- und Entsorgungsdepartement (TED) «inskünftig keine Glasflaschen auf Velowegen mehr zerschlägt». Hintergrund war ein Artikel im «Beobachter» gewesen. Notabene hatte es sich das TED zwar in einer öffentlichen Stellungnahme geäussert, aber die Antwort befriedigte die Wissbegierde der Politiker offenbar nicht.

Noch stärker die Augen reiben musste ich mir wegen einer Anfrage der beiden Grünen-Politiker Gabriele Kisker und Markus Knauss. Sie stellten zehn sehr lange Fragen wegen der Rahmenbewilligung des Formel-E-Rennens. Dies, obwohl der Stadtrat kurz zuvor eine Interpellation der SP-Gemeinderäte Anjushka Früh und Pawel Silberring zum selben Thema detailliert beantwortet hatte.

Doch Fragen ist keineswegs eine linke Spezialität. So reichten FDPler Patrick Albrecht und CVPler Markus Hungerbühler Ende Februar eine schriftliche Anfrage zu Händetrocknern in öffentlichen WC-Anlagen ein. Löblich, dass sich Politiker so um die Handhygiene der Bürgerinnen und Bürger kümmern.

Eins ist klar: Es ist wichtig, dass die Gemeinderäte dem Stadtrat und der Verwaltung auf die Finger schauen. Allerdings sorgt die Beantwortung der ganzen Interpellationen, Postulate und Anfragen für hohen Aufwand. Gerade die Bürgerlichen machen sich aber für eine Reduzierung der Stadträte von 9 auf 7 Personen stark. Über die Initiative «7 statt 9 Stadträte» wird am Ende das Volk entscheiden – im Gemeinderat wurde das Anliegen knapp mit Stichentscheid abgelehnt.

Die Initiative bezweckt eigentlich eine Verwaltungsreform. Gibt es weniger Stadträte, müssen Ämter zusammengelegt werden. Das könnte zur Verschlankung des Verwaltungsapparats führen. Doch wenn der Gemeinderat die Verwaltung mit Zusatzarbeit eindeckt, wird das wohl ein hehres Ziel bleiben. Dann braucht es am Ende gar 11 statt 9 Stadträte.

Übrigens: Wir Journalisten gehen nicht gerade mit gutem Beispiel voran. Für gute Geschichten sind wir auf detaillierte Antworten angewiesen – davon können die Medienstellen ein Liedchen singen. Jedoch: Wenn wir eine Antwort erhalten, wird meist ein Artikel daraus. Viele Antworten des Stadtrats verlassen aber das Rathaus nicht, wenn sie nicht interessant genug für die Medien sind.

Einst wurde der Turner vom Sockel gestossen

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 14. Dezember 2017.

Seit fast 30 Jahren steht in der Seeanlage am General-Guisan-Quai ein leerer Sockel. Darauf befand sich früher das Turnerdenkmal. Nun hat die Stadt den Prozess für eine Nachfolgelösung gestartet.

Seit 1989 ist er im Depot der städtischen Denkmalpflege eingelagert: Der Turner, der einst stolz in der Anlage am General-Guisan-Quai stand, hat nur einen leeren Sockel hinterlassen. «Vaterland, nur Dir» prangt auf dem Stein. Früher stand dort die Skulptur von Baptist Hoerbst. Laut dem Blog «Gärten der Welt» des Museums Rietberg in Kooperation mit Grün Stadt Zürich zeigen Postkarten aus der Zeit um 1900 einen durchtrainierten Mann, mit einem Lorbeerkranz gekrönt. In der linken Hand trägt er einen Fechtsäbel, die rechte Hand streckt einen Siegesbecher in die Höhe. Der Spruch «Vaterland, nur Dir» sei Ende des 19. Jahrhunderts die Losung der Schweizer Turnbewegung gewesen.

Unbekannte stürzten Denkmal

Doch warum fehlt dem Sockel das Denkmal? «Seit den Jugendunruhen von 1980 wurde der Turner immer wieder gestürzt, 1989 kurz nacheinander zweimal», erklärt Christoph Doswald, der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum (Kiör). Die Arbeitsgruppe gehört zum Tiefbau- und Entsorgungsdepartement. Seither sei die Skulptur nicht mehr aufgestellt worden. «Die ursprünglichen Gründe sind nicht festgehalten», sagt Doswald.

Die «NZZ» schrieb vor zwei Jahren: «Über die Motive der anonymen Denkmalstürzer liess sich nur spekulieren.» Der «Tages-Anzeiger» habe Anarchisten und Vaterlandslose am Werk gesehen, ein Bürger in einem Brief an die Denkmalpflege gemutmasst, es handle sich um Leute, «die die Nation untergraben wollen».

Wer wirklich dahintersteckte, lässt sich bis heute nicht sagen. Tatsache ist, dass der Sockel stehengelassen wurde – allerdings liegen hier die Gründe ebenso im Dunkeln. «Was ursprünglich der Grund war, wissen wir nicht», erklärt Doswald. Der Sockel sei zwar immer wieder mal diskutiert worden, habe aber die Öffentlichkeit, die Politik und die Verwaltung nie dermassen bewegt, dass eine Lösung dringend schien. «Im Laufe der Zeit inspirierte der leere Sockel mehrere Unbekannte zu künstlerischen Aktionen. So wurden zum Beispiel ein Fernseher, ein Isolier-Kupferdraht, eine Katze oder Kehrichtsäcke auf den Sockel gestellt», so der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Kiör.

Allerdings gab es einmal einen politischen Vorstoss: 2001 reichte Anita Nideröst eine Einzelinitiative ein. «Das Turnerdenkmal mit der Aufschrift ‹Vaterland nur Dir› in der Parkanlage am General-Guisan-Quai sei wieder zu errichten und zu einem Platz des Patriotischen Geistes zu ergänzen.» Hinzukommen sollten ein Mosaik einer Schweizer Karte und 27 Fahnenmasten – 26 Fahnen für die einzelnen Kantone und eine Schweizerflagge – sowie Tafeln in allen Landes- und Weltsprachen. Mindestens eine Million Franken sollte die Anlage zudem kosten. Das Parlament erteilte dem Begehren eine klare Absage.

Der Turner fristet also weiterhin ein Dasein im Depot der Denkmalpflege. Doch jetzt könnte sich etwas ändern. Doswald: «Die AG Kiör hat kürzlich zusammen mit der Gartendenkmalpflege einen Prozess gestartet, um zu bestimmen, was mit dem Denkmal und dem Sockel geschehen soll.» Was bereits gesagt werden könne: Die Turnerskulptur sei für den Aussenraum schlecht geeignet, die äussere Metallschicht sei dünn und reisse sehr schnell ein. «Insofern müsste für den Aussenraum eine Kopie aus Bronze hergestellt werden», resümiert Doswald.

Auch andere Sockel stehen leer

Der Kranzturner ist derweil nicht das einzige Beispiel für Denkmäler, die über die Jahre aus dem Stadtbild entfernt wurden. «Ein bekanntes Beispiel ist der leerstehende Sockel im Platzspitzpark», erklärt Doswald. Ab 1884 habe sich darauf das Denkmal für den Minnesänger Johannes Hadlaub befunden. In der Zeit des Needle-Parks sei die Skulptur nicht mehr unterhalten worden. Doswald: «1990 schlug ein Ast in einem Sturm den Kopf ab. Seither ist die Skulptur eingelagert.» Auch dieser Sockel sei ein beliebter Ort für temporäre Kunstaktionen.

Spoerri: «Es braucht alles etwas mehr Zeit»

Zuerst veröffentlicht in «Züriberg» vom 12. Oktober 2017.

Angefangen hatte er mit Musik für Werbespots. Heute gilt der Jazzmusiker Bruno Spoerri als Pionier der elektronischen Musik. Im Oktober tritt der 82-Jährige mehrmals in Zürich auf.

Es war ein kleiner Sieg gegen einen Musikgiganten, doch es hatte sich gelohnt: «Jay Z hat ‹99 Problems› und eins mehr. Es heisst Bruno Spoerri», titelte «SRF.ch» 2015 provokativ. Das Onlineportal des Schweizer Radio und Fernsehens bezog sich dabei auf den bekannten Hip-Hop-Song «99 Problems» von Jay-Z. Für den Song «Versus» kupferte der amerikanische Rapper ein Teil von Spoerris Track «On the Way» ab. Anwälte beider Parteien einigten sich aussergerichtlich und Jay-Z sowie sein Produzent Timbaland traten 50 Prozent der Einnahmen aus «Versus» an Spoerri ab. «Das hat mir ein neues Bad und die Produktion meines Albums ‹Memories› finanziert», erinnert sich Spoerri mit einem Lächeln.

«This edition was made possible through the generous financial help by Mr. Jay-Z.»

 
Einen kleinen Seitenhieb liess er sich nach dem Erfolg von David gegen Goliath nicht nehmen, wie er erzählt. Auf der Rückseite von «Memories» steht fast unscheinbar der Satz: «This edition was made possible through the generous financial help by Mr. Jay-Z.» – Diese Edition wurde durch die grosszügige finanzielle Unterstützung von Herrn Jay-Z ermöglicht.

Jazz war in der Schweiz verpönt
Schon zu Beginn von Spoerris Karriere galt es, Hindernisse zu überwinden. «Jazzmusik war in den 50er- Jahren in der Schweiz verpönt», so der 82-Jährige. Ursprünglich hatte er Klavier gelernt, doch mit 14 Jahren stieg er um aufs Saxofon. «Mein Klavierlehrer spielte auch in einer Jazzgruppe. So bin ich früh zum Jazz gekommen», erzählt Spoerri, der seit 1995 in Hirslanden wohnt. Am Gymnasium war unter den Lehrern schnell klar: Schrieb er schlechte Noten, war der Jazz schuld. Spoerri: «Es gab nur einen Lehrer, der damals gerne Jazz hörte.» Selbst der sei aber im Kollegium unbeliebt gewesen. Nach der Schule blieb Jazz ein Amateurvergnügen. «Als Jazzmusiker konnte man höchstens in einem Tanzorchester spielen, was nicht unbedingt erstrebenswert war», sagt Spoerri. Die Musiker hätten jeden Abend an einem anderen Ort spielen müssen und wenig verdient. Spoerri studierte deshalb Psychologie in Basel, Zürich sowie Freiburg im Breisgau und schloss 1960 ab. «Ich habe mehr Musik gemacht als studiert», sagt Spoerri. Er spielte in den 50er- Jahren in verschiedenen Amateurgruppen. Danach arbeitete er fünf Jahre als Psychologe und Berufsberater, blieb aber der Musik treu.

Erst ab 1965 gelang ihm der Wandel zum Berufsmusiker. Grund dafür: Im Schweizer Fernsehen hatte die Ära der Werbung begonnen. Um Produkte bewerben zu können, brauchte es kurze Werbespots. Während die kurzen Filme in Deutschland oder den USA schon länger Realität waren, hatte man in der Schweiz kaum Ahnung davon, wie man solche produzieren sollte. Es schossen viele kleine Produktionsfirmen aus dem Boden, eine davon engagierte Bruno Spoerri als sogenannten Tongestalter. «Heute würde man wohl Sound Designer sagen», überlegt Spoerri. Kurz zuvor hatte der Künstler für die Landesausstellung 1964 in Lausanne die Musik für Kurzfilme produziert. Da das Berufsprofil neu war, durfte der Wahlzürcher experimentieren. «Durch das Improvisieren bin ich auf elektronische Elemente in meiner Musik gekommen», erklärt der Musiker. «Da wir immer zu wenig Geld hatten, mussten wir irgendetwas Besonderes machen.» Als Technikfan wurde er so fast zufällig zu einem Pionier der elektronischen Musik. Zuerst angestellt und dann selbstständig, arbeitete er über 20 Jahre lang in der Werbebranche, komponierte die Musik von über 500 Werbefilmen. Später kamen Dokumentar- und Spielfilme hinzu, darunter die Musik für «Teddy Bär» von Rolf Lyssy oder «Der Kongress der Pinguine» von Hans-Ulrich Schlumpf.

Mit Jazz Award ausgezeichnet
Obwohl Spoerri als Elektropionier gilt, sieht er sich selbst eher als Jazzmusiker. «In der Schweiz wollen sie einen immer in eine Schublade stecken », antwortet er auf die Frage, als was er sich selbst bezeichnen würde. Erst im Juni wurde ihm der Swiss Jazz Award für sein Lebenswerk verliehen. Trotzdem ist ihm bewusst, dass er mit seinen Berufskollegen damals die Entwicklung zur heutigen elektronischen Musik stark beeinflusst hat. «Wir sind sozusagen schuld, dass es das gibt», sagt Spoerri augenzwinkernd. 1982 war er Mitgründer der Gesellschaft für Computermusik und drei Jahre darauf entstand das Zentrum für Computermusik. Dieses leitete er bis 2000 als Geschäftsführer. Nachfolger des Zentrums ist das Institute for Computer Music and Sound Technology an der Zürcher Hochschule der Künste. 2005 erschien sein Buch «Jazz in der Schweiz», 2010 folgte das Werk zu seiner zweiten Leidenschaft: «Musik aus dem Nichts – Die Geschichte der Elektroakustischen Musik in der Schweiz».

«Ich bin noch am Überlegen, aber ich habe viele halbfertige Stücke.»

Mehrere Konzerte in Zürich
20 bis 30 Alben, so genau hat Spoerri nicht gezählt, hat er in über 50 Jahren produziert. Heute ist der Vollblutmusiker immer noch auf nationalen und internationalen Bühnen präsent. Er spielt in Solokonzerten «Computer- Assisted Jazz» oder im Duo mit dem Perkussionisten Julian Sartorius. Als Saxofonist tritt er vor allem mit den Pianisten Roger Girod und Dave Ruosch sowie mit der Sängerin Christina Jaccard auf.

Im Oktober wird Spoerri mehrmals in der Lebewohlfabrik im Seefeld zu hören sein. «Bei diesen Auftritten werde ich vor allem Jazz spielen », erklärt Spoerri. Wer lieber den Elektropionier erleben möchte, kommt aber ebenfalls auf seine Kosten: «Am 31. Oktober spiele ich mit Roberto Domeniconi und Gabriel Schiltknecht sanfte elektronische Musik», kündet er an.

Und vielleicht wird es in naher Zukunft ein neues Album von Bruno Spoerri geben: «Ich bin noch am Überlegen, aber ich habe viele halbfertige Stücke.» Allerdings sei er mit den neuen Computerprogrammen nicht mehr ganz so schnell wie früher, so der 82-Jährige. «Es braucht alles etwas mehr Zeit.»

Zürich wollte mit Genf und Basel mithalten

Zuerst veröffentlicht in «Züriberg» vom 5. Oktober 2017.

Lange war Zürich weder das Wirtschaftszentrum noch die grösste Stadt der Schweiz. Das neue Buch «Zürich – Aufbruch einer Stadt» widmet sich diesem Thema.

1867 soll halb Zürich eine Baustelle gewesen sein. Die Stadt habe mitten in einer Entwicklung gesteckt, die aus dem mittelalterlichen Zürich in wenigen Jahrzehnten eine moderne Stadt mit grosszügigen Boulevards und prächtigen Wohn- und Büropalästen werden liess, schreibt der NZZ-Journalist Adi Kälin in seinem Beitrag für das Buch «Zürich – Aufbruch einer Stadt». Die alte Stadtbefestigung wurde ab 1833 beseitigt, «so richtig systematisch wird die Umwandlung der Stadt aber erst seit 1860 betrieben», hält Kälin fest.

Grund dafür war laut dem Autor ein neues Baukollegium unter dem Vorsitz von Alfred Escher. Dieses wählte Arnold Bürkli zum Stadtingenieur, der Zürich städtebaulich und architektonisch auf das Niveau von Basel und Genf heben wollte. Auch wenn es mancher wohl nicht wahrhaben möchte: Bei der Gründung der Schweiz als Bundesstaat im Jahr 1848 war Zürich weder die grösste Schweizer Stadt noch das wirtschaftliche Zentrum. Die Stadt hatte nur rund 17 000 Einwohner. Im Vergleich dazu: Basel zählte 27 000 Einwohner, in Genf waren es 31 000. Das war vor den Eingemeindungen. Laut Statistik Stadt Zürich waren es damals 41 585 Einwohner, wenn man das gesamte heutige Stadtgebiet betrachtet. Danach sollte sich die Bevölkerungszahl bis 1950 verachtfachen.

Stadtingenieur Bürkli, der von 1833 bis 1894 lebte, war Gemeinderat, Kantonsrat, Nationalrat sowie Zunftmeister der Zunft zur Meisen. Die «NZZ» habe damals in einem Nachruf geschrieben, er sei zu einer gewissen Zeit «einer der populärsten Männer der Stadt» gewesen. Er soll aber wegen umstrittenen Projekten zeitweise auch heftig angefeindet worden sein. Der Bauingenieur plante die Bahnhofbrücke, die Bahnhofstrasse sowie verschiedene Quartiere. Zudem war er federführend bei der Planung und Umsetzung der Kanalisation und Wasserversorgung.

Stadtzunft schenkt sich Buch

«Arnold Bürkli oder die Entdeckung des Mondänen» ist eines der Kapitel im Bildband «Zürich – Aufbruch einer Stadt», welches die grundlegenden Veränderungen dieser Zeit thematisiert. Dazu gehören die Themen Bildung, Kultur, Politik und Wirtschaft, zu denen jeweils ein Beitrag von verschiedenen Autoren beigesteuert wurde. Herausgegeben hat das Werk die Stadtzunft, die 1867 gegründet wurde und 2017 ihr 150-Jahr-Jubiläum feiert. Sie war damit die erste Zunft der insgesamt 14 neuen Zünfte. Diese entstanden ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, oftmals im Zusammenhang mit den Eingemeindungen von 1893 sowie 1934. Die zwölf alten Zünfte waren Handwerksvereinigungen und haben ihre Wurzeln im 14. Jahrhundert.

«Zürich – Aufbruch einer Stadt» ist ein schöner Band mit Essays und vielen grosszügig aufgemachten Bildern geworden. Obwohl das Buch als Geschenk der Zunft an sich selbst gesehen werden kann, steht die Zunftgeschichte nicht im Zentrum. Dafür wird dem Aufbruch der Stadt zum modernen Zürich viel Platz eingeräumt: Pionierjahre, deren Geist bis heute nachwirkt.

499 Menschen starben an Cholera

1867 scheint tatsächlich ein Jahr des Aufbruchs gewesen zu sein. Die Russin Nadeschda Suslowa promovierte an der medizinischen Fakultät als erste Frau an der Universität Zürich. Im gleichen Jahr wütete in Zürich und Umgebung die Cholera. 771 Menschen erkrankten daran und 499 starben. Und es entstand die Halle des Hauptbahnhofs. Kein Wunder, beginnt die Einleitung des Buchs folgendermassen: «Es gibt Jahre, in denen derart viel passiert, dass man sich noch lange daran erinnert.» (pw.)

Stadtzunft, Zürich – Aufbruch einer Stadt. NZZ Libro, 2017. 240 Seiten, geb.

Save the journalists

I’m a local journalist. Some might consider me a community journalist. The definitions for community journalism vary. According to Jock Lauterer, lecturer in journalism at the University of North Carolina at Chapel Hill, and author of “Community Journalism: Relentlessly Local”: “You know community journalism when you see it.” In some ways, this seems like the Holy Grail of definitions to me. You’ll notice community journalism. There is no big picture of a national politician on the front page unless they happened to visit the town. And if a storm hits a foreign country, you’ll only read about it in the local news so long as it has affected the locals in your area in some way.

The difference between local journalism and community journalism is the difference between the macro and micro view. Local journalism covers all things which don’t matter nationally. Community journalism digs even deeper. In many cases, it covers stories that wouldn’t be of interest to another part of the same city.

I’m an editor for a small publisher based in Zurich, Switzerland’s economic capital and the country’s largest city. Among others, we publish four weekly papers in the city – each of them covering a different part of town. For example, the “Züriberg” covers the east of Zurich, whereas the “Zürich West” covers the western districts.

So now you can imagine what I do all day. A lot of people seem to know what a journalist does and more importantly what a journalist should be doing. If you write for a local newspaper, you can’t hide behind your desk. Many people know you and they won’t hesitate to tell you their opinion, whether you care or not. Most people in Western Europe and North America consume media – or at least they read what appears in their Facebook feeds. Revealing my job in social settings seems to evoke an inevitable response. While a part of me feels flattered by it, I also tend to feel defensive. “Oh, you’re a journalist! So much fake news out there these days… It’s important that you stay objective and neutral.” Especially since Donald Trump’s presidency, everyone seems to be qualified to judge the quality of journalism. The conversation evolves into a meandering monologue about what good journalism is and what it isn’t.

To be fair: it’s certainly easier to know what a journalist does than to know what an oncologist does. And you also wouldn’t dare criticize a pilot for her plane-landing skills. If she did a poor job, you probably wouldn’t live to criticize her anyway. But why are so many know-it-alls out there then when it comes to the media?

On the one hand, you don’t need a journalism degree to be a journalist. I’m sure some journalism professors would disagree with me on this point and I wouldn’t blame them. There will always be differing opinions between journalism educators and professionals in this question. In my opinion, a journalist needs training, but a degree is not necessarily mandatory. You can’t call yourself an attorney unless you pass the bar but no regulated license certifies a journalist.

On the other hand, anybody with decent writing skills and an opinion may think: “Oh, I could do this too!”

In community journalism, the critics often live next door. In contrast to the journalist writing about international topics and leaders, the local politicians will call you if they’re unhappy with your coverage. Thus it’s even more important to do your job right. Naturally every journalist should be doing his job right, regardless of what they cover.

It’s no secret that journalism has problems with handling public criticism. But there is another time and place to discuss this matter. Nonetheless, it’s important that people respect our work. Otherwise the constant criticism is slowly weakening the already crumbling reputation of journalism and the media. That would be very bad, particularly in our times of fake news. So, if you wouldn’t dare to criticize oncologists, why then should you criticize journalists?


Many thanks go to Stephanie Turin, Psychologist M.Sc., for her contribution and editing.

Mein Erdbeer-Trauma

Zuerst veröffentlicht als Kolumne im «Züriberg» vom 22. Juni 2017.

Als ich vor kurzem im Coop im Letzipark einkaufen ging, hatte ich nicht ahnen können, wie mein innerer Seelenfrieden ins Ungleichgewicht geraten würde. Ich fand mein liebstes Käse-Sandwich nicht. Vielleicht war es ausverkauft, wer weiss, auf vertiefte Recherchen habe ich verzichtet. Doch das Erlebnis löste etwas aus: Ich erinnerte mich an einen früheren Verlust. Ich erinnerte mich an die stichfesten Erdbeer-Joghurts in der Migros. Eines Tages waren sie plötzlich verschwunden. Dabei haben die mir so wunderbar geschmeckt. «Über den Zeitpunkt oder Grund der Auslistung des stichfesten Erdbeer-Joghurts können wir auf die Schnelle keine genaue Antwort geben», teilte Christine Gaillet, Mediensprecherin der Migros, auf Anfrage mit. «Was wir aber sagen können, ist, dass wir seit längerem kein stichfestes Joghurt mehr aus dem Sortiment genommen haben.» Vor kurzem vielleicht nicht, denke ich mir da, aber vor einigen Jahren schon, füge ich im Geiste an.

Wenn also selbst die Migros nicht weiss, was mit dem stichfesten Erdbeer-Joghurt passiert ist, dann ist alle Hoffnung verloren. Für einen Moment habe ich sogar an mir selbst gezweifelt. War das Joghurt nur eingebildet? Nein. Auf Migipedia, der Online-Community der Migros, schrieb schon 2014 der User Wasa62: «Ich wünsche mir seit Jahren nichts sehnlicher als diese Joghurts wieder im Regal.»
Gemäss dem SRF-Konsumentenmagazin «Espresso» verkauft Emmi beispielsweise keine stichfesten Früchte-Joghurts, weil die Früchte auf den Boden sinken und das die Konsumenten nicht mögen. Stichfeste Joghurts mit Früchte-Geschmack, die man im Ausland sehe, seien nicht mit echten Früchten, sondern nur mit Früchtearoma gemacht.

Aber zurück zu meinem aktuellen Problem: Wo ist das Käse-Sandwich geblieben? Ich kann nur hoffen, dass ich in Zukunft nicht wie- der so ein Trauma erleben muss. Man stelle sich vor, Migros würde irgendwann Pepsi Max aus dem Sortiment nehmen – gottbewahre!

Im Februar wurden nicht nur die Sirenen für den Notfall getestet – auch die USR III ist ein Warnsignal

Immer am ersten Mittwoch im Februar wird in der Schweiz der jährliche Sirenentest durchgeführt. 99 Prozent der Sirenen haben 2017 laut dem zuständigen eidgenössischen Departement funktioniert. Ein weiterer Sirenentest fand dieses Wochenende im übertragenen Sinn mit der Abstimmung über die Unternehmenssteuerreform III (USR) statt. Die Frage ist, ob man die Warnung in Bundesbern wirklich hören wird: Heute hat das Stimmvolk die USR III klar abgelehnt. 59,1 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sagte Nein. Der griffige Titel «Bundesgesetz über steuerliche Massnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmensstandorts Schweiz» hatte eigentlich alles in sich, was Herr und Frau Schweizer gewöhnlich zu einem Ja bewegen konnte. Doch weder «Stärkung» noch «Wettbewerbsfähigkeit» verfingen beim Stimmvolk. Je näher der Abstimmungssonntag rückte, desto lauter warnten die Befürworter vor einem massiven Arbeitsplatz-Verlust. Die Gegner befürchteten höhere Steuern für den Mittelstand. Die Deutlichkeit des Neins zu dieser Steuerreform überraschte zwar am Ende, doch das Verdikt war absehbar.

Tatsache ist, dass das Ausland die Steuerprivilegien für Unternehmen nicht mehr hinnehmen will. Diese hätten abgeschafft werden sollen. Eine Reform ist also notwendig. Gleichzeitig hätten Grosskonzerne neue Privilegien erhalten und die Kantone wären vom Bund für einen Teil der Mindereinnahmen entschädigt worden. Doch weder der Bundesrat, noch die restlichen Befürworter konnten die Auswirkungen glaubhaft erklären. Bis zum Schluss blieb unklar, wie viel die Reform Bund, Kantone und Gemeinden kosten wird. Um ein Nein noch zu verhindern, versprachen die Kantone zwar, die Reform nicht mit höheren Steuern für Private finanzieren zu wollen – doch wie denn dann?

Diese Abstimmungsvorlage war extrem kompliziert und für die Stimmbevölkerung eigentlich eine Zumutung. Selbst wenn man sich wirklich damit beschäftigt hat, wurde die Entscheidung am Ende zum Teil zu einer Glaubensfrage. Das sonst starke Argument der Befürworter – die Sicherung von Arbeitsplätzen – zog nicht. Über die Gründe lässt sich spekulieren. Doch es sollte ein Warnsignal an Bundesbern sein: Alleine mit der Angst vor einem wirtschaftlichen Nachteil für die Schweiz lässt sich im heutigen politischen Klima keine Abstimmung mehr gewinnen. Jetzt braucht es eine mehrheitlich tragfähige Reform. Der Bundesrat muss ausweisen, wie viel eine «USR III b» kosten wird und die Last muss auf mehrere Schultern verteilt werden. Auch auf die Gefahr hin, dass dann einzelne Grosskonzerne abwandern könnten. Alles andere wird beim Volk keine Mehrheit finden.

Finanzminister Ueli Maurer (SVP) kündigte bereits die Ausarbeitung einer neuen Vorlage an. Die Zeit drängt, denn die Europäische Union und die OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development) werden Druck ausüben.

«Mehrheit der Opfer des Terrors sind Muslime»

Ausschnitt Artikel «Zürich West»: «‹Mehrheit der Opfer des Terrors sind Muslime›»
Interview in «Zürich West» mit dem ehemaligen Auslandskorrespondenten Ulrich Tilgner.

Zuerst veröffentlicht in «Zürich West» vom 19. Januar 2017.
Interview als PDF lesen.

Welchen Einfluss hat der Islam auf die Schweiz? Der Nahost-Experte Ulrich Tilgner sprach über Flüchtlinge, Terror und was in Zukunft auf Europa zukommt.

Ulrich Tilgner, ist die Angst vor dem Islam berechtigt?
Die Angst vor dem Islam halte ich für völlig unberechtigt. Das wäre, wie wenn im Orient gefragt würde, ob die Angst vor dem Christentum berechtigt ist. Es gab historisch die Kreuzzüge, es gab den Vormarsch der Osmanen bis fast nach Wien. Gegenseitige Ereignisse in der Geschichte, die Traumata ausgelöst haben, die bis heute wirken. Das, was dem Islam angelastet wird, widerfährt ihm meiner Meinung nach weitgehend zu Unrecht. Das sind alte Ängste, die jetzt nach aussen projiziert werden, weil gerade viele Muslime kommen.

Wir müssen uns also nicht fürchten?
Nein, vor dem Islam nicht. Ich glaube, dass Terrorismus und Islam niemals gleichgesetzt werden dürfen. Es ist eine bestimmte Spielart des Islams, den sich Terroristen zunutze machen können.

Was meinen Sie mit Spielart?
Mein einfachstes Beispiel ist immer, dass der Islam, genau wie das Christentum oder das Judentum, den Täter bestrafen will. Das Beduinenrecht, also das orientalische Recht der Wüste und der Stämme, ist das Recht, dass man Vergeltung übt am anderen Stamm. Entweder an der Täterin oder dem Täter oder an einem anderen Mitglied des anderen Stammes. Stichwort Blutrache. Aber das sind alte Rechtsformen, die mit dem Islam wenig zu tun haben.

Wie reagieren die geistlichen Führer des Islams auf den Terrorismus?
Viele der Prediger sind entsetzt über das, was passiert, und sie distanzieren sich. Nur einige wenige tun dies nicht. Das sind die von Saudi Arabien beeinflussten Wahhabiten oder die Salafisten, bestimmte Rechtsschulen, die eine Vermischung zwischen Islam und Stammesrecht gemacht haben.

Dieses Rechtsverständnis hat also nichts Grundsätzliches mit dem Islam zu tun, sondern mit einer Art Splittergruppe.
Ja, das kann man so sagen. Das ist genauso, wie wenn man bestimmte christliche Sekten mit dem gesamten Christentum gleichsetzen würde. Sobald einer beansprucht, dass er ein Muslim ist, dann wird gesagt, die Muslime denken so. Wenn irgendeine christliche Sekte etwas sagt, dann würde man nicht darauf schliessen, dass alle Christen so denken.

Welchen Einfluss hat der Islam auf die Schweiz?
Es wird zunehmend Muslime in der Schweiz geben. Ich glaube jedoch, der Islam wird bei den Gläubigen eine abnehmende Rolle spielen. Genauso wie auch das Christentum immer stärker zur Privatsache wird. Beim Islam wird das ähnlich verlaufen. Die westliche Lebensart führt dazu, dass die Leute aufgenommen werden, sich in den Alltag einfügen und die Religion an Wichtigkeit verliert.

«Die Schweiz muss natürlich fürchten, dass ihr Reichtum irgendwann nicht mehr wachsen wird.»

Weshalb nimmt die Wichtigkeit der Religion ab?
Das liegt an der westlichen Lebensweise. Sie stellt das Individuum in den Mittelpunkt und dieses ist nicht mehr religiös geprägt. Meine Urgrossmutter hat noch Kopftuch getragen, meine Grossmutter manchmal – das waren Bäuerinnen. Das Kopftuchtragen kommt ja nicht aus dem Orient, das haben viele gemacht und heute ist es einfach nicht mehr üblich. Warum soll also der Wandel im Islam in die andere Richtung führen?

Man hat aber den Eindruck eines stärker werdenden Islams.
Der Islam ist bei vielen Muslimen ein Symbol gegen die Verwestlichung, gegen die Überfremdung aus dem Westen. Der Westen tritt ja im Orient nicht mit einem wirtschaftlichen Erfolg auf, sondern mit bestimmten kulturzersetzenden Formen. Die Leute suchen in der Flucht zum Islam eine Alternative. Sie werden sehr schnell feststellen, dass es nicht funktioniert.

Woher kommt die Angst vor dem Islam?
Die Schweiz muss natürlich fürchten, dass ihr Reichtum irgendwann nicht mehr wachsen wird. Deshalb sucht man sich einen Sündenbock. Am einfachsten sind das die Leute, die von aussen kommen und einem das, was man hat, streitig machen. Aber die Probleme liegen ganz woanders.

Wo liegen denn die Probleme?
Die Franzosen haben begriffen, dass es auch ein gutes Stück ihr eigenes Problem ist. Die ersten Anschläge waren direkt aus Syrien organisiert, jetzt sind die Täter eher die in Frankreich geborenen Muslime, die nicht integriert sind.

Der Terror ist also hausgemacht.
Richtig. Bei zunehmender Verarmung auf der einen Seite und sehr konzentriertem Reichtum auf der anderen Seite werden Kleinkriminelle zu Terroristen. Die Ursachen liegen in der westlichen Gesellschaft. Wenn das begriffen wird, dann gibt es auch die Hetze gegen den Islam nicht mehr.

Wie hoch ist die Chance auf einen Anschlag in der Schweiz?
Die Terrororganisation IS hat auf die Schweiz praktisch keinen Einfluss. Von den Schweizern, die zum IS gegangen sind, wurde mindestens die Hälfte getötet. Die meisten sehen, dass es kein Weg ist. Wenn drei bis vier Überzeugungstäter zurückkehren und vom Nachrichtendienst nicht erfasst werden, dann wird es ein oder zwei Anschläge geben. Damit muss man rechnen. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Falschfahrer auf der Autobahn getötet zu werden, ist trotzdem viel höher, als durch einen Anschlag. Es ist falsch, wenn man so tut, als würde der IS bald mit grossen Aktionen in Bern, Basel und Zürich auftreten. Es kann sein, ich halte es aber für unwahrscheinlich.

Weshalb wurden Frankreich und Deutschland zum Ziel des IS?
Diese Länder führen Krieg gegen den IS. Die Schweiz führt keinen Krieg. Wenn Franzosen oder Deutsche gegen den IS kämpfen, sind sie Helden, wenn sie für den IS kämpfen, sind sie Kriminelle. In der Schweiz ist das nicht so.

Der Anschlag in Berlin zu Weihnachten hat auch die Schweiz stark erschüttert. Wie konnte es dazu kommen?
Deutschland hat mehr attentatsbereite Individuen als die Schweiz. Das liegt daran, dass die Deutschen sich am Krieg gegen den IS mit Aufklärungsflugzeugen beteiligen. Die Gefährdungslage der Schweiz ist eine andere als die der anderen europäischen Staaten.

Steckt wirklich immer der IS hinter den Anschlägen?
Ich glaube, dass die Steuerung durch den IS da ist. Er ist die Bezugsorganisation. Aber man kann ja heute im Internet sehr schnell Anleitungen für Attentate finden. Wer dann einen Anschlag verübt, wird sich auf den IS beziehen. Die Bedeutung, die man einzelnen Attentaten beimisst, ist viel grösser, als sie selbst eigentlich haben. Jeden Tag gibt es in Deutschland drei Anschläge auf Asylunterkünfte, nur redet man nicht darüber. Aber wenn es einen Terroranschlag gibt, dann redet man Wochen.

Hat diese Wahrnehmung auch mit der Nähe der Anschläge zu tun?
Das ist ja das Traurige. In Bagdad gibt es dauernd Anschläge. Die Mehrheit der Opfer des Terrors sind Muslime. Jeder, der nicht gemeinsame Sache mit den Terroristen macht, ist in deren Augen ein legitimes Ziel.

«Die Menschen in Afghanistan, Pakistan, Syrien und Afrika müssen wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie losziehen.»

Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die Flüchtlinge?
Das Asylproblem hat mit dem Terrorismus gar nichts zu tun. Leute, die ihr Land aus Angst und Not verlassen, hat es schon immer gegeben. Früher konnte man nach Amerika einreisen und war willkommen, heute wird man abgelehnt. So haben sich die Zeiten geändert. Dass Terror und Flüchtlinge zusammengemengt werden, ist eine neue Erscheinung. Das hat auch mit dem Stand unserer Gesellschaft zu tun.

Das heisst, man möchte vor allem den Wohlstand erhalten und keine Flüchtlinge.
Man möchte einfach die guten Flüchtlinge. Den Professor aus Damaskus, mit zwei schönen Töchtern, die beide Universitätsabschlüsse haben. Das ist der ideale politische Flüchtling. Doch es fliehen auch viele Menschen vor dem Terror, die nicht Professoren sind. Es laufen ja nicht die Terroristen weg.

Die meisten Flüchtlinge sind also keine Terroristen.
Nein, nicht die meisten, sondern 99 Prozent. Der Flüchtlingsstrom ist nur das Vehikel, mit dem einzelne Terroristen nach Europa gelangen. Die Terroristen würden auch andere Wege finden. Die Flüchtlinge kommen nach Europa, denken, hier ist es besser, und werden wie Terroristen behandelt. Die verstehen ja die Welt nicht mehr.

Wie könnte man das ändern?
Mit einer klaren Regelung für Einwanderung und für politisches Asyl. Die Menschen in Afghanistan, Pakistan, Syrien und Afrika müssen wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie losziehen. Die Staaten müssen sehr viel tun, dass sie die Aufnahme und die Verfahren transparent machen. Menschen aus dem Orient, die nach Kanada, Australien, Neuseeland oder in die USA emigrieren wollen, wissen genau, wen die Behörden akzeptieren und wen nicht.

Wo liegt der Unterschied zu Europa?
Die Länder, die ich erwähnt habe, sind Einwanderungsländer. Nach Europa flieht man, weil es dort besser ist, aber man weiss gar nicht, worauf man sich einlässt. Die Europäer müssen eine klare Einwanderungspolitik entwickeln.

Eine Politik, die für alle in Europa gilt?
Wenn die Europäische Union das im Gleichschritt schafft, dann wäre das ja toll, aber ich sehe das nicht. Deutschland müsste da vorangehen. Die Asylpolitik wird offiziell nicht geändert. Trotzdem werden die Flüchtlinge nicht mehr durchgelassen und hängen in Italien oder der Türkei fest. Deutschland will nicht aufhören mit der Willkommens-Kultur, weil das so schön ankam auf der Welt, gleichzeitig aber zeigen, dass es nicht mehr klappt. Beides geht nicht.

Müsste man das mit Kampagnen im Internet und Fernsehen machen?
Das wäre eine Möglichkeit. Wenn die Regeln klar sind, wird die Magnetwirkung von Deutschland schwächer werden. Und die Schweiz liegt eben auf dem Weg. Wenn man dann schon mal nach Zürich gekommen ist, bleibt man eben dort.

Wird sich die Lage in den nächsten Jahren wieder entspannen?
Nein. Jetzt ist Europa mit den politischen Flüchtlingen und den Folgen von fehlgeschlagenen militärischen Interventionen in Afghanistan, Irak und Syrien konfrontiert. Künftig werden die Menschen aus Afrika kommen – wegen des gewaltigen Bevölkerungswachstums und des Klimawandels, also auch Klimaflüchtlinge. Am Südrand der Sahara gibt es jetzt schon neun Millionen Flüchtlinge. Völkerwanderungen gab es immer. So lange es Europa so gut geht und anderen Staaten schlecht, wird es einen Bevölkerungstransfer geben.

Zur Person
Der deutsche Journalist Ulrich Tilgner berichtete bis 2014 über 30 Jahre lang als Korrespondent unter anderem für ZDF und das Schweizer Radio und Fernsehen aus dem Nahen und Mittleren Osten. Seit 2015 ist der 69-jährige Nahostexperte pensioniert. 2003 erhielt er den Hanns-Joachim- Friedrich-Preis für Fernsehjournalismus. (pw.)

31. 1., 20 Uhr, Podium mit Ulrich Tilgner und Reinhard Schulze: Ist die Angst vor dem Islam berechtigt?. Normales Ticket 27 Franken, Studenten/AHV 16 Franken. Erhältlich bei Ticketino.com, Réception Hotel Spirgarten oder Abendkasse. Theater Spirgarten, Lindenplatz 5, 8048 Zürich.