Corona verhindert andere Todesfälle

Zuerst veröffentlicht in den Lokalinfo-Zeitungen «Anzeiger von Wallisellen», «Klotener-Anzeiger» und «Küsnachter» vom 20. August 2020.

In den letzten Wochen waren die Todeszahlen in der Schweiz trotz Pandemie tiefer als 2019. Das zeigt laut Experten, dass die Hygienekonzepte wirken.

Von Pascal Wiederkehr und Lorenz Steinmann

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus steigt in der Schweiz wieder an. Weltweit dramatisiert sich die Lage sogar. Überraschend ist deshalb auf den ersten Blick, dass die Zahl der gesamthaften Todesfälle in der Schweiz im ersten Halbjahr trotzdem tiefer war als 2019. Dies beschreibt auch ein Artikel in der «Sonntagszeitung». Gemäss den jüngsten verfügbaren Daten (Stand 18. August 2020) wurden vom Bundesamt für Statistik 41 610 Tote gezählt. Vergangenes Jahr waren es im gleichen Zeitraum 416 Personen mehr gewesen.

Weniger Infektionskrankheiten
Nachdem zu Beginn der Corona-Pandemie mehr Menschen starben als im langjährigen Durchschnitt, die sogenannte Übersterblichkeit, haben sich die Todeszahlen relativ rasch normalisiert. Wie das Bundesamt für Statistik gegenüber dieser Zeitung mitteilt, werde oft nach dem Abflachen einer Epidemie oder Pandemie beobachtet, dass die Sterblichkeit abnehme. «Dies ist darauf zurückzuführen, dass einige Hochrisikopersonen während der Epidemie/Pandemie gestorben sind», sagt Corinne Di Loreto.

Gegenwärtig gibt es aber einen zweiten Grund: Die im Zusammenhang mit der Pandemie getroffenen Massnahmen bewirkten, dass weniger Menschen an anderen Krankheiten sterben. Man spricht dann von einem Kollateralnutzen als Gegensatz zum Kollateralschaden. «Viele Infektionskrankheiten sind infolge der Hygiene- und sozialen Distanzierungsmassnahmen zurückgegangen», erklärt Di Loreto. Doch etwas Vorsicht ist geboten, weil die Daten für 2020 provisorisch sind und rückwirkend aktualisiert werden.

«Die Massnahmen von Bund und Kantonen und die gute Umsetzung durch die Bevölkerung haben dazu beigetragen, dass sich die Todesfallzahlen in der Altersgruppe ab 65 Jahren nach der ersten Welle wieder ‹normalisiert› haben.»

Bundesamt für Gesundheit

Trotzdem: Die wegen Corona eingeführten Hygienemassnahmen wie Händewaschen oder Abstandhalten sowie der Lockdown scheinen eine Wirkung zu haben. Das zeigen Modellrechnungen von Epidemiologen, wie Jan Fehr erklärt. Er ist Infektiologe an der Universität Zürich. «Es gelang uns, insbesondere Risikogruppen wie ältere Menschen in Alters- und Pflegeheimen wirksam zu schützen. Ebenso das Spitalpersonal», sagt der Departementsleiter Public Health am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention.

Alle konnten aber nicht geschützt werden. Es gab Ende März und Anfang April eine wahrscheinlich coronabedingte Übersterblichkeit bei der Altersgruppe 65plus. «Wir können aber sagen, dass die Massnahmen sehr wirksam sind. Wären diese nicht getroffen worden, hätten wir womöglich so viele Todesfälle wie in Bergamo oder in den Hotspots der USA und Lateinamerika», sagt Fehr.

Gut möglich, dass durch die Corona-Massnahmen des Bundes etwa die Grippewelle wenigstens zum Teil eingedämmt wurde. Doch sichere Aussagen sind heute kaum möglich. «Wir konnten die Todesfälle in Bezug auf Corona eindämmen, da rasch Massnahmen eingeführt wurden und der Lockdown relativ frühzeitig kam», sagt Fehr. Der Professor spricht in diesem Zusammenhang von einem Präventionsparadox. «Da die Massnahmen wirksam waren, konnten wir viele Todesfälle und schwere Krankheitsverläufe verhindern. Das darf uns aber nicht dazu verleiten, zu meinen, dass die Massnahmen nicht nötig waren, im Gegenteil», betont Fehr.

Virus hat Gefährlichkeit gezeigt

Dieser Ansicht ist auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG). «Das neue Coronavirus hat seine Gefährlichkeit und pandemische Potenz ganz klar gezeigt», ist Mediensprecher Yann Hulmann überzeugt. Wenn keine adäquaten und vor allem raschen Massnahmen ergriffen worden wären, könne es in dieser Pandemie, auch in einem industrialisierten Land, zu vielen Todesfällen kommen. «Die Massnahmen von Bund und Kantonen und die gute Umsetzung durch die Bevölkerung haben dazu beigetragen, dass sich die Todesfallzahlen in der Altersgruppe ab 65 Jahren nach der ersten Welle wieder ‹normalisiert› haben», so Hulmann.

Geholfen hat der Schweiz, dass man sich im Gegensatz etwa zu Italien besser auf die Pandemie vorbereiten konnte. Unklar ist, wie sich die Lage in den kommenden Wochen entwickeln wird und ob die Todeszahlen gerade im Herbst wieder steigen. «Es ist wichtig, dass die Massnahmen von Bund und Kantonen weiterhin gut befolgt werden, um das zu verhindern», heisst es vom BAG. Die aktuelle Lage werde zudem genau beobachtet, um Massnahmen allenfalls anzupassen, damit es nicht zu einem Anstieg der Todesfallzahlen kommt.

«Es gibt einige Entwicklungen, die eine zweite Welle begünstigen.»

Jan Fehr, Infektiologe Universität Zürich

Kollateralnutzen von Corona
Jan Fehr von der Universität Zürich wird konkreter. «Es gibt einige Entwicklungen, die eine zweite Welle begünstigen.» Man habe nun Ferienrückkehrer, die das Virus mitbringen können. Zudem stünden weitere Lockerungen bevor – etwa die geplante Lockerung der 1000er-Grenze bei Veranstaltungen. Und es rücke die kalte Jahreszeit näher. Es ist laut Fehr aber möglich, «dass wir mit den bestehenden Hygiene- und Abstandsmassnahmen sowie einem effizienten Contact Tracing das Virus auch weiterhin unter Kontrolle behalten können, allenfalls auch auf einem relativ hohen Niveau». Ganz verschwinden werde es seiner Meinung nach noch eine Weile nicht. «Wir müssen alle lernen, mit dem Virus zu leben», so Fehr.

Umso wichtiger ist es, dass die Hygienemassnahmen weiterhin konsequent umgesetzt werden. So, dass die Corona-Pandemie trotz aller Kollateralschäden, die sie verursacht, etwas Positives bewirkt. Sprich: Weil sich alle an die Hygienevorgaben halten, gibt es total weniger Infektionskrankheiten und nicht noch mehr Tote.

Neuer Zoo-Direktor will Seilbahn

Tritt in die grossen Fussstapfen seines Vorgängers Alex Rübel und hat mit Schuhgrösse 49 die besten Voraussetzungen: Severin Dressen. Foto. pw.
Tritt in die grossen Fussstapfen seines Vorgängers Alex Rübel und hat mit Schuhgrösse 49 die besten Voraussetzungen: Severin Dressen. Foto. pw.

Zuerst veröffentlicht in den Lokalinfo-Zeitungen vom 25. Juni 2020.

Er ist gekommen, um zu bleiben: Der 32-jährige Severin Dressen will den Zoo Zürich bis zu seiner Pensionierung führen und die Zoo-Seilbahn bauen.

Seit mehreren Jahren ist eine Seilbahn vom Bahnhof Stettbach zum Zoo Zürich geplant. Sie soll das Parkplatzproblem lösen und die Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr verbessern. Doch die Fronten sind verhärtet. Gegner befürchten eine Verlagerung des Verkehrs aus dem Quartier Fluntern nach Dübendorf, wenn in Stettbach alle auf die Seilbahn umsteigen wollen.

Ein Zeichen in dieser umstrittenen Geschichte setzte jetzt Severin Dressen. Der 32-jährige Deutsche ist ab Juli neuer Direktor des Zoos. Für ihn ist die Seilbahn der richtige Weg für die Zukunft. «Wenn sich der Züri-Zoo etwas in den Kopf gesetzt hat, dann setzt er das auch um», verkündete Dressen vor den Medien.

Grosse Fussstapfen ausfüllen
Dressen tritt in grosse Fussstapfen. Sein Vorgänger Alex Rübel hat den Zoo nicht nur 29 Jahre lang geführt, er ist auch ein guter Lobbyist in Zoo-Sachen. Der Zunftmeister der Zunft zur Saffran hat in seiner Amtszeit viele grosse Projekte umsetzen können und dafür das Geld aufgetrieben. Erst kürzlich wurde Rübels letzter Meilenstein vor der Pension eröffnet – die Lewa-Savanne mit Giraffen und Nashörnern. «Der Nachfolger muss ganz grosse Fussstapfen ausfüllen», sagte darum Verwaltungsratspräsident Martin Naville. Dass Dressen, der mit Frau und seinen zwei Kindern in Zürich lebt, das kann, daran scheint beim Zoo niemand zu zweifeln. Der in Aachen aufgewachsene Biologe erhielt viele Vorschusslorbeeren. Sein Vorgänger Alex Rübel betonte die Gemeinsamkeiten, etwa bei der Philosophie. «Auch in vielen kleinen Sachen denken wir ähnlich», fügte Rübel an. Er selbst war bei seinem Amtsantritt 1991 mit 36 Jahren nur vier Jahre älter als sein Nachfolger Dressen gewesen.

Über 140 Bewerbungen gingen für die Stelle ein. Am Ende standen zwei Frauen und drei Männer in der engen Auswahl – ein Schweizer, eine Österreicherin und drei Deutsche. Durchgesetzt hat sich Dressen, der in Berlin und London Biologie studiert und in Zoologie an der Universität Oxford doktoriert hat. Vor seiner Stelle in Zürich war er stellvertretender Direktor im Zoo Wuppertal.

Seit 1. April arbeitete sich Dressen nun im Hintergrund ein, bildete sich im Bereich Management weiter. Auch ein Medientraining erhielt der 32-Jährige. In der Einführungszeit war Dressen noch vor den Medien abgeschirmt worden.

Zoo plant neue Anlage für Gorillas
Als Herausforderung nannte Dressen die Digitalisierung – darunter beim Bildungsangebot. Vorgestellt wurden die nächsten Bauprojekte, die jedoch noch sein Vorgänger Rübel aufgegleist hat. So ist eine begehbare Voliere im Gebiet Pantanal geplant, ebenso soll zwischen Zoolino und Lewa-Savanne eine Anlage für Gorillas entstehen. Im heutigen Menschenaffenhaus werden dann die Orang-Utans ein modernes Zuhause erhalten.

Gerade die Bauprojekte sollen nicht die einzigen sein, die Dressen umsetzen möchte. Details könne er zwar keine nennen, wie er am Rande der Veranstaltung sagte, er wolle aber bis zur Pensionierung bleiben. Zeit für weitere Meilensteine bleibt also. Nächstes Jahr soll der Entwicklungsplan 2050 vorgestellt werden.

Er bändigte die Luftströmungen

«Der Weg zum Überschall-Verkehrsflugzeug» war das Thema seiner Abschiedsvorlesung 1967 an der ETH: Aerodynamiker Jakob Ackeret im Hörsaal. Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Photographisches Institut der ETH Zürich
«Der Weg zum Überschall-Verkehrsflugzeug» war das Thema seiner Abschiedsvorlesung 1967 an der ETH: Aerodynamiker Jakob Ackeret im Hörsaal. Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Photographisches Institut der ETH Zürich

Zuerst veröffentlicht in den Lokalinfo-Zeitungen vom 14. Mai 2020.

Wo die Luftfahrt aktuell hinsteuert, ist offen. Einer, der sie massgeblich beeinflusste, war der Aerodynamiker Jakob Ackeret.

Plötzlich ein lauter Knall: Ein Kampfjet bricht durch die Schallmauer. Dass er so schnell fliegen kann, ist auch der Arbeit von Jakob Ackeret zu verdanken. Zu seinen Leistungen gehörte die Erforschung des Überschallflugs. Die Einführung der Mach-Zahl – der Masseinheit für Schall- und Überschallgeschwindigkeit – geht auf ihn zurück. Er hat vorgeschlagen, sie nach dem österreichischen Physiker Ernst Mach zu benennen.

Jakob Ackeret wurde 1898 geboren und wuchs in Riesbach auf. Er studierte Maschinenbau an der ETH und wurde 1920 Assistent. Knapp ein Jahr später wechselte er nach Göttingen zu Ludwig Prandtl. Unter dem deutschen Strömungsforscher widmete er sich der Flugzeug-Aerodynamik. «Zu diesem Zeitpunkt befanden sich Wissenschaft und Technik des Flugwesens in voller Entwicklung», schreibt Luft- und Raumfahrtspezialist Georges Bridel im Buch «Schweizer Wegbereiter des Luftverkehrs».

In Göttingen beschäftige sich Ackeret mit dem Ausbau des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Strömungsforschung, das heute Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation heisst. Der Wissenschafter erforschte die Probleme des Flugs bei hohen Geschwindigkeiten.

Für Kampfflugzeuge verwendet
«Die frühen Pioniere der Luftfahrt mussten sich mit der Antriebsfrage genauso intensiv befassen wie mit der Aerodynamik des Auftriebes und des Widerstandes», heisst es im Buch. Strahltriebwerke setzten sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch. Vorher gab es nur die Luftschraube – also Propeller an einem Flugzeug. Ackeret sammelte deshalb Erfahrung bei Wasserturbinen und entwickelte einen Verstellpropeller für Schiffe. Dessen Weiterentwicklung wurde später in den schweizerischen Kampfflugzeugen C-36 und Morane D-3802/03 eingesetzt.

Als Ackeret 1927 aus Deutschland nach Zürich zurückkehrte, übernahm er das Labor für Hydraulik und Strömungsmaschinen bei der Escher Wyss AG. Schon wenige Jahre später, 1934, ernannte ihn die ETH zum ordentlichen Professor für Aerodynamik. Mit seinem neuartigen Überschallwindkanal sorgte er weltweit für Aufsehen. Ackeret leistete wichtige Beiträge im Bereich des Flugzeugbaus, des Überschallflugs und der Weltraumfahrt. Doch der Zürcher war nicht überall erfolgreich: In den 1950er-Jahren scheiterte die Entwicklung des Schweizer Düsen-Jagdflugzeugs P-16, an der sein Institut beteiligt war. Nach Abstürzen von Prototypen zog der Bundesrat eine Bestellung für 100 Stück zurück. Eine Enttäuschung dürfte zudem sein, dass sich die Überschallgeschwindigkeit in der zivilen Luftfahrt nie durchgesetzt hat. Exemplarisch dafür ist das Ende des französisch-britischen Überschall-Passagierflugzeugs Concorde. Immerhin: Im Militär ist der Überschall Standard.

Seine Abschiedsvorlesung an der ETH 1967 schloss Ackeret mit Worten von Gottfried Keller: «Und wenn vielleicht in hundert Jahren, in Luftschiff hoch mit Griechenwein durchs Morgenrot käm’ hergefahren – wer möchte da nicht Fährmann sein?» Ackeret starb 1981 mit 83 Jahren in Küsnacht. Zum hundertsten Geburtstag widmete ihm die ETH-Bibliothek 1998 eine Ausstellung.

Das Buch «Schweizer Wegbereiter des Luftverkehrs» ist nur noch antiquarisch erhältlich. Andere Werke über Schweizer Pioniere: www.pioniere.ch

Cyber attacks can pose a critical threat to hospitals

Foto: Pascal Wiederkehr

Hospitals in Canton Zurich are often the target of cyber attacks. Experts and politicians are therefore concerned about security and patient data. By Pascal Wiederkehr. Translation by Ruth Turin.

During the coronavirus pandemic, hospitals are taking special measures to prevent any suspected cases from coming into contact with unprotected patients. The Department of Health of Canton Zurich even issued a visitor ban. However, a problem that can be solved on-site with security personnel or closed doors is more difficult to monitor in the internet, where umpteen digital doors provide access to hospitals. Companies are not the only popular targets of cyber attacks, hospitals have long been the focus of criminal schemes.

In 2019, Wetzikon Hospital was attacked by the Emotet trojan. A trojan is malware that infiltrates computers and performs unwanted functions, such as the siphoning off of data and passwords. The attack was widely covered in the media at the time, including by Neue Zürcher Zeitung. Research carried out by Rundschau, a program by SRF (Swiss Radio and Television) revealed that other healthcare providers, such as Limmattal Hospital and the Zentrallabor Zürich had also been affected. The attacks had no serious consequences, however, and no patient data were lost.

Minimum standards are needed
Bettina Balmer (Free Democratic Party) and Benjamin Walder (Green Party), both cantonal councillors, submitted a motion on the topic. “Especially in light of increasing digitalization in healthcare, the problem of cyber attacks cannot be underestimated,” they write in their motion. They would like to know, for instance, how many cyber attacks have occurred in hospitals in Canton Zurich in the last few years. They are also asking the Council of State why there are no minimum standards

“Compulsory minimum standards would be a step in the right direction.”

Hernâni Marques, Chaos Computer Club Switzerland

While minimum standards for information and communication strategies (IKT) have been defined by the federal government, they are only recommendations and not specifically intended for hospitals. “If somebody is really bent on launching a malicious attack, it will be extremely difficult to avert it,” says Hernâni Marques. “Compulsory minimum standards would be a step in the right direction” according to the computer linguist who studies encryption software professionally. Indeed, there are even different IT systems being used within hospitals. “In order for systems to be kept up to date, more staff and financial resources are needed,” says Marques, spokesperson for the Chaos Computer Club Switzerland. The hacker organization opposes oversight and advocates data protection in the internet. What is needed, they say, is training for users, as they are a major weak point.

Total security is an illusion
According to Radio Prague, it was only last March that a cyber attack temporarily brought the Brno University Hospital in the Czech Republic to a halt. The hospital became a victim of ransomware. This is where hackers attempt to encrypt data on computers using ransomware and subsequently extort money for decryption. “Typically, ransomware is sent in a mail attachment,” explains Marques. Unsuspecting users open the attachment and the software installs itself independently. “If it is well-designed malware, it always looks for additional devices, jumping from one to the next,” says the IT specialist. The question then is how well the individual systems are separated from one another. “In the worst case, if life-support machines are affected by hacker attacks, even human lives could be at risk,” Marques warns. There is no general reporting obligation for cyber attacks. Wetzikon Hospital set a good example and reported the trojan attack to MELANI, the Reporting and Analysis Centre for Information Assurance. Many companies fear for their reputation, however. “Total security is an illusion, but we have to make systems as secure as possible,” Marques points out. Cyber attacks can pose a critical threat to primary care. 

Attacks happen all the time

Hospitals are frequently the target of cyber attacks. “Attempted attacks on the IT infrastructure of the City of Zurich happen all the time and therefore also on the Waid and Triemli City Hospitals,” their media relations offices explain. This is not only commonplace in the city administration. “So far, the attacks could be averted by our defense systems and security experts,” the city hospitals report.

Attempted attacks on Bülach Hospital occur mainly via mail. So-called port scanner attacks that probe networks for open ports were also discovered. “According to current knowledge, all attacks on our systems could so far be averted,” says Urs P. Kilchenmann, media spokesperson. In 2019, external specialists conducted a comprehensive investigation confirming that there had been no infection by malware. “Security measures at Bülach Hospital have thus far been sufficient to ensure protection, including patient data,” says Kilchenmann.

Zollikerberg Hospital reports similar experiences, saying that their network has not been hacked in the past two years. Untargeted attacks often attempt to obtain information via phishing mails, i.e. false mails, so as to subsequently conduct a targeted attack. The hospital receives multiple such mails every day, of which roughly 90 percent are caught by the spam filter and not delivered to the recipient. The majority of staff are aware of the problem and recognize and delete phishing mails.

However, Zollikerberg Hospital did experience an incident, albeit indirectly. It is co-operator of the Zentrallabor Zürich, which was hacked by the Emotet trojan. “No sensitive data was affected at the Zentrallabor either,” stresses Anke Schramm, who is responsible for marketing and communications at the hospital. “We adhere to the government’s IKT minimum standards and are grateful that such standards exist,” says Schramm.

Owing to the pending motion in the Cantonal Council, the University Hospital Zurich declined to answer any questions.

The English version is a translation of the original in German for information purposes only. In case of a discrepancy, the German original will prevail.

Games sind mehr als pure Unterhaltung

Entwicklerin Philomena Schwab (30) wagt sich in die virtuelle Realität. Foto: Pascal Wiederkehr

Zuerst veröffentlicht in den Lokalinfo-Zeitungen vom 5. März 2020.

Sie ist das Aushängeschild der Entwicklerszene: Im Landesmuseum taucht Gamedesignerin Philomena Schwab in die Geschichte der Videospiele ein. 

Wann gilt Kunst als Kunst? Sind es nur Gemälde von van Gogh oder Monet, Skulpturen von Giacometti oder auch virtuelle Welten? Für Spieleentwicklerin Philomena Schwab ist klar: «Computer- und Videospiele sind eine Kunstform», sagt sie bei einem Besuch der Ausstellung «Games» im Landesmuseum Zürich. Dort wird versucht, die Geschichte der Computer- und Videospiele nachzuzeichnen. Viele davon können Besuchende selber ausprobieren. Etwa das Tennisspiel «Pong» aus den 70er-Jahren oder das Kriegsspiel «Counter-Strike» aus dem Jahr 2000.

«‹Pong› ist ein wichtiger Meilenstein. Für die weitere Verbreitung von Spielen war zudem die Entwicklung der Heimkonsolen entscheidend», sagt Schwab. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin «Forbes» zählte die Schwamendingerin 2017 zu den 30 einflussreichsten unter 30-Jährigen der Technologiebranche Europas.

Studio entwickelt drittes Spiel
Vor vier Jahren gründete Schwab zusammen mit Micha Stettler das Entwicklerstudio Stray Fawn Studio. Ihr erstes Computerspiel «Niche – a genetics survival game» hat sich über 200 000 Mal verkauft. Zwischenzeitlich ist «Nimbatus – The Space Drone Constructor» erschienen und das Studio im Kreis 4 arbeitet am dritten Projekt. «Es wird eine Aufbausimulation, bei der man eine Stadt auf dem Rücken eines Tiers erstellt», so die Zürcherin. Der Name ist noch offen. Intern wird das Spiel aktuell mit «Big Animal Game» und «Nyoma – The Walking Village» betitelt. Noch konnte aber kein Name das zehnköpfige Team überzeugen.

Überzeugt hat Schwab hingegen das Landesmuseum. «Es ist den Kuratoren eine gute Mischung gelungen», so die Entwicklerin. Natürlich werde jeder Fan das eine oder andere Game vermissen. Ein japanisches Rollenspiel wie «Final Fantasy» hätte man aus ihrer Sicht zeigen können, «doch eine Ausstellung kann nicht alles abbilden», fügt Schwab diplomatisch an. Sie selber spielt gerade wieder «Pokémon» – auf japanisch. «Ich lerne die Sprache seit drei Jahren. Mittlerweile verstehe ich einfache Texte in Games», erzählt die 30-Jährige stolz.

Dass im Landesmuseum keine Spiele aus der Schweiz gezeigt werden, ist aus ihrer Sicht vertretbar. Stellvertretend werden dafür drei Gamentwickler vorgestellt. Trotzdem: «‹FAR: Lone Sails› oder ‹Kids› sind tolle Beispiele dafür, dass Schweizer Studios viele künstlerische und innovative Games entwickeln», sagt Schwab, die im Vorstand des Verbands Swiss Game Developers Association sitzt.

Die Ausstellung geht zudem nur am Rande auf Schattenseiten wie extreme Gewaltdarstellungen ein. «Das Thema ist nicht neu und wir haben schon viel davon gehört», sagt Schwab. Es sei wichtiger, zu zeigen, dass Games mehr als Unterhaltung seien – und eben auch Kunst.

Ausstellung bis 13. April. Landesmuseum Zürich.

Datenschutz beginnt beim Nutzer

Zuerst veröffentlicht in den Lokalinfo-Zeitungen vom 16. Januar 2020.

Im digitalen Zeitalter muss jede und jeder selber mehr Verantwortung übernehmen: Während die Schweiz um ein neues Datenschutzgesetz ringt, nimmt der Druck auf Tech-Konzerne weltweit zu.

Ein schwieriges Thema hatte der Ständerat vor Weihnachten zu beraten. Behandelt wurde die Totalrevision des bald 30 Jahre alten Datenschutzgesetzes. Der Bundesrat will den Datenschutz an das Internet-Zeitalter und an die Europäische Union (EU) anpassen. Damit sollen laut Bund die Bürgerinnen und Bürger besser geschützt und Wettbewerbsnachteile für Schweizer Unternehmen verhindert werden.

Doch die Vorlage ist umstritten, der Nationalrat hatte sich im Herbst nur knapp für eine abgeschwächte Form ausgesprochen. Für SP und Grüne geht die Revision zu wenig weit. Die SVP ist grundsätzlich dagegen, weil Druck aus der EU ausgeübt werde. Der Ständerat will das Datenschutzgesetz hingegen verschärfen.

«Der Revision fehlte leider von Anfang an eine wirkungsorientierte Zielsetzung», sagt der Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich, Bruno Baeriswyl. Die Datenbearbeiter würden mit bürokratischem Aufwand konfrontiert und der Datenschutz für die betroffenen Personen werde nicht wirklich gestärkt. «Niemand kann sich darüber freuen», so das Fazit von Baeriswyl.

Viele Dienste werten Daten aus
Die Digitalisierung stellt Privatsphäre und Datenschutz vor neue Herausforderungen. Denn Nutzerinnen und Nutzer hinterlassen unzählige Spuren im Netz, die für Internetunternehmen wie Google, Facebook, Amazon & Co. bares Geld sind. Daten werden gesammelt, ausgewertet und für personalisierte Werbung verwendet.

Doch auch die öffentliche Verwaltung bearbeitet viele sensible Daten – etwa im Bereich Strafverfolgung oder im Gesundheitswesen. Und es mischen viele Betrüger mit. Nicht umsonst warnen das Bundesamt für Polizei oder die Kantonspolizei Zürich regelmässig vor neuen Maschen. Die Betrüger passen sich schnell an und profitieren von Sicherheitslücken oder dem laschen Umgang der Nutzenden mit ihrer Privatsphäre.

Für Informatik-Experte Hernâni Marques ist klar: «Eine einfache Lösung gibt es nicht. Am sichersten ist, wenn Daten gar nicht erst ins Internet gelangen.» Er ist Pressesprecher der Hackerorganisation Chaos-Computer-Club. Diese wehrt sich gegen Überwachung und Zensur im Internet. Marques kritisiert, dass Nutzerinnen und Nutzer gerade bei kostenlosen Diensten oft indirekt mit ihren Daten bezahlen. Das lasse sich nur ändern, wenn sie bereit seien, kleine Geldbeträge für Dienstleistungen – sogenannte Mikrotransaktionen – auszugeben. «Den optimalen Preis muss man natürlich zuerst finden. Damit das funktioniert, braucht es einfache, wiederum privatsphärenfreundliche Bezahlsysteme», sagt der Computerlinguist. Ein solches werde gerade von der Berner Fachhochschule getestet – das Bezahlsystem GNU Taler. Es stellt eine Alternative zu Mastercard, Visa, Paypal oder Twint dar.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist aus Sicht von Marques die Abkehr von der heutigen Internet-Infrastruktur. Er plädiert für Peer-to-Peer-Netzwerke, bei denen die Computer untereinander verbunden sind, ohne zentrale Server. Die Kommunikation läuft direkt von einem Computer zum anderen. «Das erlaubt es, von privatwirtschaftlichen Monopolen und rein staatlich kontrollierten Plattformen wegzukommen», ist der Informatik-Experte überzeugt.

Benutzer müssen umdenken
Dass sich alternative Angebote, gerade etwa im Bereich der sozialen Medien, bisher nicht durchgesetzt haben, liegt vor allem an der Marktmacht der grossen Anbieter wie Twitter oder Facebook. Sie haben ein Bedürfnis gestillt – das Bedürfnis, mit Menschen ständig in Kontakt sein und Inhalte teilen zu können. Nur sind sich viele Nutzerinnen und Nutzer nicht bewusst, dass diese Plattformen systematisch Daten sammeln, analysieren und daraus Profile erstellen. «Einschliesslich mit Informationen aus Privatnachrichten, die nicht öffentlich sind», warnt Marques. Es gäbe zwar Alternativen, allerdings sei es schwierig, die Menschen zum Wechsel zu bewegen. Dies natürlich auch, weil man Freunde und Bekannte ebenfalls im grossen Stil vom Wechsel überzeugen müsste.

Grosse Plattformen unter Druck
Doch verloren ist der Kampf für mehr Datenschutz nicht. In diesen Tagen trat im US-Staat Kalifornien der California Consumer Privacy Act in Kraft. Er sei «eine Lightversion» der Datenschutz-Grundverordnung der EU, schreibt die «Republik». Das Gesetz ist ein grosser Schritt, weil sich in Kalifornien die Hauptsitze von Google, Apple und Facebook befinden. «Nicht nur in den USA, sondern weltweit dürften die Regeln damit ein Stück ‹europäischer› werden – also stärker ausgerichtet auf digitale Bürgerrechte», hält Tech-Journalistin und Autorin Adrienne Fichter fest.

Das bestätigt Marques: «Die grossen Social-Media-Plattformen, allen voran Facebook, sind massiv unter Druck.» Dies unter anderem von der EU. Er persönlich verzichte wenn möglich auf alle Google-Angebote. «Diese Firma hat es geschafft, ihre Fühler derart weit auszustrecken, dass sie praktisch jeden Benutzer weltweit überwachen kann», sagt der Computerlinguist. Besonders dann, wenn man Smartphones oder Tablets mit dem Google-Betriebssystem Android benutze und die Privatsphäre-Einstellungen nicht selber anpasse. «Hier ist die kurzfristige Lösung, wann immer möglich Alternativen zu nutzen und jegliches Tracking weitestmöglich auszuschalten», erklärt der Informatik-Experte.

Längerfristig brauche es Systeme, die ohne standardmässige Überwachung – mit Privatsphäre als Voreinstellung – angeboten würden. Hier sollen die Schweiz und Europa gesetzlich entscheidend Einfluss nehmen. «Die Gesellschaft kann die Regeln dafür festlegen, welche Anforderungen ein Produkt erfüllen muss, ehe es auf den Markt kommt», so Netzaktivist Marques. Auch «saftige Bussen» für Datenschutzverletzungen und eine Produkthaftpflicht könnten dazu beitragen, Privatsphäre und Sicherheit zu erhöhen.

Ins gleiche Horn bläst der Datenschutzbeauftragte Bruno Baeriswyl: «Datenbearbeiter müssten verpflichtet werden, ihre Dienstleistungen im Internet auch mit einer datenschutzfreundlichen Lösung anzubieten», sagt Baeriswyl. Die Revision des Schweizer Datenschutzgesetzes sehe nur vor, dass datenschutzfreundliche Voreinstellungen, die die Datenbearbeitungen auf das Notwendige beschränken, vorzunehmen sind. In der Praxis heisst das: Steht in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) etwas anderes, können Anbieter diese Regelung wieder ausser Kraft setzen. So gesehen haben die Nutzerinnen und Nutzer kaum eine Wahl, weil sie den AGB zustimmen müssen, um Dienstleistungen nutzen zu können.

Digitaler Ratgeber

Der Chaos Computer Club Schweiz hat mit der Digitalen Gesellschaft Schweiz und der «Wochenzeitung WOZ» den Online-Ratgeber «Eine kurze Anleitung zur digitalen Selbstverteidigung» herausgegeben. Er behandelt Grundlagen zu Datensparsamkeit, Passwörtern und Betriebssystemen und präsentiert gute Alternativen – etwa bei Webbrowsern, E-Mail-Anbietern, Onlinespeichern oder Suchmaschinen. digitale-gesellschaft.ch/ratgeber/

Messenger

  • Aussehen und Handhabung von Threema sind an Whatsapp angelehnt. Der Messenger kann aber ohne Angabe der eigenen Telefonnummer verwendet werden. Alle Nachrichten sind verschlüsselt. www.threeema.ch
  • Signal ist eine Gratis-App, die von einer gemeinnützigen Stiftung finanziert wird. Sie kann auch als Alternative zu Skype genutzt werden. Alle Nachrichten und Gespräche werden verschlüsselt. www.signal.org

Passwörter

Ein hinreichend sicheres Passwort sollte möglichst lang sein: Am besten bestehend aus einer zufälligen Folge von Wörtern, die man nirgends findet und sich gut merken kann. Profile auf sozialen Medien sind für Betrügerinnen und Betrüger Quellen, um an Passworthinweise zu gelangen. Will heissen: Auf keinen Fall den Namen des Haustiers, des Ehemanns des Lieblings-Sportclubs oder der Lieblingsband verwenden.

Soziale Netzwerke

  • Ello ist eine werbefreie Plattform. Sie garantiert, dass keine Daten von Nutzerinnen und Nutzern an Dritte weitergegeben werden. www.ello.co
  • GNU Social ist eine Alternative zu Twitter. Der Dienst ist Teil des GNU-Projekts, das geschaffen wurde, um ein Betriebssystem auf Basis von freier Software zu entwickeln. gnu.io/social
  • Twitter-Konkurrent Mastodon setzt auf ein dezentrales Netzwerk. www.joinmastodon.org

Webbrowser

  • Der Browser Mozilla Firefox hat sich dem «sicheren Surfen» verschrieben. Wichtig: Cookies und Cache regelmässig löschen. www.mozilla.org
  • Tor stellt die Verbindung zwischen Nutzer und aufgerufener Seite über drei zufällige Knotenpunkte (Server) her. Daher lässt sich kaum zurückverfolgen, wer auf eine Website zugreift. Wer sich dann aber bei Youtube & Co. anmeldet, verliert die Anonymität wieder. www.torproject.org

Genossenschaft sucht nach Besonderem

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 28. November 2019.

Das Mysterium Neubühl zieht noch immer: Das bewies die Vernissage eines neuen Buchs über die einst visionäre Genossenschaft.

Die Werkbundsiedlung Neubühl in Wollishofen galt einst wegen ihrer Architektur als visionär, und dieser Ruf hallt bis heute nach. Das hat die Vernissage zum Buch «Im Dorf vor der Stadt» von Emanuel La Roche deutlich gezeigt. Nicht nur Genossenschafterinnen und Genossenschafter wollten in alten Erinnerungen an die Siedlung am Rande der Stadt schwelgen, auch Prominente waren kürzlich im blauen Saal des Volkshauses zahlreich anzutreffen.

So etwa die Journalistin Isolde Schaad, der Schriftsteller Franz Hohler, Altstadtrat Hans Wehrli und Jazzmusiker Bruno Spoerri mit seiner Lebensgefährtin und Journalistin Dorine Abegg.

Eine isolierte Insel
Die Genossenschaft muss also nicht nur für ihre Bewohnerinnen und Bewohner etwas Besonderes sein. Immer wieder war an diesem Abend vom Neubühl-Geist die Rede, der die visionäre Überbauung durchdrang und auf dessen Spuren sich der Autor und Journalist in seiner Chronik begeben hatte. Die anwesenden Genossenschafterinnen und Genossenschafter, viele bereits ergraut, schienen sich dadurch bestätigt zu sehen.

Publizist Benedikt Loderer, der sich als Architekturkritiker schweizweit einen Namen gemacht hat, nahm den exemplarischen Gründergeist denn auch ein bisschen aufs Korn in seiner eigens verfassten Kurzgeschichte, in der er in Anlehnung an grosse literarische Vorbilder Aufnahmerituale und Wehrhaftigkeit der Stammesgemeinschaft vor Eindringlingen analysierte. Das erinnerte etwas an das gallische Dorf von Asterix und Obelix. Im Laufe der Zeit sei die Stadt immer weiter herangekrochen, sagte Loderer. Die einst abgelegene Insel war umzingelt.

Trotz aller Besonderheiten kommt es immer wieder zu banalen Alltagskonflikten. So führten die Benutzung der Waschmaschine, der Kinderlärm und geliebte oder weniger beliebte Haustiere gestern wie heute zu den gleichen Diskussionen wie in vielen anderen Orten. Und doch warteten «sehr viele Leute darauf, hier wohnen zu können», so Genossenschaftspräsidentin Rebecca Omoregie.

Ob das am Geist liegt oder an den mittlerweile tiefen Mietzinsen, musste sie offenlassen. Klar ist: In der Erinnerung lebt der Neubühl-Geist auf jeden Fall fort.

Emanuel La Roche, Im Dorf vor der Stadt. Die Baugenossenschaft Neubühl, 1929 bis 2000. Chronos Verlag 2019, 392 Seiten, 115 Abb. ISBN 978-3-0340-1543-1. 48 Fr. www.neubuehl.ch

Kirchen sind mehr als historische Gebäude

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 7. November 2019.

Aus dem Zürcher Altstadtpanorama nicht wegzudenken: Die Kirche St. Peter mit der grössten Turmuhr Europas. Foto: Lisa Maire

Sie prägten lange Zeit das Wachstum Zürichs: Ein neues Buch beleuchtet die Geschichte der Stadt anhand der Altstadtkirchen.

Heute sind sie schon rein aus touristischer Sicht nicht mehr wegzudenken: die Altstadtkirchen. Doch schon im Hochmittelalter – Mitte 11. Jahrhunderts bis Mitte 13. Jahrhunderts – war Zürich ein Pilgerort. Seine Kirchen und Klöster prägten die Entwicklung der Limmatstadt.

Das neue Buch «Die Zürcher Altstadtkirchen. Eine Stadtgeschichte entlang der Sakralbauten» ähnelt einem Reiseführer. Im Mittelpunkt stehen die Wasserkirche, das Fraumünster, die Predigerkirche, das Grossmünster, der St. Peter, die Augustinerkirche sowie die Liebfrauenkirche. Geschrieben hat es das Vater-Sohn-Autorenduo François Baer und Yves Baer.

Gefoltert in der Kapelle
Die erste Kirche Zürichs war keine der heute berühmten Altstadtkirchen. In mittelalterlichen Chroniken wird die Kapelle St. Stephan als älteste Pfarrkirche bezeichnet. Sie stand südlich der Bahnhofstrasse in der Gegend um den Pelikanplatz. Hier sollen die Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula gefoltert worden sein.

Enthauptet wurden die Stadtheiligen dann aber auf einer kleinen Insel in der Limmat. Dort bauten die Zürcherinnen und Zürcher später die Wasserkirche. Der Kult um Felix und Regula war Reformator Huldrych Zwingli ein Dorn im Auge. Er bezeichnete die Wasserkirche als «rechte Götzenkirche», weshalb sie fast am meisten Änderungen erfuhr. Beim Bildersturm 1524 entfernte man die Altäre und die Orgel. Zwingli liess Bilder, Statuen sowie Wandschmuck abhängen. «Als Folge der Umnutzungen nach der Reformation wurde die Wasserkirche mehrmals umgebaut», so die Autoren. Sie diente zeitweise als Warenlager, danach ab 1634 als erste öffentliche Bibliothek.

Das Grossmünster brennt 1763 nach einem Blitzeinschlag. Erst 1781 bis 1787 erhalten die Türme Kuppeln. Zeichnung: Paul Usteri, Baugeschichtliches Archiv

Karl der Grosse jagte einen Hirsch
Das Grossmünster hat ebenfalls einen starken Bezug zu Felix, Regula und ihrem Diener Exuperantius. So sollen die Stadtheiligen nach ihrer Enthauptung ihre Köpfe ergriffen haben und bis zu ihrer Grabstätte gegangen sein, wo heute die Kirche mit den zwei markanten Türmen steht.

Das Grossmünster ist das historische Wahrzeichen der Stadt Zürich. Und um die Kirche rankt eine weitere Legende: Karl der Grosse habe einen Hirsch von seiner Residenz in Aachen bis nach Zürich verfolgt. Der Hirsch führte ihn an die Grabstätte von Felix und Regula und sei in die Knie gesunken. Karl der Grosse befahl deshalb, eine Kirche zu errichten. «Zwischen 952 und 1055 residierten zwölf Mal die Kaiser in Zürich», schreiben François und Yves Baer. So sei es durchaus denkbar, dass die Gründungslegenden des Grossmünsters und der Wasserkirche einen wahren Kern hätten und Karl der Grosse in Zürich residiert habe. Das lässt sich aber nicht beweisen.

Klar ist hingegen, dass das Grossmünster Ausgangspunkt der Reformation in Zürich war. Zwingli predigte hier, er trat sein Amt am 1. Januar 1519, also vor 500 Jahren, an. Auch architektonisch hat sich die Kirche verändert. «Am 24. August 1763 brannte das Dach des Nordturms aufgrund eines Blitzeinschlages ab, die Glocken wurden mit nassen Kuhhäuten vor dem Schmelzen gerettet», schreiben die Autoren. Ein kompletter Neubau stand zur Diskussion. 1770 erhielten die Türme Balustraden und glichen damit der Notre-Dame in Paris. Zwischen 1781 und 1787 entstanden die Kuppeln.

Das Buch von François Baer und Yves Baer ist mit über 500 Abbildungen reich illustriert. Einige Fotos sind allerdings etwas klein geraten. Neben einer Einführung zur Geschichte der Stadt von der Spätantike bis heute werden die sieben Altstadtkirchen mit je einem Kapitel gewürdigt. Das Buch zeigt Ereignisse entlang der Gotteshäuser auf und stellt wichtige Persönlichkeiten vor. «Die Zürcher Altstadtkirchen. Eine Stadtgeschichte entlang der Sakralbauten» zeichnet die Baugeschichte der Kirchen nach, erzählt, welche Schätze im Verlauf der Jahrhunderte verloren gingen.

Die römisch-katholische Liebfrauenkirche steht geografisch ausserhalb der Altstadt. Sie wurde im Jahr 1894 eingeweiht. Foto: Pascal Wiederkehr

Langer Weg zur eigenen Kirche
Um 1850 war laut Statistik Stadt Zürich über neunzig Prozent der Wohnbevölkerung evangelisch-reformiert. 2017 lebten in Zürich noch rund 21 Prozent Reformierte. Konfessionslose und römisch-katholische Personen sind häufiger vertreten – dies vor allem durch Zuwanderung.

Nur etwa 0,2 Prozent der Bevölkerung ist hingegen christkatholisch. Die Christkatholiken haben ihre Heimstätte in der Augustinerkirche in der Nähe der Bahnhofstrasse. Im Zuge der Reformation wurde die Kirche zur Münzstätte umfunktioniert. Erst 1840 übernahmen die Katholiken die Kirche. Der Streit um die Unfehlbarkeit des Papstes nach dem Ersten Vatikanischen Konzil von 1870 spaltete die Gemeinde in Christkatholiken und romtreue Katholiken. Die Romtreuen waren die Minderheit und verloren die Augustinerkirche. In der damals eigenständigen Gemeinde Aussersihl wurde deshalb die Kirche St. Peter und Paul gebaut. Unter anderem wegen ihrer schlichten Ausstattung und ihrer Lage bezeichnete man sie als Armeleutekirche. Weil die katholische Bevölkerung im 19. Jahrhundert stark wuchs, wurde der Bau weiterer Kirchen nötig. Ab 1893 entstand die Liebfrauenkirche im Stil einer christlichen Basilika. Die Anlehnung an italienische Vorbilder soll die Verbundenheit mit Rom ausdrücken.

Yves Baer, François G. Baer – Die Zürcher Altstadtkirchen. Eine Stadtgeschichte entlang der Sakralbauten. NZZ Libro, 2019. 256 Seiten, über 500 Abbildungen.

Der Kaiser trägt nur edelsten Zwirn

Dort ist die Tür: Der Kaiser (r.) entlässt seinen Weber, weil der lieber Guetzli isst, statt zu arbeiten. Foto: Pascal Wiederkehr
Dort ist die Tür: Der Kaiser (r.) entlässt seinen Weber, weil der lieber Guetzli isst, statt zu arbeiten. Foto: Pascal Wiederkehr

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 25. Juli 2019.

Ein Sommermärchen im Sihlwald: Das Stück «Em Kaiser sini neue Chleider» bringt Kinder und Erwachsene zum Lachen.

«Ab und zu mache ich eine Pause und esse ein paar Guetzli», erzählt Weber Sämi (Yves Ulrich) mit einem Grinsen. Er entspannt sich gerade auf dem kaiserlichen Thron. Auch ein Weber brauche einmal ein bisschen Ruhe. So ein fleissiger Kerl, wie er es sei. Ganz anderer Meinung ist hingegen der Kaiser von Latzhosonien (Beat Gärtner). «Mit seinen ungehobelten Händen bringt er nicht einmal eine Sofadecke fertig», schimpft er.

Im Märchen «Em Kaiser sini neue Chleider» dreht sich alles um die Garderobe von Ihrer Majestät. Der elegante Hofmarschall Helmhuet (Frank Bakker) und der schusslige Oberhofschneider Rümpfli (Nico Jacomet) sorgen sich Tag und Nacht darum, dass der Kaiser bestens gekleidet ist. Vor allem das jüngere Publikum hat viel zu lachen, als dem Kaiser eine Nadel im Allerwertesten stecken bleibt. Weber Sämi, der sie auf dem Thron vergessen hat, wird entlassen.

Das kommt bei der emanzipierten Prinzessin Sidefädeli (Ramona Fattini) schlecht an. Sie hat sich in Sämi verliebt, wie sie ihren Kammerzofen Broschett (Mareen Beutler) und Brischitt (Pascale Sauteur) gesteht. Gut, taucht plötzlich ein neuer Weber auf, der dem Kaiser den edelsten aller Stoffe verspricht. Menschen, die ihres Amtes nicht würdig oder dumm seien, würden ihn nicht einmal sehen. Weil niemand zugeben will, die Kleider nicht sehen zu können, spielt der ganze Hofstaat mit. Es wird fleissig am unsichtbaren Stoff gearbeitet, damit des Kaisers neue Kleider rechtzeitig dem Volk präsentiert werden können.

Nico Jacomet, bekannt als Gründer des Adliswiler «Theaters NI&CO», hat das Dialektmärchen geschrieben. Die Geschichte des Stücks basiert auf dem Märchen des dänischen Autors Hans Christian Andersen. «Em Kaiser sini neue Chleider» ist die erste Produktion des «Theaters im Märliwald».

Die Aufführungen finden auf der Bühne des Freilichttheaters Sihlwald beim Wildnispark Zürich statt. Besonders schön ist, wenn sich die Bühnenwände Richtung Sihl öffnen und der Sihlwald zum Märchenwald wird. Gespielt wird bei jedem Wetter, das Publikum sitzt im Trockenen. Regisseur Jacomet und sein Team überzeugen mit «Em Kaiser sini neue Chleider» nicht nur Kinder. Das Stück hat für Erwachsene einige lustige Anspielungen zu bieten. Gezeigt wird das Märchen noch bis zum 4. August.

«Em Kaiser sini neue Chleider» im Freilichttheater Sihlwald. Aufführungen: 31. Juli, 3. August, 4. August, jeweils 14 Uhr. Tickets: www.turbinetheater.ch

René Fasel: «Ich bin ein grosser Tomaten-Fan»

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 4. April 2019.

Er ist seit 1994 Chef des Internationalen Eishockeyverbandes (IIHF). Nächstes Jahr tritt René Fasel zurück. Im Interview spricht er über die WM 2020 in Zürich und Lausanne, warum er als Präsident aufhört – und seine Passion als Tomatenzüchter.

Von Lorenz Steinmann und Pascal Wiederkehr

Der Internationale Eishockeyverband (IIHF) hat seinen Sitz in der prächtig gelegenen Villa Freigut im Zürcher Enge-Quartier. Im Freigut kam 1895 der langjährige Zürcher Stadtpräsident «Stapi» Emil Landolt zur Welt. Nach dem Kauf der Villa im Jahr 2002 konnte Stararchitektin Tilla Theus einen sehr modernen Anbau erstellen.

Schon 25 Jahre steht der Freiburger René Fasel dem Weltverband vor. Nächstes Jahr tritt er zurück. Fasel ist auch Mitglied des Olympischen Komitees. Der ehemalige Eishockeyschiedsrichter und promovierte Zahnarzt empfängt allein und gut gelaunt im getäferten Sitzungszimmer mit herrlichem Blick auf den Uetliberg. Er wohnt mit seiner Familie in Wädenswil und ist laut eigenen Angaben innert 17 Minuten im Büro – wenn es keinen Verkehr hat. Rund 200 Tage pro Jahr ist er auf der ganzen Welt unterwegs. Gestern war der 69-Jährige noch in Japan.

René Fasel, am 10. Mai startet die WM in der Slowakei. Wird die Schweiz Weltmeister?
Lacht. Eine gute Frage. Das Schöne im Sport ist doch, dass man nie weiss, wie es rauskommt. Das Abschneiden der Schweiz ist sicher abhängig davon, ob NHL-Spieler wie Josi, Fiala, Niederreiter und Andrighetto teilnehmen können oder nicht.

Tut es Ihnen nicht weh, wenn die besten NHL-Spieler meist gar nicht teilnehmen an der WM, weil die NHL-Meisterschaft dann noch andauert?
Nein, man muss es akzeptieren, wie es ist. Bis 1976 nahmen NHL-Spieler überhaupt nicht teil an der WM. Nun sind die NHL-Spieler das Salz in der Suppe. Ich reklamiere nicht, ich sehe das Glas halb voll. 2018 war immerhin Connor McDavid dabei, Sidney Crosby spielte auch schon mit. Ein Star ist also immer dabei.

Ist die Schweiz nur darum so gut, weil viele NHL-Profis fehlen?
Seufzt. Nein, die Schweiz ist so gut, weil sie so stark ist, nicht weil die Gegner so schwach sind. Die Schweiz hat schon Tschechien und Kanada geschlagen und gegen Schweden im Final 2018 nur mit ein bisschen Pech im Penaltyschiessen verloren.

Wird die WM in der Schweiz mit den Standorten Zürich und Lausanne dem Eishockey noch mehr Schub geben?
Für die Fans ist es eine gute Möglichkeit, die Spieler live, von nahe, zu sehen.

Am Spatenstich zum ZSC-Stadion in Altstetten kündigten Sie eine weitere WM in Zürich für 2027 an. Was ist da dran?
Ja, das ist ungefähr der Turnus, es kann aber auch 2030 werden. USA und Kanada sind ja ausgeschlossen für die WM-Organisation. 2008 haben wir es probiert, es war aber wegen der Zeitverschiebung keine gute Erfahrung. Dänemark hingegen war ein Erfolg. Ob dies aber wieder so sein wird, ist offen. So bleiben gar nicht so viele Länder. Zürich ist wegen dem Flughafen, den Hotels und dem Einzugsgebiet der Fans ein Must. Die Kapazitäten für acht Teams müssen vorhanden sein. Mit der neuen ZSC-Halle werden die Voraussetzungen noch besser.

Wieso denn nicht Bern?
Die Post-Finance-Arena bietet nicht mehr ideale Infrastrukturen. Es fehlen genügend VIP-Logen, und es müssten Sitz- anstatt Stehplätze eingebaut werden. Das kostet unglaublich viel. Eigentlich ist aber auch das Hallenstadion kein ideales Stadion. Die Garderoben müssen in der Messehalle eingebaut werden.

In der Fussball-Champions-League fliessen pro Jahr 1,2 Milliarden Euro, in der Europaliga des Eishockeys sind es lediglich 5 bis 6 Millionen Euro. Wir müssen also gar nicht mehr darüber reden, die Antwort ist schon da.

René Fasel, Präsident IIHF

Wie lange geht es noch, bis China vorne mitspielt? Eishockey-Legende Jakob Kölliker macht ja im Reich der Mitte Entwicklungshilfe als Trainer.
Die Ausbildung eines Hockeyspielers dauert gut 15 Jahre, wenn er mit etwa 4 Jahren beginnt. China unternimmt momentan viel wegen den Olympischen Spielen 2022 in Peking. Ich würde sagen, dass China ab 2030 eine WM organisieren kann. Es geht also noch gut zehn Jahre. Bei den Frauen geht es aber viel schneller.

Dort ist aber die Spitze schmaler, oder?
Das würde ich nicht sagen. Frauen sind viel zielstrebiger, haben mehr Disziplin.

Wie sehe Sie die Zukunft des Fraueneishockeys?
Junioren- und Frauensport hat es fast in jeder Sportart schwierig. Handball, Fussball, Basketball. Sie werden nie an die Zuschauerzahlen der Männer herankommen. Trotzdem sind Frauen wichtig, weil sie ihre Kinder an den Eishockeysport heranbringen. Sie haben eine ganz andere Leidenschaft als Männer.

Aber an Olympia hat sich Fraueneishockey etabliert, oder?
Ja. In Amerika hat das Fraueneishockey oft mehr TV-Zuschauer als die Männer. Aber der Rest ist, wie gesagt, schwierig.

Auch die Eishockey-Champions-League ist noch keine Erfolgsstory. Macht der Vorstandsvorsitzende und ZSC-Lions-CEO Peter Zahner einen schlechten Job?
Nein, nein, überhaupt nicht. Aber in jeder Liga liegt das Hauptinteresse an der eigenen Meisterschaft. Jeder will Landesmeister sein, bevor er Europameister wird.

Im Fussball ist das aber anders.
René Fasel reibt die Fingerspitzen der rechten Hand.

Aber die Fifa war bis etwa 1985 nicht grösser als der Eishockeyverband.
Wir sind halt ein Sport der nördlichen Hemisphäre. Wir sind nicht präsent in Afrika und nicht in Südamerika. Und beim Kuchen USA und Kanada sind wir wegen der NHL nicht dabei. In den grossen Fussballmärkten Spanien, Italien, Frankreich und England sind wir sportlich nicht einmal die Nummer 2. Dort sind Rugby oder Handball beliebter.

Also das Geld. Wieso sind die Welten so unterschiedlich?
In der Fussball-Champions-League fliessen pro Jahr 1,2 Milliarden Euro, in der Europaliga des Eishockeys sind es lediglich 5 bis 6 Millionen Euro. Wir müssen also gar nicht mehr darüber reden, die Antwort ist schon da.

Suchen Sie die Zusammenarbeit mit anderen «kleinen» Sportverbänden?
Also klein sind wir nicht.

Aber in Deutschland haben Sie auch durch Handball Konkurrenz.
Wir hatten eine gute Eishockey-WM 2017 mit regelmässig 18 000 Zuschauern in Köln. Aber damit komme ich auf ein Hauptproblem zu sprechen.

Welches Problem?
Unser Sport ist zu schnell fürs Fernsehen. Meine Mutter sagte mir immer: Ich sehe den Puck nicht am TV. Fussball aber kann jeder gucken (zeigt mit den Händen den Grössenunterschied zwischen Fussball und Puck). Und dann sind noch die Stadien unterschiedlich gross. 80 000, 60 000 im Fussball. Jeder hat irgendwann mal einen Fussball berührt, ist Experte.

Sind Sie nicht manchmal froh, dass so wenig Geld fliesst? So ist doch die Korruption tiefer.
Das ist schon so. Wir haben bei der IIHF ein Budget von 35 Millionen Franken. Somit ist keine Versuchung da. Wir sind «gäbig». Wir sind eine gute Familie im Eishockey.

Bleibt der Sitz des Verbandes überhaupt in der Enge, wenn Sie ab 2020 nicht mehr Präsident sind?
Wahrscheinlich schon. Ich sehe keine Gründe dagegen. Der Kauf der Liegenschaft war eine sehr gute Investition. Wir sind für Europa sehr gut gelegen, man ist schnell hier. Die Sicherheit und Qualität ist gut in Zürich, dafür ist es relativ teuer. Aber die Vorteile in der Schweiz überwiegen. Die Schweiz ist traditionell Sitz von Sportverbänden. Das olympische Komitee ist da, die Fifa auch. Ich sehe keinen Grund, dass ein zukünftiger Präsident aus Zürich wegziehen würde.

Es ist besser, zu gehen, wenn die Leute es noch bedauern, als zu warten, bis sie sagen «uff, jetzt geht er endlich».

René Fasel, IIHF-Präsident

Ziehen Sie nun die Strippen, wer Ihr Nachfolger werden könnte?
Zuckt mit den Schultern. Der Kongress wird den Entscheid fällen. Nach 26 Jahren ist es schwierig, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Viele Leute sagen mir, mach noch weiter, aber ich habe meinen Entscheid getroffen.

Verglichen mit anderen Sportfunktionären sind Sie mit 69 Jahren noch jung.
Es ist besser, zu gehen, wenn die Leute es noch bedauern, als zu warten, bis sie sagen «uff, jetzt geht er endlich». Der arme Sepp Blatter als Beispiel, hätte er den Rücktritt bei der Fifa doch nur vier oder acht Jahre früher gegeben … Jeder kann ersetzt werden, jeder.

Bleiben Sie im Olympischen Komitee?
Nein, wenn ich nicht mehr IIHF-Präsident bin, ist das auch zu Ende.

Haben Sie also schon andere Pläne, was Sie nachher wollen?
Ich möchte eigentlich nicht im Bett sterben. Ich werde sicher aktiv
bleiben.

Dann werden Sie nicht einfach Schrebergärtner?
Lacht. Nein, aber ich bin ein grosser Tomatenfan. Ich züchte jedes Jahr etwa 100 Kilogramm Tomaten in meinem Garten. Das ist mein grosses Hobby. Strahlt und zeigt auf dem Handy Bilder. Ochsenherzen und Cherry-Tomaten habe ich am liebsten. Gelernt habe ich die Tomatenpflege von meiner Grossmutter. Manchmal kommt mir die WM terminlich in die Quere beim Pflanzen der Setzlinge. Lacht wieder.

Ihre Familie könnte ja helfen …
Bei den Tomaten lasse ich mir nicht dreinreden, das ist mein Gebiet.