Diese Doku bringt dir Japan ins Wohnzimmer

Japan ist schon lange auf meiner «Da-würde-ich-gerne-hin»-Liste. Da sich auf dieser Liste aber noch einige andere Reiseziele befinden, die bei mir mehr Priorität geniessen, kamen die Japan-Dokus von Gamestar-Gründer und heutigem Spieleveteranen Jörg Langer gerade recht. In 16 Folgen von je rund 20 Minuten Länge bringt Japan-Fan Langer dem geneigten West-Europäer das «Land der aufgehenden Sonne» näher. Das Videoprojekt wurde letztes Jahr über ein Crowdfunding finanziert und kann nun im HD- oder 4K-Paket, letzteres mit Extra-Bonus, gekauft werden.

Ich persönlich kenne Japan nur vom Hörensagen, aus Geschichtsbüchern sowie mehr oder minder guten Filmen. Deshalb waren die Japan-Dokus für mich eine echte Bereicherung.


Themenbezogene Interessen (-bindung) des Autors

Ich habe mich am Crowdfunding für die Japandokus beteiligt und erhalte kein Geld dafür, die Japandokus zu bewerben.

Diese Ausstellung geht durch die Ohren

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Das erste Studio von Radio Lora an der Mainaustrasse im Zürcher Seefeld im Jahr 1986. Foto: Radio-Lora-Archiv

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 8. November 2018.

Seit 35 Jahren sendet Radio Lora interkulturelle Programme und Musik. Nun wird dem alternativen Lokalradio aus Zürich eine Ausstellung gewidmet.

Noch finden letzte Abbauarbeiten der vergangenen Ausstellung statt, doch bald soll in der Shedhalle, einem Ausstellungsraum der Roten Fabrik, ein nicht-kommerzielles Lokalradio aus Zürich im Mittelpunkt stehen. Radio Lora wurde vor 35 Jahren, 1983, die Sendekonzession erteilt. «Die Idee zur Ausstellung ist letztes Jahr entstanden», erklärt Judith Grosse. Sie ist Kuratorin und zeitgleich PR-Verantwortliche des Radios.

Doch warum gerade jetzt? «Das 25-Jahr-Jubiläum haben wir natürlich damals gross gefeiert, doch seither hat sich viel verändert, und ein runder Geburtstag ist ein guter Anlass für eine Bestandsaufnahme», sagt die Ausstellungsmacherin. Genau diese Veränderungen sollen nun sichtbar gemacht werden.

Keine glatte Erfolgsgeschichte
«Reclaim the Radio!» heisst die Archivausstellung. Sie will einen Bogen spannen von der Entstehung des Senders im Kontext der autonomen Jugendbewegung im Zürich der 70er und 80er Jahre bis in die digitale Ära. «Wir zeigen Dokumente, Lora-Werbematerialien und Presseartikel aus unseren Archiven, aber auch privaten Sammlungen», erklärt Grosse. Dabei werden Rückschläge nicht verheimlicht.
Es gab in der Geschichte des Radios immer wieder Konflikte, die teilweise eskaliert sind. Der «Tages-Anzeiger» berichtete unter anderem 2012, dass es hinter den Kulissen des Radios rumore. «Offenbar gibt es Grabenkämpfe um eine Neuausrichtung des Radios, die nun zum Problem werden», schrieb der «Tagi» damals.

«Auf den ersten Blick ist die Geschichte von Lora keine glatte Erfolgserzählung – immer wieder gab es Auseinandersetzungen, Rückschläge, aber auch Neuanfänge», sagt Grosse. Und genau darum sei Loras Geschichte doch ein Erfolg und eben auch sehr spannend. Heute habe sich das aber alles wieder beruhigt. «Seither haben wir unsere internen Prozesse angepasst, der Vorstand hat sich stark engagiert.»

Radio Lora wird aktuell von einer Stiftung und einem Verein getragen. Die Stiftung hat die Sendekonzession des Bundesamts für Kommunikation (Bakom) inne, der Verein betreibt das Radio mit Sitz an der Militärstrasse im Kreis 4. Um diese Doppelstruktur zu entflechten, plant Radio Lora eine grosse Veränderung: Stiftung und Verein will man im kommenden Jahr in einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft vereinen. Das ist eine Vorgabe des Bakom. Wie dem Jahresbericht zu entnehmen ist, muss bei Lora bis zur Neukonzessionierung im Jahr 2019 die Inhaberin der Sendekonzession sowie die Betreiberin des Radios ein und dieselbe Organisation sein.

Das Radio hat ausserdem ein neues Logo erhalten. Die Entwürfe stammen alle von Grafik-Lernenden an der Schule für Gestaltung Zürich. Ausgewählt haben es die Lora-Mitglieder. «In der Ausstellung zeigen wir auch eine Auswahl derjenigen Entwürfe, die es nicht geschafft haben», verspricht Grosse. Ebenfalls Teil der Ausstellung sind Hörstationen, Live-Talk-Runden und ein Audiokunst-Festival. Die beiden Letzteren werden im Programm des Radios zu hören sein – «für alle, die nicht vorbeikommen können», sagt die Kuratorin.
Ursprünglich war das Lokalradio an der Mainaustrasse in Riesbach beheimatet gewesen. Nach einem Brandanschlag zog es den alternativen Sender aber in den Kreis 4. Radio Lora ist ein Kind der Radiopiratenszene. Während der Jugendunruhen 1981 hatte eine Gruppe von Radiomachenden aus dem Autonomen Jugendzentrum gesendet. Erst am 14. November 1983 erhielt der Sender eine Konzession.

Heute ist Lora eines von 17 Radios, die in der Unikom, dem Verband der nicht-gewinnorientierten Radios, zusammengeschlossen sind. Dazu gehören beispielsweise das Winterthurer Radio Stadtfilter, der Aarauer Kanal K oder Radio 3fach in Luzern. Die eigenen Hörerzahlen misst Radio Lora nicht. Die Marktforschung sei laut Judith Grosse zu teuer und nicht auf Profil sowie Publikum nicht-kommerzieller Sender ausgerichtet. Wie Unikom auf Anfrage sagt, kann aufgrund von vergleichbaren Programmen davon ausgegangen werden, dass «Lora» täglich über 30 000 Zuhörerinnen und Zuhörer erreicht.

Ein Blick hinter die Kulissen
Finanziert wird das werbefreie Radio Lora durch Mitgliederbeiträge und Geld aus dem Billag-Gebührentopf. Würden die Gebühreneinnahmen wegfallen, wäre das ein grosses Problem. «Dann müssten wir uns wie zur Gründungszeit alleine über die Mitgliederbeiträge finanzieren», sagt Grosse. Das sei schwierig gewesen und werde in der Ausstellung ebenfalls thematisiert. Grosse: «Wir wollen das Publikum hinter die Kulissen des Radios blicken lassen, aber auch die Aussenperspektive zeigen.»

«Reclaim the Radio!»: Ausstellung zu 35 Jahren Radio Lora bis 6. Januar 2019. Shedhalle, Rote Fabrik, Seestrasse 395. www.lora.ch

Sorry, aber es wären einfach zu wenige Bürgerinnen und Bürger bereit, dafür zu zahlen

Es scheint, als ginge es um sein oder nicht sein. Am 4. März 2018 wird über die Volksinitiative «Ja zur Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren» abgestimmt. Schon vor dem Jahreswechsel gab es in der Schweiz kaum ein anderes Thema mehr. Zumindest in den Medien. Und das ist auch kein Wunder: Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG), die Betreiberin der öffentlich-rechtlichen Sender, ist eine wichtige Arbeitgeberin in der Branche. Rund 6000 Mitarbeitende zittern um ihren Job – so zumindest die schlimmsten Befürchtungen der SRG-Verantwortlichen. Die Initiative nennt sich im Volksmund «No Billag». Das Unternehmen Billag treibt aktuell die Rundfunkgebühren ein. Und sie verschickt Rechnungen. Rechnungen, die die meisten ärgern, wenn sie wieder ins Haus flattern. 451 Franken pro Jahr beträgt die Gebühr, was etwa 400 Euro ausmacht. Damit ist man im europäischen Vergleich an der Spitze. Alleine schon der Name «Billag» löst bei vielen Schweizerinnen und Schweizern Aversionen aus. Das machen sich die Initianten zu Nutze.

Das Grundproblem ist klar: Dank dem zeitversetzten Fernsehen, Youtube, Internetradios oder Netflix und Amazon Prime sind viele der Meinung, dass sie das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen nicht mehr brauchen würden. Oder zumindest soll es so zurecht geschrumpft werden, dass es deutlich weniger kostet. Frei nach dem Motto: Wieso soll ich für etwas bezahlen, was ich nicht brauche. Doch damit schiebt man einen wichtigen Grundsatz einfach beiseite: Die SRG ist kein Netflix. Das Ziel ist es, die Bevölkerung in allen vier Landessprachen ausgewogen zu informieren. Und damit die Informationssendungen konsumiert werden, braucht es das Aussenrum, die Unterhaltung, die Kultur, den Sport und die Musik. Natürlich kann jeder hier fröhlich mitdiskutieren, was dazugehört und was nicht. Es liegt im Auge des Betrachters und vor allem an den eigenen Interessen. Doch die je nach Ansicht einseitige Berichterstattung, die hohen Kosten, das Unterhaltungsprogramm, welches sich sehr an private Konkurrenz anlehnt und die gefühlte Arroganz haben immer wieder zu Kritik geführt. Gleichzeitig ist die SRG im Internet sehr aktiv und wird von den privaten Anbietern deshalb als Bedrohung wahrgenommen. Dass sich die SRG dieser Diskussion zu oft entzogen hat, ist nun der Denkzettel. Deshalb ist die ganze Branche auch so in Aufruf und teilweise gar hämisch. Trotzdem darf deswegen nicht vergessen werden, weshalb die Rundfunkgebühr in der Schweiz so hoch ist. Das Gebührenmodell funktioniert nach dem Solidaritätsprinzip.

Rund 1,3 Milliarden Franken treibt die Billag jährlich ein. Davon fliesst der Löwenanteil an die SRG, ein Teil an private Sender. Gemäss eigenen Aussagen setzt die SRG jährlich 1,6 Milliarden Franken um. Sie finanziert sich jedoch zu rund 75 Prozent aus Gebührengeldern, der Rest sind hauptsächlich kommerzielle Erträge. Rund 70 Prozent der Schweizer Bevölkerung lebt in der Deutschschweiz – rund 73 Prozent der Gebühren werden hier eingenommen. Der deutschsprachige Raum erhält von jedem Gebührenfranken jedoch nur 43 Rappen. Die Differenz fliesst in die französische, italienische und rätoromanische Schweiz. Anders ausgedrückt: Die Schweiz hat vier Landessprachen – damit für alle ein gutes Programm angeboten werden kann, braucht es Querfinanzierung.

Nun kann man natürlich argumentieren, dass Private gewisse Programme übernehmen würden. Das stimmt wohl. Wer allerdings einmal über den eigenen Tellerrand hinaus- und bei privaten Sendern hineinschaut, wird feststellen: Die dortigen Nachrichten- und Informationsmagazine reichen in keiner Weise an die öffentlich-rechtlichen Konkurrenten heran. Es wäre Augenwischerei zu behaupten, dass die rund 1,2 Milliarden Franken, die bei der SRG bisher durch die Gebühren finanziert wurden, alleine durch Werbung wieder hereingeholt werden könnten. Also müsste eine Art Abomodell her.

Aus rein wirtschaftlicher Perspektive ist es einfach: Wenn es nur genügend Nachfrage gibt, wird es auch alle diese Sendungen geben. Die Initianten verweisen deshalb auf Netflix und den Schweizer Bezahlfernsehsender Teleclub. «Grundsätzlich ist es der SRG überlassen, welches Finanzierungs-Modell sie nach Abschaffung der Billag-Zwangsgebühren wählt. Eine mögliche Variante wäre folgende: Ihre Informationskanäle könnte sie beispielsweise für alle in der Schweiz freischalten und via Werbung finanzieren, Unterhaltungskanäle könnte sie mittels des Verkaufs von TV-Abos finanzieren. An erfolgreichen Beispielen von Sendern, die sich via TV-Aboverkäufen finanzieren, fehlt es in der heutigen Praxis nicht: Netflix, Teleclub etc.» Weshalb die SRG nicht zu ihren Einnahmen kommen solle, wenn die SRG-Sendungen beim Publikum auf Anklang fänden und eine entsprechende Zahlungsbereitschaft stossen würden, «ist beim besten Willen nicht ersichtlich», behaupten die Initianten.

Doch genau das ist die Krux an der Sache: Ist die Gesellschaft bereit, für die SRG-Sendungen zu bezahlen? Ich habe meine Zweifel. Ein Blick auf die schwindenden Abozahlen bei Zeitungen zeigt – vielen Menschen ist Information eben gerade nicht genug wert, um dafür zu bezahlen. Zu viel ist gratis verfügbar, dank dem Internet kann jeder mitmischen – ganz ohne öffentlichen Auftrag. Die SRG hat den Auftrag, mit ihrem Service public die Versorgung der Schweizer Bevölkerung mit Radio- und Fernsehprogrammen sowie die Meinungsvielfalt sicherzustellen. Die SRG will einen Beitrag zum Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Landesteilen, zum Austausch zwischen den Sprachregionen und zum gegenseitigen Verständnis der verschiedenen Kulturen leisten. Dass Netflix & Co. ebenfalls diese Ziele verfolgen würden, wäre mir neu. Vor allem auch, weil man damit kaum Geld verdienen kann.

Die Frage ist also nicht Yes oder No Billag, sondern Ja oder Nein zu vielfältigen Informationen in allen Landesteilen. Alleine im italienischsprachigen Kanton Tessin würde bei einem Nein wohl ein grosser Teil der aktuellen Sendungen wegfallen. Bei nur rund 354’000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist der Markt so klein, und wären allfällige Abogebühren so hoch, dass sich das kaum einer leisten wollen würde – geschweige denn könnte.

Bereits beschlossen ist eine Senkung der Radio- und Fernsehgebühren ab dem 1. Januar 2019. Sofern die Initiative Anfang März nicht angenommen wird. Danach würde ein Haushalt statt 451 Franken pro Jahr noch 365 Franken bezahlen. Doch auch das ist noch ein stolzer Betrag. Wird die SRG also von der Abschaffung der Billag-Gebühr verschont, muss sie der Bevölkerung klarmachen, was sie genau davon profitiert. Es wird Programmanpassungen und Abstriche geben müssen. Der typisch schweizerische Kompromiss dürfte also sein, dass es allen ein bisschen wehtun wird, dafür niemandem allzu arg.

Warum auch 1000 Fakten gegen Trump und Co. nichts bringen, weil sie deren Anhänger nicht lesen werden, damit aber genau das Gegenteil erreicht wird

«Nothgroschen, Redakteur der ‹Netziger Zeitung›.» «Also Hungerkandidat», sagte Diederich und blitzte. «Verkommene Gymnasiasten, Abiturientenproletariat, Gefahr für uns!» Alle lachten; der Redakteur lächelte demütig mit.

Die Presse gibt in Heinrich Manns Werk «Der Untertan» kein gutes Bild ab. Der Machtmensch Diederich Hessling, der meist nach oben buckelte und nach unten trat, hatte Nothgroschen in der Hand. Was dachte sich der Redakteur wohl dabei, als er die Ergebenheitsdepesche an den deutschen Kaiser, geschrieben von betrunkenen «Kaisertreuen», zugespielt erhielt? Und als dann Diederich Hessling ihm eine gefälschte Belobigung für den Todesschützen übergab, die angeblich vom Kaiser höchstpersönlich stammte, da war er hin und weg. Die «Netziger Zeitung», das Sinnbild einer gefügigen Presse. «Aber Nothgroschen sah es nicht an, er starrte nur, wie entgeistert, auf Diederich, auf seine steinerne Haltung, den Schnurrbart, der ihm in die Augen stach, und die Augen, die blitzten», schrieb Mann.

Vor mehr als hundert Jahren hat der Schriftsteller seinen wohl bekanntesten Roman beendet. Bis er als Buch erscheinen konnte, fiel er der Zensur zum Opfer, danach wurde das Werk zum Kassenschlager. Die wahre Bedeutung können wir aber nur aus der Distanz erahnen. «Der Untertan» ist eine satirischer Roman, aber nicht nur. Es ist vor allem eine Zeitdiagnose des bürgerlichen Deutschlands unter der Regierung Kaiser Wilhelms II. Nun, ich bin kein Historiker und schon gar kein Literaturwissenschaftler. Aber irgendwie scheint es mir, als würde ich Parallelen zur heutigen Gesellschaft erkennen können.

Steigende Abozahlen dank Trump
Wilhelminismus nennt man die Epoche unter Kaiser Wilhelm II. Trumpismus, Putinismus, Erdoganismus – so könnte man die heutige Zeit umschreiben. In einem älteren Beitrag habe ich geschrieben, dass Trump eine Chance für guten Journalismus ist. Dieser Meinung bin ich immer noch. Tatsächlich aber ist er das nur, wenn sich die Medien bewusst sind, wie unsere Gesellschaft funktioniert. In «Der Untertan» sehen die «Kaisertreuen» eine Gefahr in der freien Presse, nutzen sie aber geschickt aus, um ihre Botschaft zu verkünden. Trump, Putin und Erdogan haben Mühe mit den Medien. Vor allem dann, wenn sie nicht das bringen, was sie gerne von sich selbst hören, lesen oder sehen wollen. Trump bewirkt mit seinem Widerstand gegen die unliebsamen Medien gar das Gegenteil. Zeitungen wie «New York Times» sollen sich angeblich steigenden Abozahlen erfreuen dürfen.

Das Dumme ist, dass die neuen Leserinnen und Leser auch bei der «New York Times» die von den genannten Herren und ihren politischen Hintermännern gestreuten Botschaften vorgesetzt bekommen. Manchmal mit mehr oder weniger treffender Einordnung der jeweiligen Journalistinnen und Journalisten – nichtsdestotrotz aber im Kern das Programm der Kritisierten. Also genau das Gegenteil, was man erreichen möchte. Hinzukommt, dass Trump-Wähler keine «New York Times» oder «Washington Post» lesen. Sie sehen auch kein «CNN», bei vielen läuft «Fox News» in der Dauerschleife. Wer die «New York Times» liest, der hat sie abonniert, weil er sich in seiner Meinung bestätigen lassen will. Er würde das Abonnement vermutlich wieder kündigen, wenn man plötzlich positiv über den aktuellen US-Präsidenten schriebe.

Esel vor dem Karren
Trump, Putin oder Erdogan selber dürfte es eigentlich egal sein. Ihre Botschaft kommt vors Volk. Entweder von den gefügigen Medien oder den anderen, die sich als Esel vor den Karren spannen lassen und sich als freie Medien bezeichnen. Auch dazu hat Heinrich Mann einen schönen Satz geschrieben: Diederich rief aus: «Mein schönster Lohn ist es, dass der ‹Lokal-Anzeiger› meinen schlicht bürgerlichen Namen vor die Allerhöchsten Augen selbst gebracht hat!»

Nachricht und Kommentar strikt trennen
Doch statt jetzt von einem Ende der vierten Gewalt jammern zu müssen, braucht es Taten: Zuerst einmal eine strikte Trennung von Nachricht und Kommentar. In einigen Zeitungen werden Beiträge mit Wertungen mit grauem statt schwarzem Titel versehen. Das reicht aber nicht aus, weil es zu wenig auffällt. Medien können nur Vertrauen schaffen, wenn sie transparent machen, wo Wertungen enthalten sind. Fakten prüfen, suchen und einordnen kann der Journalist, in dem er Experten sprechen lässt. Alles andere gehört in den Kommentar. Zudem ist Ausgewogenheit äusserst wichtig. Zeitungen müssen keine Politik betreiben, sie müssen die Politik überwachen. Wer anfängt, Partei zu ergreifen, der vertreibt genau die Menschen, die er eigentlich überzeugen möchte. Und genau dann wird es gefährlich. Und zu guter Letzt: Jemand ist immer schneller. Den Wettbewerb mit den sozialen Medien können klassische Medien nicht gewinnen. Wer sich darauf einlässt, der tut genau das, was sich Diedrich Hessling nie hätte träumen lassen. «Hurra – hurra – hurra!», würde Diederich gemeinsam mit Trump, Putin und Erdogan rufen.

Trump ist eine Chance für guten Journalismus

«I don’t like tweeting, I have other things I could be doing», sagte der US-Präsident Donald Trump kürzlich gegenüber «Fox News». «But I get very dishonest media, very dishonest press and it’s my only way that I can counteract.» Bei anderer Gelegenheit soll er Journalisten als «among the most dishonest human beings on earth» bezeichnet haben. Grund dafür war die Berichterstattung über die Anzahl Personen, die seine Inauguration besucht haben. Natürlich musste sich auch sein Mediensprecher Sean Spicer dazu äussern. Stichwort «Fake-News».

Nun, es ist mir gelinde gesagt völlig egal, wie viele Leute bei Trumps Amtseinführung dabei waren. Präsident Donald Trumps Meinung zu den Medien in allen Ehren – viel wichtiger ist es, diese unglaubliche Chance zu nutzen. Während sich traditionelle Medien seit Jahren gegen Niedergang stemmen, könnte ihnen jetzt eine besonders wichtige Rolle zuteilwerden. In diesen Zeiten ist es umso wichtiger, dass nicht alles einfach für bare Münze genommen wird. Doch wie damit umgehen? «How to deal with Trump’s tweet?» Das fragte sich auch «CNN».

Bisher lief das so: Trump haut seine 140-Zeichen in die Tastatur, klickt auf «Tweet» und kurz darauf berichten die Medien darüber. Ein Beispiel:

Vor knapp einer Stunde schrieb Donald Trump: «Wow, television ratings just out: 31 million people watched the Inauguration, 11 million more than the very good ratings from 4 years ago!» Wenig später war die Aussage bereits Teil eines Artikels von «The Guardian». In diesem Fall ist der Schaden gering, denn die britische Zeitung liess den Tweet nicht völlig unkommentiert und schrieb: «His comparison was with Barack Obama’s second inauguration, an event inevitably less watched than his first which attracted crowds of a similar size to Saturday’s Women’s March on Washington.» In anderen Fällen haben die Medien aber geholfen, Aussagen von Trump ohne Faktencheck weiterzuverbreiten.

Im besten Fall sollte es so laufen: Trump haut seine 140-Zeichen in die Tastatur, klickt auf «Tweet» und es passiert erstmal gar nichts. Dann prüfen die Journalistinnen und Journalisten die Fakten und stellen die Aussage in den richtigen Kontext. Man kann auf der Redaktion immer noch entscheiden, ob überhaupt darüber berichtet werden muss. Das schöne an den sozialen Medien ist ja, dass jeder Interessierte daran teilhaben kann – ohne Abo. Wenn Präsident Trump schon die Medien umgehen will, weil er ihnen nicht vertraut, dann sollten diese aber nicht gleichzeitig alles weitergeben, was er in 140 Zeichen fassen kann. Dieser Verlautbarungsjournalismus ist gefährlich. Genau hier müssen die traditionellen Medien ansetzen: Fakten prüfen und erst dann berichten. Das ist richtiger Journalismus. «The Washington Post» geht sogar einen Schritt weiter und bietet den «Fact Checker». Und wer richtigen Journalismus betreibt, der gewinnt an Glaubwürdigkeit und vielleicht am Ende wieder an Lesern oder Zuschauern. Trump ist also eine Chance für guten Journalismus.