Kontrolle über eigene Daten zurückgewinnen

Zuerst veröffentlicht in den Lokalinfo-Zeitungen vom 27. August 2020.

Was es für Geld schon lange gibt, will ETH-Professor Ernst Hafen für persönliche Daten schaffen: eine Bank mit Genossenschaftsmodell als Gegenpol zu den etablierten Internetgiganten.

Noch vor 20 Jahren hätte kaum jemand einem Unternehmen freiwillig mitgeteilt, wie häufig und welche Strecke er oder sie kürzlich gejoggt sei. Heute gibt es dafür Smartphone-Apps, Smartwatches oder Fitnesstracker. Und die persönlichen Fitness-, Gesundheits- oder Ernährungsdaten sind bei Unternehmen oder Krankenkassen heiss begehrt.

Doch Gesundheitsapps und andere haben alle etwas gemeinsam: Egal, wie strikt die Datenschutzerklärungen sind und welche Einstellungen jeder individuell vornehmen kann, die Daten liegen in den Händen von Unternehmen. Nutzerinnen und Nutzer müssen ihnen entweder vertrauen oder auf die Nutzung solcher Angebote komplett verzichten. Letzteres würden wohl viele Privatsphäre-Experten empfehlen.

Forschung soll profitieren

Einen anderen Weg geht Ernst Hafen. Der Professor am ETH-Institut für molekulare Systembiologie will, dass die Bevölkerung die Kontrolle über ihre Gesundheitsdaten behält. Denn für ihn ist klar: Daten entfalten ihr wahres Potenzial erst, wenn sie zusammengeführt werden. Weder Google, Apple, Facebook noch eine Ärztin verfügt über alle Daten, also das Gesamtbild einer Person. Alle haben nur ein Stück vom Kuchen.

«Nur die Bürgerinnen und Bürger selbst können alle Daten zusammenbringen», sagt Hafen. «Aber nicht Internetkonzerne sollen von dieser Zusammenführung profitieren, sondern die Gemeinschaft», so der Biologe. Für Unternehmen sind Daten wie bares Geld. Sie werden gesammelt, ausgewertet, verkauft und für personalisierte Werbung verwendet.

Wer heute eine Studie mit 3000 Teilnehmenden braucht, der muss viel Zeit und Geld investieren. Sind die Daten schon vorhanden, wird laut Hafen beispielsweise die Entwicklung von Medikamenten günstiger, oder es werden Forschungen ermöglicht, die sonst finanziell unattraktiv sind. Der 64-Jährige hat deshalb 2015 mit Gleichgesinnten die Non-Profit-Genossenschaft Midata gegründet. Midata funktioniert wie eine Bank für Daten. Erdacht hat die Technik dahinter Hafens damaliger ETH-Kollege Donald Kossmann, der heute in den USA die Forschungsabteilung von Microsoft leitet. Entwickelt wurde sie zusammen mit der Berner Fachhochschule.

Auf der Internetplattform von Midata kann man seine Daten hochladen. Die Genossenschaft übernimmt die Verwaltung und sucht Partner, welche die Daten nutzen möchten. Firmen sollen für die Nutzung bezahlen. Die Entscheidung, ob Daten genutzt werden dürfen, liegt immer bei den einzelnen Mitgliedern. Sie bleiben Besitzer ihrer Daten. Die Einnahmen werden für die Weiterentwicklung der Midata-Plattform und für Projekte genutzt, beispielsweise in der Forschung, die der Gemeinschaft etwas bringen sollen.

«Ich will Google nichts wegnehmen, aber ich will eine Kopie meiner Daten herunterladen können.»

Ernst Hafen, ETH-Professor

App für Corona-Symptome lanciert
Um die Leute zum Mitmachen zu motivieren, hat Midata verschiedene Projekte lanciert. Eines ist topaktuell und heisst «Corona Science». Bürgerinnen und Bürgern können mit der App ihren Gesundheitszustand und auftretende Symptome einer Covid-19-Erkrankung aufzeichnen. Die gewonnenen Daten werden anonym und allen Interessierten zur Verfügung gestellt. Ein anderes Projekt ist an Pollenallergikerinnen und -allergiker gerichtet. Die Daten werden vom Universitätsspital Zürich verwendet. Mit der Teilnahme an einem der Projekte eröffnen die Nutzenden ein Konto bei Midata. Sie sind damit nicht automatisch Mitglied der Genossenschaft. Ein Genossenschaftsschein kostet 40 Franken. Geld verdienen können Mitglieder nicht: «Wir wollen keine finanziellen Anreize zum Teilen von Daten», sagt Hafen. Wer Geld für seine Daten erhalte, habe einen Anreiz, diese so zu manipulieren, dass sie möglichst wertvoll würden. Das wolle man verhindern.

Schweiz muss Gesetz anpassen
Midata hat aber ein Problem: die Nutzerfreundlichkeit. Bei den Apps muss man seine Symptome selbstständig eingeben, das braucht Disziplin. Wer alle seine Daten in der Datenbank zusammenführen will, muss dies von Hand tun. «Ideal wäre deshalb, wenn es in jeder Software eine Einstellungsmöglichkeit gäbe, die die gesammelten Daten automatisch in die Datenbank legt», sagt Hafen.

Eine Voraussetzung: Alle, die personenbezogene Daten sammeln, egal ob Supermarkt, Internetkonzern oder Spital, sollen diese auf einfache Art und Weise zur Verfügung stellen. «Ich will Google nichts wegnehmen, aber ich will eine Kopie meiner Daten herunterladen können», erklärt Hafen. Dafür braucht es aber eine gesetzliche Grundlage, das Recht auf Kopie, wie es die Datenschutzgrundverordnung der Europäischen Union vorsieht. Die Schweiz ist noch nicht so weit. Die Revision des veralteten Datenschutzgesetzes steckt im Parlament fest.

Midata muss Vertrauen aufbauen

Eine grosse Frage ist die Sicherheit: Gerade für Betrüger ist eine zentrale gespeicherte Datensammlung interessant. Privatsphäre-Aktivisten raten generell dazu, dafür zu sorgen, dass möglichst keine persönlichen Daten ins Internet gelangen. Das würde aber dem Prinzip der Midata-Genossenschaft widersprechen. «Wichtig sind das Vertrauen und die Reputation der Datenbank», sagt Hafen. Midata investiere in die Sicherheit. «Und wir lassen unser System von Profis prüfen», fügt Hafen an. Auch er habe seine Gesundheitsdaten auf Midata gespeichert. Für ihn sei es dasselbe, wie wenn man sein Geld unter der Matratze verstecke, anstatt es auf die Bank zu bringen. Denkbar wäre, dass in Zukunft etablierte Finanzinstitute wie die UBS oder die Zürcher Kantonalbank ähnliche Dienstleistungen anbieten. Dann könnte man seine Daten über den E-Banking-Zugang verwalten.

«Wir müssen die Leute stärker vom Nutzen überzeugen», sagt Hafen. Die Genossenschaft Midata hat rund 200 Mitglieder. Die Apps wurden über 10 000-mal heruntergeladen. Um aufzuzeigen, wie Midata-Daten für Firmen und Forschung interessant sind, will sich Hafen auf entsprechende Projekte konzentrieren. Darum ist er im Mai als Genossenschaftspräsident zurückgetreten. Wer sein Amt übernimmt, ist offen.

Informationen: www.midata.coop

Keiner war mächtiger als dieser Zürcher

Das Alfred-Escher-Denkmal auf dem Bahnhofplatz vor dem Hauptbahnhof Zürich wurde im Juni 1889 eingeweiht. Das Foto ist um 1890 entstanden. Foto: Baugeschichtliches Archiv Stadt Zürich
Das Alfred-Escher-Denkmal auf dem Bahnhofplatz vor dem Hauptbahnhof Zürich wurde im Juni 1889 eingeweiht. Das Foto ist um 1890 entstanden. Foto: Baugeschichtliches Archiv Stadt Zürich

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 25. April 2019.

Alfred Escher brachte die Schweiz in die Moderne: Seine Kritiker hassten ihn und wünschten ihm den Tod. Bis zuletzt arbeitete der ungekrönte König der Schweiz an seinen Visionen.

Die Nordostbahn stürzte 1876 in die Krise. Bei der Gotthardbahn kamen die Kostenüberschreitungen ans Licht. Alfred Escher wurde auf die Probe gestellt. Der Eisenbahnpionier bewältigte beide Krisen – sein Ruf blieb aber nachhaltig beschädigt. Escher war zeitlebens ein Mythos, wurde von den einen verehrt und den anderen verachtet.

Sinnbild dafür ist der Gotthard-Durchstich im Jahr 1880. Der 15 Kilometer lange Bahntunnel gilt als Wunderwerk – und dank Escher wurde er überhaupt Wirklichkeit. «Escher, zum Sündenbock des Gotthardprojekts gestempelt, erntete noch weiteren Undank», schreibt dazu Joseph Jung in seinem neuen Buch «Alfred Escher – Visionär, Grossbürger, Wirtschaftsführer». Escher wurde zu den Feierlichkeiten nicht eingeladen. Kein Redner erinnerte an ihn. Zwei Jahre später, bei der Eröffnung des Tunnels im Jahr 1882, konnte er dann nicht mehr teilnehmen. Escher war todkrank.

Zum Feindbild geworden
Die neue Biografie ist ein kompaktes Werk mit 128 Seiten und vielen Abbildungen. Sie zeichnet den Aufstieg und den Fall von Zürichs grösster Persönlichkeit nach. Escher, der von 1819 bis 1882 lebte, war Eisenbahnpionier, Unternehmer, Politiker und Visionär. Er gehörte unter anderem während 34 Jahren dem Nationalrat an. 38 Jahre sass er im Kantonsrat, 7 Jahre war er Regierungsrat. «Kein anderer Schweizer Politiker hat einen solchen Palmarès vorzuweisen», schreibt der Historiker Jung.

Lydia Escher mit ihrem Vater Alfred. Das Foto ist um 1869 entstanden. Foto: Privatarchive, Privatsammlungen
Lydia Escher mit ihrem Vater Alfred. Das Foto ist um 1869 entstanden. Foto: Privatarchive, Privatsammlungen

Eschers Ämterkumulation führte schon zu seinen Lebzeiten zu Kritik. Wegen seiner Machtfülle wurde der reiche Grossbürger Alfred Escher als «König Alfred I.» und republikanischer Diktator betitelt. So entwickelte sich der Zürcher zum Feindbild der Demokraten, der damaligen politischen Gegenbewegung zur radikalliberalen Partei. «Heute ist es gar nicht mehr möglich, dass jemand zeitgleich Regierungsrat und Kantonsrat ist», sagte Biograf Jung kürzlich im Gespräch mit dieser Zeitung.
Wer heute von Visionären spricht, denkt an Menschen wie Elon Musk oder Steve Jobs. Doch ein Vergleich zu ziehen, ist schwierig. Alfred Escher verfügte mit seinem Vermögen, seinen politischen Ämtern und seinen Unternehmen über einen Einfluss, der im 21. Jahrhundert kaum mehr möglich ist. Die ETH, die Credit Suisse, die Swiss Life und die Gotthardbahn gehören zu seinem Werk. Escher gilt als wichtiger Motor der modernen Schweiz nach der Bundesstaatsgründung 1848.

Escher war ein Workaholic
«Politische Helden sind in der Schweiz verpönt», bringt es Jung in seinem Buch auf den Punkt. Die Biografie zeigt auf, wie Alfred Escher in kurzer Zeit in Zürich und Bern eine beherrschende Stellung aufbaute und wie er ins Kreuzfeuer der Kritik geriet. «Im 19. Jahrhundert gab es in der Schweiz keine andere Führungspersönlichkeit, die sich ein solches Pensum zugemutet und ein solches Programm absolviert hätte», so Jung. Dass diese Arbeitslast bisweilen ungesund war, verdeutlicht die Tatsache, dass sich Escher in seinem Direktionsbüro bei der Nordostbahn ein Bett aufstellen liess. Im Nationalrat in Bern blieb er im Saal sitzen, wenn die Debatten vorüber waren. Er bereitete Geschäfte der folgenden Tage vor, schrieb an Reden und las sich in Dossiers ein. «Und dann kam es vor, dass er einnickte, spätabends», schreibt Jung.

«Seine Liebe zu Zürich war entscheidend für ihn, aber auch seine Identifikation mit der Schweiz. Es ist ihm um sein Heimatland gegangen.»

Joseph Jung, Historiker

Mit Kritik wird gespart
«Seine Liebe zu Zürich war entscheidend für ihn, aber auch seine Identifikation mit der Schweiz. Es ist ihm um sein Heimatland gegangen», sagte der Autor Jung vor kurzem im Interview. Der Historiker beschäftigt sich seit vier Jahrzehnten mit Alfred Escher.

Obwohl auch kritische Themen angesprochen werden – darunter die Plantage mit Sklaven, die Eschers Onkel auf Kuba besass –, zeichnet Jung mehrheitlich das Bild eines grossen Staatsmanns und Wirtschaftsführers. Das Privatleben, darunter die Beziehung zu seiner erstgeborenen Tochter Lydia, der Tod seines Vaters, seiner Frau und seiner zweitgeborenen Tochter Hedwig werden nur gestreift. Dies ist allerdings auch der Kompaktheit der interessanten Biografie geschuldet.

Alfred Escher, der im Landsitz Belvoir in der damals eigenständigen Gemeinde Enge lebte, starb am 6. Dezember 1882. Der Zürcher, der schon in den Jahren zuvor immer wieder von Krankheiten heimgesucht worden war, konnte nie selbst durch den Gotthard fahren. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof Manegg. Sein Denkmal steht prominent auf dem Bahnhofplatz in Zürich.

Joseph Jung: Alfred Escher – Visionär, Grossbürger, Wirtschaftsführer. 128 S. www.pioniere.ch

Uhrzeit umstellen für den europäischen Zusammenhalt – die EU soll sich lieber um wichtigere Themen kümmern

Die sogenannte Zeitumstellung – also der Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit – ist ein fruchtbarer Boden für ziellose Diskussionen. Vorgestern ging eine Umfrage der Europäischen Kommission zu diesem Thema zu Ende. Die Kommission wollte die Meinungen der europäischen Bürgerinnen und Bürger, Interessenträger und Mitgliedstaaten zu möglichen Änderungen der derzeitigen Sommerzeitregelung wissen. «The choices offered in the consultation include permanent summer time or permanent winter time», schreibt «Politico»Laut der «Welt» seien mehr als 4,6 Millionen Antworten eingegangen. Im Vergleich dazu: In den 28 EU-Staaten leben gemäss Eurostat aktuell über 512 Millionen Menschen.

Das Ergebnis wurde zwar noch nicht veröffentlicht, aber schon jetzt ist klar, dass die Umfrage keinen bindenden Charakter hat. Es handelt sich um kein Referendum, das letzte Wort haben die Mitgliedsstaaten, die fraglos kein Interesse an von Land zu Land unterschiedlichen Regelungen für Winter- oder Sommerzeit im Europäischen Binnenmarkt haben dürften. Alleine schon aus wirtschaftlichen Gründen. Übrigens: 1978 hatte eine grosse Mehrheit der Schweizer Stimmbevölkerung Nein zur Zeitumstellung gesagt, 1981 wurde sie aber trotzdem eingeführt – weil die Nachbarländer die Sommerzeit hatten. Würde sie also wieder abgeschafft, müsste die Schweiz der EU wohl folgen, um selbst keine Nachteile zu haben.

Besser wichtige Themen erörtern
Bis es so weit ist und die EU-Länder sich einheitlich für oder gegen eine Abschaffung der «Daylight Saving Time» entschieden haben, wird noch einige Zeit vergehen. Dass die Zeitumstellung jedes Jahr zu Stammtisch-Diskussionen führt, ist bekannt. Ob dank der Sommerzeit wirklich weniger Energie verbraucht wird, darf zumindest bezweifelt werden. Und ob Kühe deswegen weniger Milch geben, wenn sie früher gemolken werden, auch. Immer wieder wurden Studien zum Einfluss der Zeitumstellung angefertigt, die aber zu gegensätzlichen Ergebnissen kamen. Das wirft allerdings die Frage auf, welchen Zweck die EU mit dieser Umfrage wirklich verfolgt. Klar, die Bürgerinnen und Bürger fühlen sich einbezogen, bei einem Thema, welches sie vielleicht persönlich im Alltag stört. Doch das Problem scheint wiederum kaum so drängend, dass es überhaupt oben auf der Tagesordnung der Europäischen Kommission stehen müsste. Es wirkt so, als würde sich Brüssel beim Volk beliebt machen wollen. Frei nach dem Motto: «Seht, wir kümmern uns eben doch.»

Wäre es aber nicht wichtiger, die Bewohnerinnen und Bewohner zu anderen Thema zu befragen, etwa zur Migrations- oder Energiepolitik? Diese Auseinandersetzung wäre bedeutsamer und sie würde wohl zu roten Köpfen führen. Gerade dort, wo es wirklich brennt, hat die EU Hemmungen, das Volk anzuhören. Oft steht die Meinung des Einzelnen der politischen Haltung Brüssels diametral gegenüber. Bei der Zeitumstellung kann man ja mal fragen, schadet ja nicht. Doch für den Zusammenhalt des europäischen Projekts ist es wichtig, alle an Bord zu holen und nicht nur dann nach der Stimmung zu fragen, wenn es sich um ein unwichtiges Thema handelt.

Ein Wahlzürcher leitete den Orientexpress

Zürich 2: «Ein Wahlzürcher leitete den Orientexpress»
Zürich 2: «Ein Wahlzürcher leitete den Orientexpress»

Zuerst veröffentlicht in «Zürich 2» vom 14. Juni 2018.

Er ist ein Star in Film und Literatur: Der Orientexpress. Ein neues Buch beleuchtet das Wirken von Jakob Müller, der die Orientbahn durch die Wirren des Ersten Weltkriegs erfolgreich leitete.

Es war eine Zeit des Aufbruchs und der Gotthard-Durchstich das Thema der Epoche. Der «Hype» der Eisenbahnen hatte auch Einfluss auf den jungen Jakob Müller aus dem luzernischen Rain. Kein Wunder also, trat er 1875 bei Alfred Eschers Nordostbahn ein – wohl für eine betriebliche Anlehre, wie es im neuen Buch «Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn» heisst. «Die Schweiz war ein bevorzugter Arbeitsmarkt für Ingenieure und Beamte des Eisenbahnwesens», schreibt Autor Karl Lüönd. Entsprechend konnte es auch passieren, dass die Fachkräfte vom Ausland abgeworben wurden.

Jakob Müller verschlug es 1877, mit 20 Jahren, nach Konstantinopel. Dort nahm er eine Stelle als Stationsvorsteher an. Seit 1883 verkehrte der Orientexpress zwischen Paris und der damaligen Hauptstadt des Osmanischen Reichs und Müller arbeitete quasi an deren Endstation im Orient.

Osmanisches Reich fiel zusammen
Doch der Luzerner, der seinen Ruhestand am Zürichberg verbrachte, stieg rasch auf. Mit 42 Jahren wurde er Subdirektor der Betriebsgesellschaft der Orientalischen Eisenbahnen – kurz Orientbahn. Eben dieser Bahngesellschaft, die den weltberühmten Orientexpress betrieb. Sein Jahresgehalt betrug 32 000 Francs, was für damalige Verhältnisse «ein fürstliches Auskommen» darstellte. Der Vizedirektor einer schweizerischen Grossbank habe maximal 20 000 Franken verdient.
Das Einkommen ermöglichte Müller laut Lüönd einen komfortablen Lebensstil. Im Sommer lebte er mit seiner Familie in einer Villa am Bosporus, nahe der Orientbahn, «sodass der Vater zu Fuss zum Dienst gehen konnte». Im Winter wohnte man im Konstantinopler Ausländerviertel Pera in einer grossen Wohnung. «Wenn die Familie in die Schweiz reiste, wurde ein Extrawagen an den Orientexpress gehängt», so Lüönd.

Doch das Geld musste sich der spätere Wahlzürcher verdienen. Das Osmanische Reich war im Begriff zusammenzubrechen. Die Griechen und Bulgaren sowie Serbien forderten die Unabhängigkeit. Im Buch dokumentiert Karl Lüönd die damalige Zeit unter anderem anhand von Fotografien aus einem von Jakob Müller angelegten Album. Am 5. Juni 1911 reiste Sultan Mehmed V. für drei Wochen durch die europäischen Provinzen seines Reiches. Er wollte dem wachsenden Nationalismus bei seinen Untertanen entgegenwirken. Müller, der dem Sultan freundschaftliche verbunden war, begleitete ihn und fotografierte das Geschehen. Obwohl die Bilder geordnete Verhältnisse zeigen, kam die Friedensmission zu spät. Von 1912 bis 1913 wüteten die Balkankriege. Das Osmanische Reich war gezwungen, sich im europäischen Teil seines Staatsgebiets bis auf die Grenzen der heutigen Türkei zurückzuziehen. Müllers Ziel, ab 1913 als «oberster Manager», war es immer, die Orientbahn weiter zu betreiben – was viel diplomatisches Geschick erforderte. «Der Alltag in diesen unruhigen Zeiten war turbulent», schreibt Lüönd, der bereits über fünfzig Biografien und Sachbücher publiziert hat. Im Sommer 1911 sei keine Woche ohne Zwischenfälle vergangen. Am laufenden Band gab es Bombenattentate auf die Gleise. «Die im Balkankrieg angerichteten Schäden an Strecken und Rollmaterial der Orientbahn waren enorm», so Lüönd. Mehrere Brücken und Viadukte waren gesprengt worden. Auf dem Hauptnetz befanden sich 16 von 79 Lokomotiven in fremden Händen.

Bahn war stets rentabel

Doch selbst als der Erste Weltkrieg folgte, rentierte die Orientbahn weiter. Die Einnahmen aus dem Personenverkehr schwanden zwar massiv dahin, dafür nahmen Waren- und Truppentransporte zu. Zudem betrieb die Gesellschaft den öffentlichen Nahverkehr in Konstantinopel und Saloniki. Neben vielen geschichtlichen Informationen beleuchtet das vom Verein für wirtschaftshistorische Studien herausgegebene Werk die interessanten Hintergründe rund um die Finanzierung der Bahn.

Mit 60 Jahren, am 26. November 1917, gab Müller seinen Rücktritt. 40 Jahre im Dienst der Orientbahn waren wohl genug. «Offenkundig sah Müller das Nachkriegs-Chaos kommen und zog sich rechtzeitig zurück», urteilt Lüönd. Er zog in die Schweiz, nach Zürich. Dort lebte der an Lungenkrebs erkrankte Bahnpionier fünf Jahre an der Germaniastrasse 56. Er wurde am 16. Oktober 1922 auf dem Friedhof Nordheim nahe des Bucheggplatzes beigesetzt.

Karl Lüönd: «Der Türken-Müller. Ein Luzerner und die Orientbahn». 96 Seiten, 69 Abbildungen. www.pioniere.ch

Ich, der Apfelkenner

Legen wir die Fakten auf den Tisch: Diese Seite könnte deutlich mehr Besucherinnen und Besucher vertragen. Allerdings ist es ja nicht gerade so, als würde ich mit meinen selten gewordenen Beiträgen überhaupt den Versuch wagen, mehr Leserinnen und Leser anzulocken. Nun denn, umso schöner, wenn man plötzlich seit einigen Tagen Referrals von völlig ungeahnter Herkunft erhält – nämlich vom deutschen Wikipedia.

Trommelwirbel… Hintergrund ist ein Artikel, den ich 2016 für den leider eingestellten Schweizer «Wochenspiegel» geschrieben habe, nämlich über die Apfelsorte Sternapi. Während der Text zu seiner Zeit nicht einmal für einen bösen Anruf gesorgt hat, scheint er zwei Jahre später nun dafür umso beliebter zu sein.

Screenshot Wikipedia-Seite zur Apfelsorte Sternapi

Ich weiss nicht, wem ich diese Ehre zu verdanken habe – aber danke an Unbekannt. Und übrigens: Schon vor ein paar Wochen hat mich jemand netterweise auf seinem Blog wegen des Sternapi-Artikels verlinkt. Auch dafür nachträglich danke.

Fazit: Ich sollte mehr über (alte) Apfelsorten schreiben.

Lass deine Freunde machen was sie wollen – Vergleiche sind der Anfang vom Ende

Beziehung. Was ist das eigentlich genau? Während einige in meinem Alter bereits an ihrem Nest bauen, fühle ich mich noch viel zu jung dazu. Also nicht «Jung, wild & sexy», wie in der gleichnamigen (dämlichen) Sendung des Schweizer Privatsenders «3 Plus», aber auch nicht «My Big Fat Greek Wedding» reif. Nicht nur, weil meine Freundin keine Griechin ist. Immerhin befinden sich viele meiner Freunde noch im ähnlichen Lebensabschnitt wie ich. Gewisse studieren noch, andere haben erst gerade abgeschlossen und einigen fehlt schlicht und einfach die Partnerin oder der Partner. Meiner Freundin geht es ähnlich, doch sie verspürt den Druck als Frau noch stärker als ich. Das mag biologische, aber wohl eher gesellschaftliche Gründe haben.

Wenn man nach einer gewissen Frist keine gemeinsame Wohnung bezogen hat, dann läuft doch etwas nicht richtig. Und auf jeden Schritt muss direkt ein zweiter folgen. Party machen, Feierabend-Bierchen (oder zwei, drei), am Samstag ausschlafen und einfach die Seele baumeln lassen? Denkste. Ab einem gewissen Alter heisst es: Anstossen mit einer Tasse Tee und früh nachhause gehen. Samstag wird zuerst gebruncht, danach vielleicht gejoggt oder man radelt gleich mit dem Fahrrad um den See. Obligates Selfie inklusive. Und natürlich ist die Freundin dabei. Und der Kuss darf nicht fehlen. #RelationshipGoals. Plötzlich tauchen auf Instagram Ringfotos und solche Texte auf: «I’m getting married to my best friend.» Würg. Auf Facebook werden Baby-Fotos gepostet. Ich frage mich dann einfach, was ich verpasst habe. Müsste es in meiner Beziehung auch so sein? Habe ich etwas falsch gemacht?

Grundsätzlich ist es sicher so, dass sich eine Beziehung ständig entwickelt. Am Anfang die rosarote Brille, dann irgendwann der Alltag. Sobald der Alltag beginnt, lernt man sich noch einmal neu kennen. Bei einigen heisst es dann Endstation. Bei anderen nicht. Trotzdem ist es keine Garantie dafür, dass die Endstation niemals erreicht wird. Vom chinesischen Philosophen Konfuzius stammt der berühmte Ausspruch «Der Weg ist das Ziel». Wer aber kennt den Weg? Und will man das Ziel überhaupt erreichen? «Meine Beziehung sollte auch so sein wie die von…» ist schon der Anfang vom Ende. Vor allem wenn als Vorbild irgendwelche Stars und Sternchen dienen. Aber auch das persönliche Umfeld eignet sich nicht.

Wir haben in der Regel keinen echten Einblick in die Beziehung von anderen. Wir bekommen zu sehen, was uns die Personen zeigen wollen. Werden wir Zeuge eines Streits, kann man daraus noch lange nicht schliessen, dass eine Beziehung gut oder schlecht läuft. Handkehrum sollten wir uns von tollen Fotos in sozialen Medien ebenfalls nicht blenden lassen. «Glücklich ist man nicht dann, wenn man seine Sonnenmomente auf Instagram oder Snapchat postet und viele Likes dafür bekommt.»

Ziehen Partner zusammen, heiraten deine Freunde, kaufen sie einen Dackel und nennen ihn Fridolin, oder kriegen sie Kinder – hoffentlich war es für sie die richtige Entscheidung. Wenn sie es für dich noch nicht ist, dann hast du dich hoffentlich ebenfalls richtig entschieden. Vergleiche lohnen sich nur, wenn man die gleichen Grundlagen hat. Und jeder Mensch ist individuell. Wichtig ist, sich nicht unter Druck setzen zu lassen und an der eigenen Beziehung zu arbeiten. Dann kommen die Entscheidungen von alleine.

Warum auch 1000 Fakten gegen Trump und Co. nichts bringen, weil sie deren Anhänger nicht lesen werden, damit aber genau das Gegenteil erreicht wird

«Nothgroschen, Redakteur der ‹Netziger Zeitung›.» «Also Hungerkandidat», sagte Diederich und blitzte. «Verkommene Gymnasiasten, Abiturientenproletariat, Gefahr für uns!» Alle lachten; der Redakteur lächelte demütig mit.

Die Presse gibt in Heinrich Manns Werk «Der Untertan» kein gutes Bild ab. Der Machtmensch Diederich Hessling, der meist nach oben buckelte und nach unten trat, hatte Nothgroschen in der Hand. Was dachte sich der Redakteur wohl dabei, als er die Ergebenheitsdepesche an den deutschen Kaiser, geschrieben von betrunkenen «Kaisertreuen», zugespielt erhielt? Und als dann Diederich Hessling ihm eine gefälschte Belobigung für den Todesschützen übergab, die angeblich vom Kaiser höchstpersönlich stammte, da war er hin und weg. Die «Netziger Zeitung», das Sinnbild einer gefügigen Presse. «Aber Nothgroschen sah es nicht an, er starrte nur, wie entgeistert, auf Diederich, auf seine steinerne Haltung, den Schnurrbart, der ihm in die Augen stach, und die Augen, die blitzten», schrieb Mann.

Vor mehr als hundert Jahren hat der Schriftsteller seinen wohl bekanntesten Roman beendet. Bis er als Buch erscheinen konnte, fiel er der Zensur zum Opfer, danach wurde das Werk zum Kassenschlager. Die wahre Bedeutung können wir aber nur aus der Distanz erahnen. «Der Untertan» ist eine satirischer Roman, aber nicht nur. Es ist vor allem eine Zeitdiagnose des bürgerlichen Deutschlands unter der Regierung Kaiser Wilhelms II. Nun, ich bin kein Historiker und schon gar kein Literaturwissenschaftler. Aber irgendwie scheint es mir, als würde ich Parallelen zur heutigen Gesellschaft erkennen können.

Steigende Abozahlen dank Trump
Wilhelminismus nennt man die Epoche unter Kaiser Wilhelm II. Trumpismus, Putinismus, Erdoganismus – so könnte man die heutige Zeit umschreiben. In einem älteren Beitrag habe ich geschrieben, dass Trump eine Chance für guten Journalismus ist. Dieser Meinung bin ich immer noch. Tatsächlich aber ist er das nur, wenn sich die Medien bewusst sind, wie unsere Gesellschaft funktioniert. In «Der Untertan» sehen die «Kaisertreuen» eine Gefahr in der freien Presse, nutzen sie aber geschickt aus, um ihre Botschaft zu verkünden. Trump, Putin und Erdogan haben Mühe mit den Medien. Vor allem dann, wenn sie nicht das bringen, was sie gerne von sich selbst hören, lesen oder sehen wollen. Trump bewirkt mit seinem Widerstand gegen die unliebsamen Medien gar das Gegenteil. Zeitungen wie «New York Times» sollen sich angeblich steigenden Abozahlen erfreuen dürfen.

Das Dumme ist, dass die neuen Leserinnen und Leser auch bei der «New York Times» die von den genannten Herren und ihren politischen Hintermännern gestreuten Botschaften vorgesetzt bekommen. Manchmal mit mehr oder weniger treffender Einordnung der jeweiligen Journalistinnen und Journalisten – nichtsdestotrotz aber im Kern das Programm der Kritisierten. Also genau das Gegenteil, was man erreichen möchte. Hinzukommt, dass Trump-Wähler keine «New York Times» oder «Washington Post» lesen. Sie sehen auch kein «CNN», bei vielen läuft «Fox News» in der Dauerschleife. Wer die «New York Times» liest, der hat sie abonniert, weil er sich in seiner Meinung bestätigen lassen will. Er würde das Abonnement vermutlich wieder kündigen, wenn man plötzlich positiv über den aktuellen US-Präsidenten schriebe.

Esel vor dem Karren
Trump, Putin oder Erdogan selber dürfte es eigentlich egal sein. Ihre Botschaft kommt vors Volk. Entweder von den gefügigen Medien oder den anderen, die sich als Esel vor den Karren spannen lassen und sich als freie Medien bezeichnen. Auch dazu hat Heinrich Mann einen schönen Satz geschrieben: Diederich rief aus: «Mein schönster Lohn ist es, dass der ‹Lokal-Anzeiger› meinen schlicht bürgerlichen Namen vor die Allerhöchsten Augen selbst gebracht hat!»

Nachricht und Kommentar strikt trennen
Doch statt jetzt von einem Ende der vierten Gewalt jammern zu müssen, braucht es Taten: Zuerst einmal eine strikte Trennung von Nachricht und Kommentar. In einigen Zeitungen werden Beiträge mit Wertungen mit grauem statt schwarzem Titel versehen. Das reicht aber nicht aus, weil es zu wenig auffällt. Medien können nur Vertrauen schaffen, wenn sie transparent machen, wo Wertungen enthalten sind. Fakten prüfen, suchen und einordnen kann der Journalist, in dem er Experten sprechen lässt. Alles andere gehört in den Kommentar. Zudem ist Ausgewogenheit äusserst wichtig. Zeitungen müssen keine Politik betreiben, sie müssen die Politik überwachen. Wer anfängt, Partei zu ergreifen, der vertreibt genau die Menschen, die er eigentlich überzeugen möchte. Und genau dann wird es gefährlich. Und zu guter Letzt: Jemand ist immer schneller. Den Wettbewerb mit den sozialen Medien können klassische Medien nicht gewinnen. Wer sich darauf einlässt, der tut genau das, was sich Diedrich Hessling nie hätte träumen lassen. «Hurra – hurra – hurra!», würde Diederich gemeinsam mit Trump, Putin und Erdogan rufen.

Trump ist eine Chance für guten Journalismus

«I don’t like tweeting, I have other things I could be doing», sagte der US-Präsident Donald Trump kürzlich gegenüber «Fox News». «But I get very dishonest media, very dishonest press and it’s my only way that I can counteract.» Bei anderer Gelegenheit soll er Journalisten als «among the most dishonest human beings on earth» bezeichnet haben. Grund dafür war die Berichterstattung über die Anzahl Personen, die seine Inauguration besucht haben. Natürlich musste sich auch sein Mediensprecher Sean Spicer dazu äussern. Stichwort «Fake-News».

Nun, es ist mir gelinde gesagt völlig egal, wie viele Leute bei Trumps Amtseinführung dabei waren. Präsident Donald Trumps Meinung zu den Medien in allen Ehren – viel wichtiger ist es, diese unglaubliche Chance zu nutzen. Während sich traditionelle Medien seit Jahren gegen Niedergang stemmen, könnte ihnen jetzt eine besonders wichtige Rolle zuteilwerden. In diesen Zeiten ist es umso wichtiger, dass nicht alles einfach für bare Münze genommen wird. Doch wie damit umgehen? «How to deal with Trump’s tweet?» Das fragte sich auch «CNN».

Bisher lief das so: Trump haut seine 140-Zeichen in die Tastatur, klickt auf «Tweet» und kurz darauf berichten die Medien darüber. Ein Beispiel:

Vor knapp einer Stunde schrieb Donald Trump: «Wow, television ratings just out: 31 million people watched the Inauguration, 11 million more than the very good ratings from 4 years ago!» Wenig später war die Aussage bereits Teil eines Artikels von «The Guardian». In diesem Fall ist der Schaden gering, denn die britische Zeitung liess den Tweet nicht völlig unkommentiert und schrieb: «His comparison was with Barack Obama’s second inauguration, an event inevitably less watched than his first which attracted crowds of a similar size to Saturday’s Women’s March on Washington.» In anderen Fällen haben die Medien aber geholfen, Aussagen von Trump ohne Faktencheck weiterzuverbreiten.

Im besten Fall sollte es so laufen: Trump haut seine 140-Zeichen in die Tastatur, klickt auf «Tweet» und es passiert erstmal gar nichts. Dann prüfen die Journalistinnen und Journalisten die Fakten und stellen die Aussage in den richtigen Kontext. Man kann auf der Redaktion immer noch entscheiden, ob überhaupt darüber berichtet werden muss. Das schöne an den sozialen Medien ist ja, dass jeder Interessierte daran teilhaben kann – ohne Abo. Wenn Präsident Trump schon die Medien umgehen will, weil er ihnen nicht vertraut, dann sollten diese aber nicht gleichzeitig alles weitergeben, was er in 140 Zeichen fassen kann. Dieser Verlautbarungsjournalismus ist gefährlich. Genau hier müssen die traditionellen Medien ansetzen: Fakten prüfen und erst dann berichten. Das ist richtiger Journalismus. «The Washington Post» geht sogar einen Schritt weiter und bietet den «Fact Checker». Und wer richtigen Journalismus betreibt, der gewinnt an Glaubwürdigkeit und vielleicht am Ende wieder an Lesern oder Zuschauern. Trump ist also eine Chance für guten Journalismus.

Schokolade zum Frühstück?

Obwohl der Film «Bridget Jones’s Diary» schon etwas Staub angesetzt hat: Der Zusatz des deutschen Titels – Schokolade zum Frühstück – passt fast perfekt zum morgigen Katerfrühstück. Doch ob 2017 so bitter weitergeht, wie das vergangene Jahr geendet hat, oder vielleicht doch etwas süsser wird, hängt von jedem Einzelnen ab.

2016 brachte uns President-elect Donald Trump, Flüchtlinge, die humanitäre Katastrophe im Syrien-Krieg, die Anschläge in Nizza und Berlin, der Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union, grosse Wahlerfolge der Alternative für Deutschland (AfD) und das Desaster um die österreichischen Präsidentschaftswahlen. Nur einige Höhepunkte, die uns 2016 serviert hat. Alles in allem war es ein Jahr geprägt von Populismus, Angst, Verunsicherung und Einigelung. Beinahe kein Land der westlichen Welt, welches sich nicht einigeln möchte. Gerade in Europa ist eine starke Tendenz zur Abschottung festzustellen. Ein Blick in die Geschichte zeigt aber, dass Emigration für die Bevölkerung des Kontinents früher die einzige Möglichkeit war. Auch die Grenzen in Europa waren lange Zeit nicht fest, wurden immer wieder durch Kriege verändert und künstlich gezogen.

1291 wird von der Schweiz als Geburtsjahr gefeiert, dabei gab es damals nur ein paar Gebiete, die sich zusammentaten und sich langsam mehr Freiheiten erarbeiteten – weiterhin unter fremden Herrschern. 1499 verteidigte man im Schwabenkrieg zwar die Ansprüche auf faktische Unabhängigkeit gegen die Habsburger Herrscher, verstand sich aber weiter als Teil des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Erst im Westfälischen Frieden 1648 sei der Schweiz die Exemtion vom Reich, also die Freistellung von Lasten und Pflichten, zugestanden worden, so das «Historische Lexikon der Schweiz». Von Schweizer Identität konnte trotzdem noch lange nicht die Rede sein. Und auch in anderen Ländern Europas veränderten sich die Grenzen häufig. Man darf also nicht davon ausgehen, dass in den nächsten hundert Jahren alles so bleiben wird, wie es aktuell ist.

Europa ist längest mehr als ein Kontinent mit einzelnen Staaten. Nationalstolz ist gut und recht, wenn man im Fussballstadion sitzt und «seine» Mannschaft anfeuert oder den Nationalfeiertag feiert. In einer globalisierten Welt interessieren Grenzen aber nur auf dem Papier. Mit oder ohne EU: Unsere Gesellschaft funktioniert durch ein Miteinander aller Bürger – egal in welchem Land. «Wo Europa – wie im globalen Wettbewerb, beim Schutz unserer Aussengrenzen oder bei der Migration – als Ganzes herausgefordert wird, muss es auch als Ganzes die Antwort finden – egal wie mühsam und zäh das ist», sagte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel heute Abend in ihrer Neujahrsansprache.

Statt uns über Flüchtlinge aufzuregen, wenn sie vor unseren Toren stehen, müssen Lösungen gesucht werden, damit diese Menschen keinen Grund mehr zur Flucht haben. Das funktioniert nicht, wenn ein Land einen Alleingang macht oder ein anderes die Grenzen schliesst. Alleine können wir keine Krisen lösen. Und diese bringt uns 2017 ebenso wie 2016. Das nächste Jahr wird nicht süss wie Schokolade. Dafür haben wir zu viele offene Baustellen. Bei den Präsidentschaftswahlen in den USA verlor Hillary Clinton unter anderem, weil viele «Demokraten» sie nicht wählten. «Trump did not win because he was more attractive to this base of white voters. He won because Hillary Clinton was less attractive to the traditional Democratic base of urban, minorities, and more educated voters», schreibt «Forbes». Hinzukommt, dass beispielsweise die Mehrheit der Anti-Trump-Demonstranten in Portland gar nicht an die Urne ging.

Jeder einzelne hat in einer Demokratie eine Stimme, doch wir jammern lieber über unser Schicksal, statt es selbst in die Hand zu nehmen. In Westeuropa haben wir glücklicherweise die Freiheit, wählen und abzustimmen zu dürfen. Die Frage ist wie lange noch, wenn die Gleichgültigkeit weiter zunimmt. Wir alle können dafür sorgen, dass 2017 zumindest nicht so bitter wird, wie Schokolade auch schmecken kann.

Das Schlimmste ist eigentlich die Überwindung

Sobald wir geboren werden, haben die Menschen Erwartungen an uns. Zuerst soll man möglichst zufrieden wirken, oft und viel lächeln, wenig schreien und süss aussehen. Bald darauf sollen wir nicht mehr kriechen und dürfen unsere ersten Worte artikulieren. Bis dahin war unser Leben kurz, es verlief im Schneckentempo. Je älter wir werden, desto mehr haben wir von der Strecke unseres Lebens hinter uns gebracht, viele Erwartungen erfüllen können und Erfahrungen gesammelt. Mittlerweile gehen wir selbst auf das Töpfchen, wir brauchen niemanden der uns füttert und lieben philosophische Diskussionen. Bestimmt haben wir aber auch enttäuscht.

Erwartungen anderer kann man viel leichter enttäuschen, als Erwartungen an die eigene Person. Wenn wir das Leben als Arena sehen, in der wir täglich der Öffentlichkeit dienen sollen, dann braucht es viel Mut unter dem Druck nicht einzubrechen. Wer wollte sich morgens nicht schon gerne unter der Decke verkriechen? Man stelle sich vor, die Sonne sei ein riesiger Scheinwerfer und jeden Abend wird im Fernsehen dein Leben gezeigt. Die Moderatorin verweist fröhlich auf die Zusammenfassung des Tages und bittet die Zuschauer um ihre Meinung. Für jeden Bürger der wahre Horror. Ein Traum für die B- und C-Prominenz.

Es braucht also Willenskraft die Arena «Gesellschaft» zu betreten. Für die holde Weiblichkeit scheint mir dies besonders hart. Als Mann muss man sich einmal im Leben entscheiden ob man Typ «Beckham» oder Typ «Räuber Hotzenplotz» sein möchte. Als Frau erfüllt man die Erwartungen nur wenn man täglich wie eine ungesunde Mischung aus «Angela Merkel» und «Kim Kardashian» in die Arena tritt. Der Weg als Laufsteg durch die Arena des Lebens.

Der Weg ist das Ziel
Vom chinesischen Philosophen Konfuzius stammt der berühmte Ausspruch «Der Weg ist das Ziel». Wer aber kennt den Weg? Oft hat man verschiedene Möglichkeiten ein Ziel zu erreichen. Die gefährlichen, spannenden Wege und die Umwege. Wer den direkten Weg wählt, der muss manchmal durch Feuer springen. Die Menschen rufen «Lerne!», «Arbeite!», «Habe Spass!», die Kirche ruft «Glaube!», «Bete!» und der Staat ruft «Zahle deine Steuern!». Wer nie tut, was das Umfeld will, der kann eigentlich nur Künstler werden oder Philosophie studieren.

Irgendwann endet die Strecke des Lebens. Die Lampe im Scheinwerfer brennt nicht mehr so stark. Das Interesse des Publikums schwindet. Es wird zwar immer noch erwartet, dass man selbstständig aufs Töpfchen geht und sich selbst füttern kann. Manche können diese Erwartung trotzdem nicht mehr erfüllen. In Ruhe kann man sich dann für erfüllte Erwartungen auf die Schulter klopfen und unerfüllten Erwartungen nachtrauern. Wer will sucht nach Ausreden. Wer nicht darüber nachdenken will, der fängt an seinen Enkelkindern Anforderungen zustellen. Man kann ja die Birne im Scheinwerfer ersetzen und ihn auf andere Menschen richten. Im Innersten weiss jeder: Das Schlimmste ist eigentlich die Überwindung.