So könnte Zürich nachhaltiger bauen

Zuerst veröffentlicht in den Lokalinfo-Zeitungen vom 14. Mai 2021.

Foto: Pascal Turin

Kaum ein Neubau kommt ohne Beton aus, dessen Produktion weltweit Milliarden Tonnen CO2 verursacht. Doch darüber, ob abgerissen oder saniert wird, entscheiden ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte. Und der Baustoff Beton ist gar nicht das Hauptproblem.

Für viele ist es ein Schock. Sie leben teilweise schon jahrelang in ihrer Siedlung, wenn die Hiobsbotschaft eintrifft: Die Besitzerinnen und Besitzer planen einen Neubau, das Haus wird abgerissen. Oft wehren sich die Bewohner, versuchen mit Interessensgemeinschaften die Eigentümerinnen von der Abkehr zu überzeugen. Die Politik wird eingespannt, die Stadt um Hilfe gebeten. Häufig bringt der ganze Widerstand wenig. So etwa bei der Hofacker-Siedlung in Hirslanden, wo die Bagger längst aufgefahren sind.

Mediale Aufmerksamkeit erhielt der geplante Neubau der Siedlung Brunaupark in Wiedikon. Kritisiert wurde insbesondere der Abriss von Gebäuden, die noch über eine gute Bausubstanz verfügen. Die Grossüberbauung verzögert sich nun, aber hauptsächlich, weil die Gerichte den Lärmschutz seit einiger Zeit höher gewichten als früher. Das Projekt wird überarbeitet und vorerst das Ladenzentrum der Migros renoviert.

Grosse Investitionen nötig
Die Stadt Zürich muss verschiedene Aspekte berücksichtigen. Es wird Bevölkerungswachstum prognostiziert, weshalb es mehr Wohnraum braucht. Schlagwort: Verdichtung. Ebenso hat die Stadt den Auftrag, gemeinnützigen Wohnungsbau zu fördern. Gleichzeitig soll der Grünraum erhalten bleiben. Nicht zu vergessen wäre der Denkmalschutz, die Erreichung der 2000-Watt-Ziele und die selbst auferlegte Klimaneutralität bis 2040.

Wie die «Republik» kürzlich berichtete, hat die Stadt vergangenes Jahr eine Studie veröffentlicht, die aufzeigt, wie sie Netto-Null erreichen könnte. Netto-Null bedeutet, dass alle Treibhausgasemissionen durch Ausgleichsmassnahmen der Atmosphäre entzogen werden müssen.

Im Sinne einer klimaneutralen Limmatstadt sollten eigentlich die 2020 bestehenden Gebäude praktisch auch 2050 noch alle stehen, heisst es in der Studie. Jedoch mit energetischen Erneuerungen, wie angefügt wird. Doch das bedingt grosse Investitionen der Eigentümerinnen und Eigentümer und wohl finanzielle Förderung durch den Staat.

Holz und Beton nicht ausspielen
Gemäss einem Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen macht der Bau- und Gebäudesektor 38 Prozent der globalen CO2-Emissionen aus. Mitverantwortlich ist der Baustoff Beton, dessen Produktion Milliarden Tonnen CO2 verursacht. Ausserdem verursachen Gebäude im Betrieb Treibhausgase, fürs Heizen oder Kühlen. Zusätzlich steckt die beim Bauen verbrauchte Energie als sogenannte «graue Energie» in den Wänden. Bei einem Abriss eines Gebäudes mit guter Bausubstanz wird die graue Energie verschwendet.

Ein Ausspielen von Beton mit anderen Materialien wie Holz wäre aber falsch. Dieser Meinung ist Guillaume Habert. Er ist Professor für Nachhaltiges Bauen an der ETH Zürich. Wenn Brettschichtholz, auch Leimholz genannt, verbaut wird, sei die Klimabilanz nicht so viel besser als Beton. «Es gibt keine guten oder schlechten Materialien, sondern das richtige Material am richtigen Ort», erklärt Habert.

Hinzu kommt, dass in Nordamerika und Europa verhältnismässig wenig Neubauten entstehen. Im Gegensatz dazu im globalen Süden, vor allem in Südostasien, Indien und Afrika, wo immer mehr ­Menschen bezahlbaren Wohnraum benötigen. Ersetzt man Beton nun einfach ­generell mit Holz, würde dies zu einer massiven Abholzung der Wälder führen.

Darum ist es wichtig, Strategien zu entwickeln, damit die CO2-Emissionen bei Betonbauten möglichst reduziert werden. In diese Richtung wird viel geforscht, darunter beim Zement, der neben Kies, Sand und Wasser der entscheidende Bestandteil von Beton ist. Die ETH Lausanne hat einen «grünen» Zement namens LC3 entwickelt, die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt arbeitet ebenfalls an alternativem Zement.

Beim Sanieren gibts Widersprüche
«In der Schweiz sind nicht Neubauten das Hauptproblem, sondern die nötige energetische Sanierung bestehender Gebäude», sagt Habert. Für die Dämmung werde oft Expandierter Polystyrol-Hartschaum (EPS), auch als «Styropor» bekannt, verwendet. Für die Herstellung von EPS-Dämmstoffen wird Erdöl benötigt. «Wir stossen CO2 für die Herstellung von Dämmmaterialien aus – um dann damit den Energieverbrauch von Gebäuden zu reduzieren», bringt der ETH-Professor den Widerspruch auf den Punkt. Doch selbst EPS-Dämmstoffe seien nicht grundsätzlich schlecht.

Egal ob für Neubauten oder Renovationen, es ist eine Berücksichtigung verschiedener Materialien nötig. Etwa Beton und Zement, der mit weniger CO2-Ausstoss produziert werden kann, oder Holz. Auch Lehm wäre eine Möglichkeit, weil dieser bei der Verarbeitung nur einen Bruchteil der Energie anderer Materialien benötigt. Für die Dämmung eignet sich Stroh, Hanf oder Flachs. Gleichzeitig müssten die alten Heizungen ausgewechselt werden. «Wichtig ist, dass man diese Aspekte kombiniert», sagt ETH-Professor Habert.

Handlungsspielraum beschränkt
Doch in welchen Fällen setzt sich die Stadt Zürich für Sanierungen ein – und in welchen eher für Neubauten? «Es lässt sich keine allgemeingültige Antwort geben», sagt dazu Lukas Wigger, Mediensprecher des Präsidialdepartements. Es gibt Fälle, in denen durch einen Ersatzneubau deutlich mehr Wohnraum als vorher entstehen kann, allenfalls preisgünstige Wohnungen oder solche zur Kostenmiete gebaut werden. Idealerweise wird früh kommuniziert, die Mieterschaft erhält Ersatzangebote und wird auch durch ein «MieterInnen-Büro» oder eine ähnliche Institution unterstützt. «In Fällen, wo alle oder viele dieser Voraussetzungen gegeben sind, sind Ersatzneubauten oftmals sinnvoll», erklärt Wigger.

Die Stadt wirkt laut eigener Aussage bei privaten Bauträgerschaften sensibilisierend auf ein sozialverträgliches Vorgehen hin. Das Amt für Städtebau bietet ­zudem Beratungsgespräche für Bauherrschaften an. Das kann sich positiv auswirken. Doch wenn ein Gebäude nicht im Inventar der Denkmalpflege aufgeführt ist, hat die Stadt rechtlich keine Möglichkeit, einen Abbruch zu verhindern – ihr sind die Hände gebunden.

Es sei denn, es handelt sich ganz offensichtlich um ein «übersehenes» hochwertiges Schutzobjekt. In diesem Fall müsste der Stadtrat ein Veränderungsverbot mit anschliessender formeller Schutzabklärung verfügen. «Dies geschieht in der Stadt Zürich sehr selten, weil mit dem Denkmalinventar die überwiegende Zahl der schutzwürdigen Bauten in der Stadt bereits klar und transparent definiert sind», erklärt Wigger.

Ab und an entlässt die Stadt aber Gebäude aus dem Denkmalschutz, etwa das Haus zum Falken mit dem ehemaligen Café Mandarin direkt neben dem Bahnhof Stadelhofen. Dort soll ein Neubau des Stararchitekten Santiago Calatrava entstehen.

Manchmal funkt jedoch die Justiz dazwischen. So entschied das Bundesgericht zum Beispiel, dass die Gründersiedlung der Familienheim-Genossenschaft im Quartier Friesenberg nicht abgerissen werden darf. Damit wurde dort die bauliche Verdichtung eingeschränkt.

Stadt baut auch mit Lehm
Eine Vorbildfunktion fällt der Stadtverwaltung zu. Anfang 2000er-Jahre wurden die Gerätehäuser der Sportanlage Sihlhölzli unter anderem mit Stampflehm gebaut. Auch die Erweiterung des Schul­pavillons Allenmoos II in Unterstrass oder der Bettenhausneubau des Triemlispitals sind Beispiele für Bauten mit substanziellem Lehmanteil. «Die Stadt Zürich setzt bei ihren Bauten grundsätzlich ökologisch nachhaltige Baumaterialien ein», so Lucas Bally vom Hochbaudepartement. Sie spiele seit 20 Jahren eine Pionierrolle in der Nutzung von Recyclingbeton. «Damit sind ganz wesentliche Beiträge zum Schliessen von Stoffkreisläufen und zum Landschaftsschutz gelungen», sagt Bally. Der Kunsthauserweiterungsbau bestehe zu 98 Prozent aus Recyclingbeton.

Als Pionierprojekt gilt die Wohnsiedlung Kronenwiese oberhalb des Limmatplatzes. Sie besteht zwar auch aus viel ­Beton, dafür wird der Energiebedarf der Öko-Überbauung für Raumwärme, Warmwasser und Lüftung lokal und aus erneuerbarer Energie gewonnen. Dies geschieht in Form von 21 Erdsonden und einer Solaranlage. Für die Siedlung war kein Abriss nötig, da das Areal unbebaut war. Hier musste die Stadt weder zwischen Sanierung oder Neubau entscheiden noch Mietverträge kündigen.

Es war Millimeterarbeit gefragt

Zuerst veröffentlicht im «Züriberg» vom 29. April 2021.

Die geotechnische Zentrifuge der ETH wird langsam in den Untergrund hinabgesenkt. Sie wurde ursprünglich in Bochum verwendet und für die ETH Zürich aufgerüstet. Foto: Pascal Turin

In Zukunft können ETH-Forscherinnen und ETH-Forscher Erdbeben oder Bodenverschiebungen realistisch simulieren. Auf dem Campus Hönggerberg wurde eine der weltgrössten Zentrifugen installiert.

Ganz langsam senkten die Bauarbeiter das knapp zehn Meter lange Objekt von einem mobilen Kran in den Untergrund hinab. Millimetergenau musste es an die richtige Stelle gesetzt und in einen Betonzylinder eingefügt werden. Die riesige Zentrifuge, die kürzlich auf dem Campus Hönggerberg der ETH Zürich installiert wurde, ist laut der Hochschule die fünftgrösste der Welt.

Mit dieser geotechnischen Zentrifuge wollen Forscherinnen und Forscher zukünftig Erdbeben oder Bodenverschiebungen realistisch simulieren, wie Ioannis Anastasopoulos erklärte. Er ist Professor für Geotechnik an der ETH. Dieses Fachgebiet beschäftigt sich unter anderem mit Baugrunduntersuchungen. Dank der Zentrifuge können Modelle erstellt und Risiken beim Bauen besser eingeschätzt werden – darunter die Stabilität von Hochhausfundamenten.

Federn dämpfen Vibrationen
Durch die Rotation der Zentrifuge entsteht Beschleunigung. «Die Kraft, die auf den Untergrund wirkt, kann dadurch mit einer viel kleineren Menge der entsprechenden Erde simuliert werden», sagte Anastasopoulos. Die geotechnische Zen­trifuge kann G-Kräfte erzeugen, die dem 250-Fachen der Erdbeschleunigung entsprechen, und dabei bis zu zwei Tonnen Last tragen.

Zum Vergleich: Kampfjetpilotinnen und Kampfjetpiloten müssen in Tests für kurze Zeit 9 g aushalten. Zum Glück war es James Bond im Film «Moonraker» also möglich, die Zentrifuge fürs Astronautentraining in letzter Sekunde zu stoppen. In dieser wollte ihn ein Bösewicht skrupellos um die Ecke bringen.

Die Zentrifuge der ETH steht auf einem Betonzylinder. Darunter befinden sich Stahlfedern. «Durch die speziell angefertigten Federn werden die Schwingungen gedämpft, welche durch die Zentrifuge entstehen», erklärte Bauprojektleiter Rainer Brandstätter. Damit soll verhindert werden, dass sich Vibrationen auf dem Hönggerberg ausbreiten. Das ist besonders wichtig, weil überall auf dem Campus Messungen stattfinden, die nicht gestört werden dürfen.

Die Zentrifuge ist übrigens aus zweiter Hand. Sie stand bei der Ruhr-Universität in Bochum und wurde dort nicht mehr gebraucht. «Sie war eine grossartige Kaufgelegenheit, viel billiger als eine neue Zentrifuge», sagte Brandstätter. Für die ETH Zürich wurde die Zentrifuge jedoch aufgerüstet, darunter mit einem Schütteltisch zur Simulation von Erdbeben.

Das ganze Projekt ist Teil der Sanierung und Erweiterung des Gebäudes HIF.  Dieses stammt aus dem Jahr 1976. Dort forscht und lehrt das Departement Bau, Umwelt und Geomatik. Aktuell wird fleissig gearbeitet, Anfang 2023 soll der gesamte Bau fertig sein. Teile des Gebäudes werden aber schon vorher bezogen.

Sie sind Gesundheitspolizisten

Zuerst veröffentlicht im «Züriberg» vom 25. Februar 2021.

Sie gehören zu den Alligatoren: Der Zoo Zürich hält nun Breit­schnauzen­kaimane. Foto: Zoo Zürich, Manuel Bachmann

Im Alten Ägypten wurden Krokodile verehrt, insgesamt ist ihr Ruf aber heutzutage eher durchzogen. Dabei haben sie eine wichtige Rolle im Ökosystem inne. Die Zoologische Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz hat das Krokodil darum zum Zootier des Jahres ernannt.

Der Zoo Zürich hält seit vergangenem Jahr Breitschnauzenkaimane. Diese sind in die Anlage gezogen, in der früher ein Philippinen-Krokodil lebte. Im Dezember 2019 war es im Krokodilgehege zu einem Arbeitsunfall gekommen. Das Philippinen-Krokodil hatte eine Tierpflegerin schwer an der Hand verletzt. Das Tier musste geschossen werden, weil alle Versuche, es zum Loslassen der Hand zu bewegen, scheiterten.

Vor Kurzem wurden die neuen Bewohner der Krokodilanlage vorgestellt. Das Breitschnauzenkaiman-Pärchen stammt aus dem Krokodille Zoo in Dänemark. Beide sind sieben Jahre alt und könnten bald Nachwuchs zeugen. Der Zoo hatte sich unter anderem für Breitschnauzenkaimane entschieden, weil es eine relativ klein bleibende Art sei und sie sich gut untereinander vertragen würden, erklärte Zoodirektor Severin Dressen vor den Medien. In der Regel messen die Tiere um die 2 Meter. Es gibt aber auch Ausnahmen, die 3,5 Meter lang werden können.

Philippinen-Krokodile sind dagegen  Einzelgänger. «Bei den Philippinen-Krokodilen ist es leider so, dass sie eigentlich ausserhalb der Paarungszeit immer getrennt gehalten werden müssen», führte Dressen aus. In der Anlage des Zürcher Zoos wäre das nicht gut möglich, da es nur einen Wasserbereich gebe und man so gar nicht dauerhaft mehrere Philippinen-Krokodile halten könnte.

Der Mensch ist eine Gefahr für sie
Die Zoologische Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz hat das Krokodil zum Zootier des Jahres 2021 ernannt. Die Nichtregierungs-organisation will damit auf die Bedeutung der Tiere im Ökosystem hinweisen. «Krokodile haben auch einen sehr engen Bezug zur Menschheitsgeschichte», sagte Dressen. Im Alten Ägypten wurden diese Tiere verehrt. Sobek galt als Herrscher über das Wasser und Fruchtbarkeitsgott. Er taucht in den Darstellungen mit Krokodilkopf auf. Krokodile bevölkern die Welt seit 200 Millionen Jahren. Doch die Menschen drangen immer mehr in ihren Lebensraum ein. Anfänglich wurden die Tiere als Schädlinge betrachtet oder für ihr Fleisch gejagt, später wurden sie als Lederlieferant entdeckt. Viele Krokodilarten gelten als gefährdet. Die International Union for Conservation of Nature stuft sieben Arten als von der Ausrottung bedroht ein. Dabei sind Krokodile als Aasfresser wichtige Gesundheitspolizisten. Die meisten fressen  alles, was ihnen entgegenkommt. Gaviale sind hingegen auf Fische spezialisiert.

Krokodile fokussieren sich auf kranke und schwache Tiere. So bleiben andere Tierpopulationen gesund. Verschwinden Krokodile aus einem Gebiet, etwa wegen Überjagung oder Zerstörung der Umwelt, dann gerät das ökologische Gleichgewicht durcheinander. Dressen nannte die Krokodile eine «spannende und gleichzeitig stark bedrohte Tiergruppe».

Sie fressen gerne Schnecken
Der natürliche Lebensraum von Breitschnauzenkaimanen sind Süsswassersümpfe, Mangroven, Seen und Flüsse. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich in Südamerika über Brasilien, Bolivien, Paraguay, Uruguay und Argentinien. Sie fressen gerne Schnecken, Krebse, Fische, Vögel und kleine Säugetiere.
 


Ein Krokodil, ein Kaiman, ein Alligator oder ein Gavial?

Krokodil ist der Überbegriff für verschiedene Tiere: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterscheiden zwischen rund 25 Arten, die in die drei Familien Echte Krokodile, Alligatoren – inklusive Kaimane – und Gaviale aufgeteilt sind.

Will heissen: Ein Alligator ist eigentlich ein Krokodil. Der Begriff Krokodil wird aber als Synonym für Echte Krokodile verwendet. Die Tiere unterscheiden sich etwa beim Kiefer und bei der Schnauzenform. Die Schnauze eines Echten Krokodils ist V-förmig, diejenige eines Alligators U-förmig. Gaviale haben eine auffällig lange, schmale Schnauze.

Der Lebensraum von Alligatoren befindet sich in Amerika und China. Der Echte Gavial ist in Nepal und Indien zu Hause. Der Falsche Gavial auf der Malaiischen Halbinsel sowie den Inseln Borneo, Sumatra. Echte Krokodile sind die artenreichste Familie. Sie leben in tropischen Regionen
Afrikas, Asiens, Ozeaniens und Amerikas. In Florida sind beispielsweise Spitzkrokodile und Mississippi-Alligatoren zu Hause.

Kinder für Datenschutz interessieren

Zuerst veröffentlicht in den Lokalinfo-Zeitungen vom 11. Februar 2021.

Das Datenschutzlehrmittel «Geheimnisse sind erlaubt» aus Zürich ist in weitere Sprachen übersetzt worden. Es richtet sich an 4- bis 9-jährige Schulkinder. Auch für ältere Schülerinnen und Schüler sollen bald kostenlose Lernmodule erscheinen.

Medienkompetenz bedeutet mehr als  zu wissen, wie man ein Tablet bedient. Kürzlich wurden anlässlich des 15. Europäischen Datenschutztages die Übersetzungen des Zürcher Lehrmittels «Geheimnisse sind erlaubt» vorgestellt. Neu gibt es die Unterrichtsmaterialien für 4- bis 9-jährige Schulkinder in Französisch, Italienisch, Rätoromanisch und Englisch.

«Geheimnisse sind erlaubt» ist der erste Teil der Lehrmittelreihe «Selbstbestimmt digital unterwegs». Bis Ende des Jahres wollen die Verantwortlichen Unterrichtsmaterialien für alle Klassen im schulpflichtigen Alter entwickeln. «Der Schutz der Privatsphäre gehört zum Fundament einer demokratischen und freien Gesellschaft», sagte Dominika Blonski, Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich, vor den Medien. Mit dem Lehrmittel könne das Bewusstsein dafür alltagsnah und begreifbar vermittelt werden.

Die deutschsprachige Ausgabe von «Geheimnisse sind erlaubt» war 2019 erschienen. Entstanden ist das Lehrmittel in Zusammenarbeit mit dem damaligen kantonalen Datenschutzbeauftragten Bruno Baeriswyl und der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH). «Wir stellen Fragen oder versuchen dazu anzuregen, Fragen zu stellen», erklärte Medienpädagogin Mareike Düssel von der PHZH. Im Lehrmittel geht es nicht um technische Begriffe wie «Big Data» oder darum, wie ein sicheres Passwort auszusehen hat. Die Schülerinnen und Schüler lernen, dass Geheimnisse in der Regel zu wahren sind, es aber Geheimnisse gibt, bei denen sie Erwachsene ins Vertrauen ziehen sollten. In weiteren Lektionen kommt der Umgang mit fremden Daten wie Fotos zur Sprache – Stichwörter Urheberrecht oder das Recht am eigenen Bild.

Das alles wird mit Illus­trationen, Texten, Hörspielen, Erklär­videos oder Aufträgen vermittelt. Ein Pluspunkt ist, dass Lehrpersonen die Unterlagen ohne grössere technische Vorkenntnisse einsetzen können. Das Lehrmittel ist für Fernunterricht geeignet und online im Browser sowie als E-Book kostenlos verfügbar. Viele der Unterlagen kann man ausdrucken.

Bis jetzt ist das Lehrmittel im Schulunterricht nicht obligatorisch, wie die Medienstelle der Datenschutzbeauftragten des Kantons Zürich auf Anfrage mitteilt. Hingegen wird es in den Kantonen Zürich, Graubünden, Tessin und Wallis in der Lehrpersonenausbildung eingesetzt. Zudem wurde in mehreren Weiterbildungsseminaren damit gearbeitet.

In romanische Idiome übersetzt
Die PHZH hat für die Übersetzung des Lehrmittels mit der Pädagogischen Hochschule Graubünden, der Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana und der Haute École Pédagogique du 
Valais zusammengearbeitet. Die an der Medienkonferenz anwesenden Datenschutzbeauftragten aus Graubünden und dem Tessin zeigten sich begeistert.

Der Bündner Datenschutzbeauftragte freute sich besonders über die rätoromanischen Versionen. Alle audiovisuellen Inhalte sind in die fünf rätoromanischen Idiome übersetzt worden. Das ist insofern interessant, weil sich das Bündnerromanisch in fünf gesprochene und geschriebene Idiome aufteilt. Die Idiome vereinen verschiedene Dialekte. Durch die Übersetzung ist es den Lehrpersonen in Graubünden möglich, das Thema Datenschutz auch in der jeweiligen Muttersprache der Kinder zu behandeln.

Informationen:
www.datenschutzlernen.ch


Es gibt Alternativen zu Whatsapp

Kürzlich geriet der Kurznachrichtendienst Whatsapp wegen einer geplanten Änderung bei den Nutzungsbedingungen in die Kritik. Der Mitteilungsdienst, der zum Facebook-Konzern gehört, will bestimmte Daten seiner Nutzenden mit anderen Facebook-Unternehmen vernetzen. Wie stark europäische Nutzer davon betroffen sind, ist unklar. Allerdings kann Whatsapp schon jetzt Nutzerdaten auswerten. Der Inhalt der Whatsapp-Nachrichten soll weiterhin privat bleiben.

Viele Nutzerinnen und Nutzer sind nun zu Whatsapp-Alternativen gewechselt. Doch dass sich alle abwenden, ist nicht zu erwarten. Dies natürlich auch, weil man Freunde und Bekannte ebenfalls vom Wechsel überzeugen müsste.

Eine Alternative zu Whatsapp stellt die Gratisapp Signal dar, die von einer gemeinnützigen Stiftung finanziert wird. Der amerikanische Whistleblower Edward Snowden nutzt Signal. Der Programmcode der App gilt als sehr sicher.

Einen Blick wert ist die Schweizer App Threema. Der Messenger kostet 3 Franken und kann ohne Angabe der eigenen Telefonnummer verwendet werden. Die Server sollen sich laut eigenen Angaben in der Schweiz befinden.

Gugurumoi und wie er die Welt sah

Wegen der Corona-Krise und während des ersten Lockdowns entdeckte ich ein neues Hobby: das Zeichnen. Ich holte die Figur Gugurumoi aus der Mottenkiste. Ursprünglich eine Kindheitsfantasie von mir und meiner Schwester Laura, wurde daraus später eine meiner Spielfiguren in World of Warcraft. Seit März diesen Jahres ist Gugurumoi der Protagonist eines Webcomics. Stand heute erschienen 38 Folgen. Natürlich sind meine Vorbilder wie Sarah’s Scribbles, Mr. Lovenstein, Eatmypaint oder War and Peas unerreichbar – aber immerhin hat sich meine Zeichenfähigkeit vom ersten bis zum aktuellen Cartoon etwas verbessert.

Alle Comics anschauen auf www.gugurumoi.com.

Kontrolle über eigene Daten zurückgewinnen

Zuerst veröffentlicht in den Lokalinfo-Zeitungen vom 27. August 2020.

Was es für Geld schon lange gibt, will ETH-Professor Ernst Hafen für persönliche Daten schaffen: eine Bank mit Genossenschaftsmodell als Gegenpol zu den etablierten Internetgiganten.

Noch vor 20 Jahren hätte kaum jemand einem Unternehmen freiwillig mitgeteilt, wie häufig und welche Strecke er oder sie kürzlich gejoggt sei. Heute gibt es dafür Smartphone-Apps, Smartwatches oder Fitnesstracker. Und die persönlichen Fitness-, Gesundheits- oder Ernährungsdaten sind bei Unternehmen oder Krankenkassen heiss begehrt.

Doch Gesundheitsapps und andere haben alle etwas gemeinsam: Egal, wie strikt die Datenschutzerklärungen sind und welche Einstellungen jeder individuell vornehmen kann, die Daten liegen in den Händen von Unternehmen. Nutzerinnen und Nutzer müssen ihnen entweder vertrauen oder auf die Nutzung solcher Angebote komplett verzichten. Letzteres würden wohl viele Privatsphäre-Experten empfehlen.

Forschung soll profitieren

Einen anderen Weg geht Ernst Hafen. Der Professor am ETH-Institut für molekulare Systembiologie will, dass die Bevölkerung die Kontrolle über ihre Gesundheitsdaten behält. Denn für ihn ist klar: Daten entfalten ihr wahres Potenzial erst, wenn sie zusammengeführt werden. Weder Google, Apple, Facebook noch eine Ärztin verfügt über alle Daten, also das Gesamtbild einer Person. Alle haben nur ein Stück vom Kuchen.

«Nur die Bürgerinnen und Bürger selbst können alle Daten zusammenbringen», sagt Hafen. «Aber nicht Internetkonzerne sollen von dieser Zusammenführung profitieren, sondern die Gemeinschaft», so der Biologe. Für Unternehmen sind Daten wie bares Geld. Sie werden gesammelt, ausgewertet, verkauft und für personalisierte Werbung verwendet.

Wer heute eine Studie mit 3000 Teilnehmenden braucht, der muss viel Zeit und Geld investieren. Sind die Daten schon vorhanden, wird laut Hafen beispielsweise die Entwicklung von Medikamenten günstiger, oder es werden Forschungen ermöglicht, die sonst finanziell unattraktiv sind. Der 64-Jährige hat deshalb 2015 mit Gleichgesinnten die Non-Profit-Genossenschaft Midata gegründet. Midata funktioniert wie eine Bank für Daten. Erdacht hat die Technik dahinter Hafens damaliger ETH-Kollege Donald Kossmann, der heute in den USA die Forschungsabteilung von Microsoft leitet. Entwickelt wurde sie zusammen mit der Berner Fachhochschule.

Auf der Internetplattform von Midata kann man seine Daten hochladen. Die Genossenschaft übernimmt die Verwaltung und sucht Partner, welche die Daten nutzen möchten. Firmen sollen für die Nutzung bezahlen. Die Entscheidung, ob Daten genutzt werden dürfen, liegt immer bei den einzelnen Mitgliedern. Sie bleiben Besitzer ihrer Daten. Die Einnahmen werden für die Weiterentwicklung der Midata-Plattform und für Projekte genutzt, beispielsweise in der Forschung, die der Gemeinschaft etwas bringen sollen.

«Ich will Google nichts wegnehmen, aber ich will eine Kopie meiner Daten herunterladen können.»

Ernst Hafen, ETH-Professor

App für Corona-Symptome lanciert
Um die Leute zum Mitmachen zu motivieren, hat Midata verschiedene Projekte lanciert. Eines ist topaktuell und heisst «Corona Science». Bürgerinnen und Bürgern können mit der App ihren Gesundheitszustand und auftretende Symptome einer Covid-19-Erkrankung aufzeichnen. Die gewonnenen Daten werden anonym und allen Interessierten zur Verfügung gestellt. Ein anderes Projekt ist an Pollenallergikerinnen und -allergiker gerichtet. Die Daten werden vom Universitätsspital Zürich verwendet. Mit der Teilnahme an einem der Projekte eröffnen die Nutzenden ein Konto bei Midata. Sie sind damit nicht automatisch Mitglied der Genossenschaft. Ein Genossenschaftsschein kostet 40 Franken. Geld verdienen können Mitglieder nicht: «Wir wollen keine finanziellen Anreize zum Teilen von Daten», sagt Hafen. Wer Geld für seine Daten erhalte, habe einen Anreiz, diese so zu manipulieren, dass sie möglichst wertvoll würden. Das wolle man verhindern.

Schweiz muss Gesetz anpassen
Midata hat aber ein Problem: die Nutzerfreundlichkeit. Bei den Apps muss man seine Symptome selbstständig eingeben, das braucht Disziplin. Wer alle seine Daten in der Datenbank zusammenführen will, muss dies von Hand tun. «Ideal wäre deshalb, wenn es in jeder Software eine Einstellungsmöglichkeit gäbe, die die gesammelten Daten automatisch in die Datenbank legt», sagt Hafen.

Eine Voraussetzung: Alle, die personenbezogene Daten sammeln, egal ob Supermarkt, Internetkonzern oder Spital, sollen diese auf einfache Art und Weise zur Verfügung stellen. «Ich will Google nichts wegnehmen, aber ich will eine Kopie meiner Daten herunterladen können», erklärt Hafen. Dafür braucht es aber eine gesetzliche Grundlage, das Recht auf Kopie, wie es die Datenschutzgrundverordnung der Europäischen Union vorsieht. Die Schweiz ist noch nicht so weit. Die Revision des veralteten Datenschutzgesetzes steckt im Parlament fest.

Midata muss Vertrauen aufbauen

Eine grosse Frage ist die Sicherheit: Gerade für Betrüger ist eine zentrale gespeicherte Datensammlung interessant. Privatsphäre-Aktivisten raten generell dazu, dafür zu sorgen, dass möglichst keine persönlichen Daten ins Internet gelangen. Das würde aber dem Prinzip der Midata-Genossenschaft widersprechen. «Wichtig sind das Vertrauen und die Reputation der Datenbank», sagt Hafen. Midata investiere in die Sicherheit. «Und wir lassen unser System von Profis prüfen», fügt Hafen an. Auch er habe seine Gesundheitsdaten auf Midata gespeichert. Für ihn sei es dasselbe, wie wenn man sein Geld unter der Matratze verstecke, anstatt es auf die Bank zu bringen. Denkbar wäre, dass in Zukunft etablierte Finanzinstitute wie die UBS oder die Zürcher Kantonalbank ähnliche Dienstleistungen anbieten. Dann könnte man seine Daten über den E-Banking-Zugang verwalten.

«Wir müssen die Leute stärker vom Nutzen überzeugen», sagt Hafen. Die Genossenschaft Midata hat rund 200 Mitglieder. Die Apps wurden über 10 000-mal heruntergeladen. Um aufzuzeigen, wie Midata-Daten für Firmen und Forschung interessant sind, will sich Hafen auf entsprechende Projekte konzentrieren. Darum ist er im Mai als Genossenschaftspräsident zurückgetreten. Wer sein Amt übernimmt, ist offen.

Informationen: www.midata.coop

Games sind mehr als pure Unterhaltung

Entwicklerin Philomena Schwab (30) wagt sich in die virtuelle Realität. Foto: Pascal Wiederkehr

Zuerst veröffentlicht in den Lokalinfo-Zeitungen vom 5. März 2020.

Sie ist das Aushängeschild der Entwicklerszene: Im Landesmuseum taucht Gamedesignerin Philomena Schwab in die Geschichte der Videospiele ein. 

Wann gilt Kunst als Kunst? Sind es nur Gemälde von van Gogh oder Monet, Skulpturen von Giacometti oder auch virtuelle Welten? Für Spieleentwicklerin Philomena Schwab ist klar: «Computer- und Videospiele sind eine Kunstform», sagt sie bei einem Besuch der Ausstellung «Games» im Landesmuseum Zürich. Dort wird versucht, die Geschichte der Computer- und Videospiele nachzuzeichnen. Viele davon können Besuchende selber ausprobieren. Etwa das Tennisspiel «Pong» aus den 70er-Jahren oder das Kriegsspiel «Counter-Strike» aus dem Jahr 2000.

«‹Pong› ist ein wichtiger Meilenstein. Für die weitere Verbreitung von Spielen war zudem die Entwicklung der Heimkonsolen entscheidend», sagt Schwab. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin «Forbes» zählte die Schwamendingerin 2017 zu den 30 einflussreichsten unter 30-Jährigen der Technologiebranche Europas.

Studio entwickelt drittes Spiel
Vor vier Jahren gründete Schwab zusammen mit Micha Stettler das Entwicklerstudio Stray Fawn Studio. Ihr erstes Computerspiel «Niche – a genetics survival game» hat sich über 200 000 Mal verkauft. Zwischenzeitlich ist «Nimbatus – The Space Drone Constructor» erschienen und das Studio im Kreis 4 arbeitet am dritten Projekt. «Es wird eine Aufbausimulation, bei der man eine Stadt auf dem Rücken eines Tiers erstellt», so die Zürcherin. Der Name ist noch offen. Intern wird das Spiel aktuell mit «Big Animal Game» und «Nyoma – The Walking Village» betitelt. Noch konnte aber kein Name das zehnköpfige Team überzeugen.

Überzeugt hat Schwab hingegen das Landesmuseum. «Es ist den Kuratoren eine gute Mischung gelungen», so die Entwicklerin. Natürlich werde jeder Fan das eine oder andere Game vermissen. Ein japanisches Rollenspiel wie «Final Fantasy» hätte man aus ihrer Sicht zeigen können, «doch eine Ausstellung kann nicht alles abbilden», fügt Schwab diplomatisch an. Sie selber spielt gerade wieder «Pokémon» – auf japanisch. «Ich lerne die Sprache seit drei Jahren. Mittlerweile verstehe ich einfache Texte in Games», erzählt die 30-Jährige stolz.

Dass im Landesmuseum keine Spiele aus der Schweiz gezeigt werden, ist aus ihrer Sicht vertretbar. Stellvertretend werden dafür drei Gamentwickler vorgestellt. Trotzdem: «‹FAR: Lone Sails› oder ‹Kids› sind tolle Beispiele dafür, dass Schweizer Studios viele künstlerische und innovative Games entwickeln», sagt Schwab, die im Vorstand des Verbands Swiss Game Developers Association sitzt.

Die Ausstellung geht zudem nur am Rande auf Schattenseiten wie extreme Gewaltdarstellungen ein. «Das Thema ist nicht neu und wir haben schon viel davon gehört», sagt Schwab. Es sei wichtiger, zu zeigen, dass Games mehr als Unterhaltung seien – und eben auch Kunst.

Ausstellung bis 13. April. Landesmuseum Zürich.

Datenschutz beginnt beim Nutzer

Zuerst veröffentlicht in den Lokalinfo-Zeitungen vom 16. Januar 2020.

Im digitalen Zeitalter muss jede und jeder selber mehr Verantwortung übernehmen: Während die Schweiz um ein neues Datenschutzgesetz ringt, nimmt der Druck auf Tech-Konzerne weltweit zu.

Ein schwieriges Thema hatte der Ständerat vor Weihnachten zu beraten. Behandelt wurde die Totalrevision des bald 30 Jahre alten Datenschutzgesetzes. Der Bundesrat will den Datenschutz an das Internet-Zeitalter und an die Europäische Union (EU) anpassen. Damit sollen laut Bund die Bürgerinnen und Bürger besser geschützt und Wettbewerbsnachteile für Schweizer Unternehmen verhindert werden.

Doch die Vorlage ist umstritten, der Nationalrat hatte sich im Herbst nur knapp für eine abgeschwächte Form ausgesprochen. Für SP und Grüne geht die Revision zu wenig weit. Die SVP ist grundsätzlich dagegen, weil Druck aus der EU ausgeübt werde. Der Ständerat will das Datenschutzgesetz hingegen verschärfen.

«Der Revision fehlte leider von Anfang an eine wirkungsorientierte Zielsetzung», sagt der Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich, Bruno Baeriswyl. Die Datenbearbeiter würden mit bürokratischem Aufwand konfrontiert und der Datenschutz für die betroffenen Personen werde nicht wirklich gestärkt. «Niemand kann sich darüber freuen», so das Fazit von Baeriswyl.

Viele Dienste werten Daten aus
Die Digitalisierung stellt Privatsphäre und Datenschutz vor neue Herausforderungen. Denn Nutzerinnen und Nutzer hinterlassen unzählige Spuren im Netz, die für Internetunternehmen wie Google, Facebook, Amazon & Co. bares Geld sind. Daten werden gesammelt, ausgewertet und für personalisierte Werbung verwendet.

Doch auch die öffentliche Verwaltung bearbeitet viele sensible Daten – etwa im Bereich Strafverfolgung oder im Gesundheitswesen. Und es mischen viele Betrüger mit. Nicht umsonst warnen das Bundesamt für Polizei oder die Kantonspolizei Zürich regelmässig vor neuen Maschen. Die Betrüger passen sich schnell an und profitieren von Sicherheitslücken oder dem laschen Umgang der Nutzenden mit ihrer Privatsphäre.

Für Informatik-Experte Hernâni Marques ist klar: «Eine einfache Lösung gibt es nicht. Am sichersten ist, wenn Daten gar nicht erst ins Internet gelangen.» Er ist Pressesprecher der Hackerorganisation Chaos-Computer-Club. Diese wehrt sich gegen Überwachung und Zensur im Internet. Marques kritisiert, dass Nutzerinnen und Nutzer gerade bei kostenlosen Diensten oft indirekt mit ihren Daten bezahlen. Das lasse sich nur ändern, wenn sie bereit seien, kleine Geldbeträge für Dienstleistungen – sogenannte Mikrotransaktionen – auszugeben. «Den optimalen Preis muss man natürlich zuerst finden. Damit das funktioniert, braucht es einfache, wiederum privatsphärenfreundliche Bezahlsysteme», sagt der Computerlinguist. Ein solches werde gerade von der Berner Fachhochschule getestet – das Bezahlsystem GNU Taler. Es stellt eine Alternative zu Mastercard, Visa, Paypal oder Twint dar.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist aus Sicht von Marques die Abkehr von der heutigen Internet-Infrastruktur. Er plädiert für Peer-to-Peer-Netzwerke, bei denen die Computer untereinander verbunden sind, ohne zentrale Server. Die Kommunikation läuft direkt von einem Computer zum anderen. «Das erlaubt es, von privatwirtschaftlichen Monopolen und rein staatlich kontrollierten Plattformen wegzukommen», ist der Informatik-Experte überzeugt.

Benutzer müssen umdenken
Dass sich alternative Angebote, gerade etwa im Bereich der sozialen Medien, bisher nicht durchgesetzt haben, liegt vor allem an der Marktmacht der grossen Anbieter wie Twitter oder Facebook. Sie haben ein Bedürfnis gestillt – das Bedürfnis, mit Menschen ständig in Kontakt sein und Inhalte teilen zu können. Nur sind sich viele Nutzerinnen und Nutzer nicht bewusst, dass diese Plattformen systematisch Daten sammeln, analysieren und daraus Profile erstellen. «Einschliesslich mit Informationen aus Privatnachrichten, die nicht öffentlich sind», warnt Marques. Es gäbe zwar Alternativen, allerdings sei es schwierig, die Menschen zum Wechsel zu bewegen. Dies natürlich auch, weil man Freunde und Bekannte ebenfalls im grossen Stil vom Wechsel überzeugen müsste.

Grosse Plattformen unter Druck
Doch verloren ist der Kampf für mehr Datenschutz nicht. In diesen Tagen trat im US-Staat Kalifornien der California Consumer Privacy Act in Kraft. Er sei «eine Lightversion» der Datenschutz-Grundverordnung der EU, schreibt die «Republik». Das Gesetz ist ein grosser Schritt, weil sich in Kalifornien die Hauptsitze von Google, Apple und Facebook befinden. «Nicht nur in den USA, sondern weltweit dürften die Regeln damit ein Stück ‹europäischer› werden – also stärker ausgerichtet auf digitale Bürgerrechte», hält Tech-Journalistin und Autorin Adrienne Fichter fest.

Das bestätigt Marques: «Die grossen Social-Media-Plattformen, allen voran Facebook, sind massiv unter Druck.» Dies unter anderem von der EU. Er persönlich verzichte wenn möglich auf alle Google-Angebote. «Diese Firma hat es geschafft, ihre Fühler derart weit auszustrecken, dass sie praktisch jeden Benutzer weltweit überwachen kann», sagt der Computerlinguist. Besonders dann, wenn man Smartphones oder Tablets mit dem Google-Betriebssystem Android benutze und die Privatsphäre-Einstellungen nicht selber anpasse. «Hier ist die kurzfristige Lösung, wann immer möglich Alternativen zu nutzen und jegliches Tracking weitestmöglich auszuschalten», erklärt der Informatik-Experte.

Längerfristig brauche es Systeme, die ohne standardmässige Überwachung – mit Privatsphäre als Voreinstellung – angeboten würden. Hier sollen die Schweiz und Europa gesetzlich entscheidend Einfluss nehmen. «Die Gesellschaft kann die Regeln dafür festlegen, welche Anforderungen ein Produkt erfüllen muss, ehe es auf den Markt kommt», so Netzaktivist Marques. Auch «saftige Bussen» für Datenschutzverletzungen und eine Produkthaftpflicht könnten dazu beitragen, Privatsphäre und Sicherheit zu erhöhen.

Ins gleiche Horn bläst der Datenschutzbeauftragte Bruno Baeriswyl: «Datenbearbeiter müssten verpflichtet werden, ihre Dienstleistungen im Internet auch mit einer datenschutzfreundlichen Lösung anzubieten», sagt Baeriswyl. Die Revision des Schweizer Datenschutzgesetzes sehe nur vor, dass datenschutzfreundliche Voreinstellungen, die die Datenbearbeitungen auf das Notwendige beschränken, vorzunehmen sind. In der Praxis heisst das: Steht in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) etwas anderes, können Anbieter diese Regelung wieder ausser Kraft setzen. So gesehen haben die Nutzerinnen und Nutzer kaum eine Wahl, weil sie den AGB zustimmen müssen, um Dienstleistungen nutzen zu können.

Digitaler Ratgeber

Der Chaos Computer Club Schweiz hat mit der Digitalen Gesellschaft Schweiz und der «Wochenzeitung WOZ» den Online-Ratgeber «Eine kurze Anleitung zur digitalen Selbstverteidigung» herausgegeben. Er behandelt Grundlagen zu Datensparsamkeit, Passwörtern und Betriebssystemen und präsentiert gute Alternativen – etwa bei Webbrowsern, E-Mail-Anbietern, Onlinespeichern oder Suchmaschinen. digitale-gesellschaft.ch/ratgeber/

Messenger

  • Aussehen und Handhabung von Threema sind an Whatsapp angelehnt. Der Messenger kann aber ohne Angabe der eigenen Telefonnummer verwendet werden. Alle Nachrichten sind verschlüsselt. www.threeema.ch
  • Signal ist eine Gratis-App, die von einer gemeinnützigen Stiftung finanziert wird. Sie kann auch als Alternative zu Skype genutzt werden. Alle Nachrichten und Gespräche werden verschlüsselt. www.signal.org

Passwörter

Ein hinreichend sicheres Passwort sollte möglichst lang sein: Am besten bestehend aus einer zufälligen Folge von Wörtern, die man nirgends findet und sich gut merken kann. Profile auf sozialen Medien sind für Betrügerinnen und Betrüger Quellen, um an Passworthinweise zu gelangen. Will heissen: Auf keinen Fall den Namen des Haustiers, des Ehemanns des Lieblings-Sportclubs oder der Lieblingsband verwenden.

Soziale Netzwerke

  • Ello ist eine werbefreie Plattform. Sie garantiert, dass keine Daten von Nutzerinnen und Nutzern an Dritte weitergegeben werden. www.ello.co
  • GNU Social ist eine Alternative zu Twitter. Der Dienst ist Teil des GNU-Projekts, das geschaffen wurde, um ein Betriebssystem auf Basis von freier Software zu entwickeln. gnu.io/social
  • Twitter-Konkurrent Mastodon setzt auf ein dezentrales Netzwerk. www.joinmastodon.org

Webbrowser

  • Der Browser Mozilla Firefox hat sich dem «sicheren Surfen» verschrieben. Wichtig: Cookies und Cache regelmässig löschen. www.mozilla.org
  • Tor stellt die Verbindung zwischen Nutzer und aufgerufener Seite über drei zufällige Knotenpunkte (Server) her. Daher lässt sich kaum zurückverfolgen, wer auf eine Website zugreift. Wer sich dann aber bei Youtube & Co. anmeldet, verliert die Anonymität wieder. www.torproject.org

Der Baby-Hype nervt

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 16. Mai 2019.

In dieser Kolumne geht es nicht um mich. Noch lässt mich meine Mutter in Ruhe. Sie will nicht bei jedem Familienfest wissen, wann es endlich Enkel gibt. Und da die meisten meiner Freunde ebenfalls babyfaul sind, ist mir angst und bange, wenn ich an den Fortbestand der Stadt Zürich denke.

Ich nerve mich gerade über ein besonderes Baby: Es hat einen komplizierten Namen und heisst Archie Harrison Mountbatten-Windsor. Das Baby entsprang der Liebe von Prinz Harry und Herzogin Meghan. Letztere ist gemäss «Bunte.de» direkt nach der Geburt «strahlend schön».

Ob Prinz Harry ebenfalls «strahlend schön» ist, kann ich nicht beurteilen. Zumindest Royal-Fans bestehen darauf, dass Klein-Archie ganz nach Herzogin Meghan kommen soll.

Warum interessieren wir uns als Schweizer überhaupt für den Nachwuchs des britischen Königshauses? Wir feiern doch am 1. August alle gemeinsam mit Cervelat, Tofu und Bier, dass wir die bösen Habsburger aus dem Land gejagt haben. Der einzige König, den wir verehren dürfen, heisst Roger und kommt aus Basel. Und selbst der verliert bei schlechter Leistung auf dem Tennisplatz schnell seine Krone wieder.

Ich stelle mir gerade vor, wie Kaiserin Sissi zusammen mit Franz Joseph I. in Wien ihren Nachwuchs in die Kamera hält. Die Eidgenossenschaft jubelt verzückt und hofft, bald wieder die Unabhängigkeit zu verlieren. Es ist ein Albtraum. Und das alles nur wegen eines Babys.

Keiner war mächtiger als dieser Zürcher

Das Alfred-Escher-Denkmal auf dem Bahnhofplatz vor dem Hauptbahnhof Zürich wurde im Juni 1889 eingeweiht. Das Foto ist um 1890 entstanden. Foto: Baugeschichtliches Archiv Stadt Zürich
Das Alfred-Escher-Denkmal auf dem Bahnhofplatz vor dem Hauptbahnhof Zürich wurde im Juni 1889 eingeweiht. Das Foto ist um 1890 entstanden. Foto: Baugeschichtliches Archiv Stadt Zürich

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 25. April 2019.

Alfred Escher brachte die Schweiz in die Moderne: Seine Kritiker hassten ihn und wünschten ihm den Tod. Bis zuletzt arbeitete der ungekrönte König der Schweiz an seinen Visionen.

Die Nordostbahn stürzte 1876 in die Krise. Bei der Gotthardbahn kamen die Kostenüberschreitungen ans Licht. Alfred Escher wurde auf die Probe gestellt. Der Eisenbahnpionier bewältigte beide Krisen – sein Ruf blieb aber nachhaltig beschädigt. Escher war zeitlebens ein Mythos, wurde von den einen verehrt und den anderen verachtet.

Sinnbild dafür ist der Gotthard-Durchstich im Jahr 1880. Der 15 Kilometer lange Bahntunnel gilt als Wunderwerk – und dank Escher wurde er überhaupt Wirklichkeit. «Escher, zum Sündenbock des Gotthardprojekts gestempelt, erntete noch weiteren Undank», schreibt dazu Joseph Jung in seinem neuen Buch «Alfred Escher – Visionär, Grossbürger, Wirtschaftsführer». Escher wurde zu den Feierlichkeiten nicht eingeladen. Kein Redner erinnerte an ihn. Zwei Jahre später, bei der Eröffnung des Tunnels im Jahr 1882, konnte er dann nicht mehr teilnehmen. Escher war todkrank.

Zum Feindbild geworden
Die neue Biografie ist ein kompaktes Werk mit 128 Seiten und vielen Abbildungen. Sie zeichnet den Aufstieg und den Fall von Zürichs grösster Persönlichkeit nach. Escher, der von 1819 bis 1882 lebte, war Eisenbahnpionier, Unternehmer, Politiker und Visionär. Er gehörte unter anderem während 34 Jahren dem Nationalrat an. 38 Jahre sass er im Kantonsrat, 7 Jahre war er Regierungsrat. «Kein anderer Schweizer Politiker hat einen solchen Palmarès vorzuweisen», schreibt der Historiker Jung.

Lydia Escher mit ihrem Vater Alfred. Das Foto ist um 1869 entstanden. Foto: Privatarchive, Privatsammlungen
Lydia Escher mit ihrem Vater Alfred. Das Foto ist um 1869 entstanden. Foto: Privatarchive, Privatsammlungen

Eschers Ämterkumulation führte schon zu seinen Lebzeiten zu Kritik. Wegen seiner Machtfülle wurde der reiche Grossbürger Alfred Escher als «König Alfred I.» und republikanischer Diktator betitelt. So entwickelte sich der Zürcher zum Feindbild der Demokraten, der damaligen politischen Gegenbewegung zur radikalliberalen Partei. «Heute ist es gar nicht mehr möglich, dass jemand zeitgleich Regierungsrat und Kantonsrat ist», sagte Biograf Jung kürzlich im Gespräch mit dieser Zeitung.
Wer heute von Visionären spricht, denkt an Menschen wie Elon Musk oder Steve Jobs. Doch ein Vergleich zu ziehen, ist schwierig. Alfred Escher verfügte mit seinem Vermögen, seinen politischen Ämtern und seinen Unternehmen über einen Einfluss, der im 21. Jahrhundert kaum mehr möglich ist. Die ETH, die Credit Suisse, die Swiss Life und die Gotthardbahn gehören zu seinem Werk. Escher gilt als wichtiger Motor der modernen Schweiz nach der Bundesstaatsgründung 1848.

Escher war ein Workaholic
«Politische Helden sind in der Schweiz verpönt», bringt es Jung in seinem Buch auf den Punkt. Die Biografie zeigt auf, wie Alfred Escher in kurzer Zeit in Zürich und Bern eine beherrschende Stellung aufbaute und wie er ins Kreuzfeuer der Kritik geriet. «Im 19. Jahrhundert gab es in der Schweiz keine andere Führungspersönlichkeit, die sich ein solches Pensum zugemutet und ein solches Programm absolviert hätte», so Jung. Dass diese Arbeitslast bisweilen ungesund war, verdeutlicht die Tatsache, dass sich Escher in seinem Direktionsbüro bei der Nordostbahn ein Bett aufstellen liess. Im Nationalrat in Bern blieb er im Saal sitzen, wenn die Debatten vorüber waren. Er bereitete Geschäfte der folgenden Tage vor, schrieb an Reden und las sich in Dossiers ein. «Und dann kam es vor, dass er einnickte, spätabends», schreibt Jung.

«Seine Liebe zu Zürich war entscheidend für ihn, aber auch seine Identifikation mit der Schweiz. Es ist ihm um sein Heimatland gegangen.»

Joseph Jung, Historiker

Mit Kritik wird gespart
«Seine Liebe zu Zürich war entscheidend für ihn, aber auch seine Identifikation mit der Schweiz. Es ist ihm um sein Heimatland gegangen», sagte der Autor Jung vor kurzem im Interview. Der Historiker beschäftigt sich seit vier Jahrzehnten mit Alfred Escher.

Obwohl auch kritische Themen angesprochen werden – darunter die Plantage mit Sklaven, die Eschers Onkel auf Kuba besass –, zeichnet Jung mehrheitlich das Bild eines grossen Staatsmanns und Wirtschaftsführers. Das Privatleben, darunter die Beziehung zu seiner erstgeborenen Tochter Lydia, der Tod seines Vaters, seiner Frau und seiner zweitgeborenen Tochter Hedwig werden nur gestreift. Dies ist allerdings auch der Kompaktheit der interessanten Biografie geschuldet.

Alfred Escher, der im Landsitz Belvoir in der damals eigenständigen Gemeinde Enge lebte, starb am 6. Dezember 1882. Der Zürcher, der schon in den Jahren zuvor immer wieder von Krankheiten heimgesucht worden war, konnte nie selbst durch den Gotthard fahren. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof Manegg. Sein Denkmal steht prominent auf dem Bahnhofplatz in Zürich.

Joseph Jung: Alfred Escher – Visionär, Grossbürger, Wirtschaftsführer. 128 S. www.pioniere.ch